Blick über eine weite Landschaft mit Feldern und Dörfern.
Dietmar Wellenbrock leitet die größte Pfarrei Mecklenburg-Vorpommerns

Wo der Pfarrer zum Netzwerker wird

Seit Freitag ist Dietmar Wellenbrock Pfarrer von Herz Jesu in Rostock. Seine neue Pfarrei, die zum Erzbistum Hamburg gehört, ist fast so groß wie das Saarland. Wie funktioniert Kirche in solchen Dimensionen?

Von Steffen Zimmermann |  Rostock - 08.10.2017

Frage: Pfarrer Wellenbrock, Herz Jesu ist die größte Pfarrei in Mecklenburg-Vorpommern. Das Gebiet der Gemeinde umfasst rund 2.300 Quadratkilometer und ist damit fast so groß wie das Saarland. Werden Sