Katholikentreffen in Dresden 1987
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Vor 30 Jahren fand das einzige Katholikentreffen der DDR statt

"Es war wie ein großes Familientreffen"

DDR - Katholiken hatten es in der DDR nicht leicht: Sie konnten ihren Glauben nur praktizieren, wenn sie gesellschaftliche Nachteile in Kauf nahmen. Doch 1987 kam es zum historischen Katholikentreffen mit 100.000 Gläubigen in Dresden.

Von Roland Müller |  Dresden - 10.07.2017

Katholisch zu sein und seinen Glauben zu leben war in der DDR ein Wagnis. Denn Christen hatten im sozialistischen Deutschland viele Nachteile: Meist durften sie nicht studieren, konnten ihre Berufe nicht frei wählen und waren gesellschaftlich isoliert. Auch größere öffentliche Versammlungen der Kirche waren verboten. Dies änderte sich jedoch in den letzten Jahren der DDR: Vom 10. bis 12. Juli 1987 fand in Dresden ein historisches Katholikentreffen statt, zu dem 100.000 Teilnehmer kamen.

Die Besucherzahl übertraf sogar die Erwartung der Organisatoren. Sie hatten nur mit 60.000 Besuchern gerechnet. Etwa so viele Katholiken waren zur Feier des 750. Todestags der heiligen Elisabeth 1981 nach Erfurt gepilgert. Die Elisabeth-Wallfahrt war das Vorbild für das offiziell einzige Katholikentreffen zu DDR-Zeiten. Es musste "schön versteckt stattfinden", erinnert sich der Dresdner Altbischof Joachim Reinelt. Die Dresdner hätten kaum etwas von dem Treffen mitbekommen. "Da hat die 'große rote Macht' schon alles daran gesetzt", so Bischof Reinelt.

Das Katholikentreffen in Dresden fand 1987 unter dem Leitwort "Gottes Macht - Unsere Hoffnung" statt.

Und doch konnte die Berliner Bischofskonferenz das Katholikentreffen unter dem Leitwort "Gottes Macht – Unsere Hoffnung" veranstalten. Dabei war bewusst auf die Bezeichnung Katholikentag verzichtet worden. Denn Katholikentage fanden auch in Westdeutschland statt und waren seit ihrer Gründung im 19. Jahrhundert ein Ausdruck der katholischen Opposition gegen den Staat. Hinzu kam, dass die Kirche in der DDR nach 40 Jahren viel Erfahrung mit dem SED-Regime gesammelt hatte. Sie kannte ihre kirchenpolitischen Grenzen und wusste was sie tun konnte und was nicht. Um keinen Anstoß bei der kirchenfeindlichen Regierung zu erregen, wurde der politische Aspekt eines Katholikentags ausgespart und der Wallfahrtscharakter des Katholikentreffens betont.

Für Klemens Ullmann war das Dresdner Katholikentreffen von 1987 eine "fast einmalige Situation". Das Treffen habe das "Wir-Gefühl" gestärkt: "Es war wie ein großes Familientreffen", erinnert sich der 78-jährige Priester. Heute hat Ullmann als Domdekan eine wichtige Position im Bistum Dresden-Meißen inne. Zur Zeit des Katholikentreffens war er Pfarrer einer kleinen Gemeinde in Großenhain, nördlich von Dresden. An die Tage in Dresden kann er sich lebendig erinnern: "Das Treffen war eine innere Stärkung" angesichts der schwierigen Situation der Katholiken in der DDR, die nur etwa drei Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten. Positiv war die Unterstützung, die bei der Vorbereitung erfahren wurde. So halfen auch evangelische Christen dabei, Lebensmittel für die Teilnehmer und benötigte Materialien zu beschaffen. Und auch Vertreter anderer Religionsgemeinschaften und selbst SED-Politiker nahmen am Katholikentreffen teil. Denn in Dresden waren die Beziehungen zwischen Kirche und Staat besser, als in anderen Regionen der DDR.

Klemens Ullmann ist seit Oktober 2013 Domdekan und leitet das Domkapitel St. Petri zu Dresden.

Die Katholiken fühlten zudem, dass sie mit der Weltkirche verbunden waren: Papst Johannes Paul II. nahm zwar nicht selbst teil – das hatte die DDR-Führung ausdrücklich verboten – doch er entsandte mit Kardinal Joseph Ratzinger, dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, einen hochrangigen Vertreter nach Dresden. Aus der Bundesrepublik kam der Mainzer Bischof Karl Lehmann, der damals noch stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz war.

Mit 100.000 Teilnehmern kam etwa ein Achtel aller Gläubigen der DDR nach Dresden. Sonst erlebten die Katholiken Gottesdienst in ihrer Heimatgemeinde – oft mit nicht mehr als 15 Gläubigen. Beim Abschluss-Gottesdienst in Dresden waren es 80.000 Katholiken: eine bewegende Erfahrung für viele. Die Übernachtung erfolgte bei Gastfamilien und Kirchengemeinden in Dresden, weiß Domdekan Ullmann zu berichten. Dadurch entwickelten sich oft Freundschaften, die lange bestanden und durch das Schreiben von Briefen und Besuchen quer durch die DDR gepflegt wurden.

Nach der Anreise am Freitag, folgte der Begegnungstag am Samstag. Wie bei West-Katholikentagen gab es ein Rahmenprogramm, einen Basar und andere Begegnungsmöglichkeiten. Zudem wurden Arbeitskreise zu kirchlichen Themen mit Delegierten der Gemeinden veranstaltet. Eine Vesper in der Dresdner Hofkirche, Konzerte mit geistlicher Musik, Gemeindeabende und eine "Exodusfeier" der Jugend am Elbufer rundeten das Abendprogramm an. Der Sonntag war als Wallfahrtstag deklariert und der eigentliche Anlass des Katholikentreffens. Für die Katholiken in der DDR waren "Wallfahrten sehr wichtig", erklärt Ullmann. Auf der Festwiese im Großen Garten nahe der Dresdner Innenstadt fand der große Abschlussgottesdienst statt.

Kardinal Joachim Meisner war von 1980 bis 1989 Bischof von Berlin. Anschließend war er bis 2014 Erzbischof von Köln. Er verstarb am 5. Juli 2017 im Alter von 83 Jahren.

Klemens Ullmann ist vom Katholikentreffen in Dresden besonders ein Satz aus einer Predigt des damaligen Berliner Bischofs, Kardinal Joachim Meisner, im Gedächtnis geblieben. Bei der Abschlussmesse sagte der kürzlich verstorbene Meisner: "Wir wollen keinem anderen Stern folgen als dem von Betlehem." Nach Meisners Worten brandete frenetischer Beifall auf. Die Kritik an der sozialistischen Herrschaft war nicht ausdrücklich, doch das musste sie gar nicht sein. "Alle wussten sofort, was er meinte", erinnert sich Ullmann. Denn der rote Stern war als kommunistisches Zeichen im Alltag der DDR sehr präsent.

Wir wollen keinem anderen Stern folgen als dem von Betlehem.

Zitat: Kardinal Joachim Meisner beim Katholikentreffen 1987

Beim Katholikentreffen wurde so etwas deutlich, das die Kirche der DDR kennzeichnete: die Nähe der Bischöfe zum Volk. Es bestand immer ein Kontakt zwischen den Hirten und der Herde, meint Ullmann. Und das obwohl die Gläubigen mehr mit der harten Realität des DDR-Apparates konfrontiert waren als die Bischöfe und Priester. Diese lebten "auf einer Insel", so Ullmann, denn sie befanden sich außerhalb des staatlichen Systems. Umso mehr schmerzte es die Kirche der DDR, wenn sich Gläubige um die Ausreise in die Bundesrepublik bemühten. Da konnte "das Wunder des Katholikentreffens" dazu beitragen, dass man in der schwierigen Situation in der DDR Luft holte: "Es war auf einmal ein Ventil da", erinnert sich Klemens Ullmann.

Der Dresdner Priester Dieter Grande war einer der Organisatoren des Katholikentreffens. Er maß ihm eine sehr große Bedeutung zu: "Es war der Tropfen, der in den Becher musste, damit er überläuft", sagte der inzwischen verstorbene Prälat später der katholischen Wochenzeitung "Tag des Herrn". Ob das Katholikentreffen wirklich für den Fall der Mauer verantwortlich war, ist fraglich. Doch es führte zur Gründung einer Pressestelle der Berliner Bischofskonferenz, da die Kirche erlebt hatte, was mit guter Medienarbeit zu erreichen gewesen war. Noch wichtiger: Das Katholikentreffen bewegte viele Gläubige dazu, in der DDR zu bleiben, meinte Grande. So konnten auch sie dazu beitragen, dass die Freiheit nur zwei Jahre später in ihrem Land Einzug hielt. Vielleicht dachten in den Tagen der Wende viele Teilnehmer an das Leitwort des Katholikentreffens: "Gottes Macht – Unsere Hoffnung".

Von Roland Müller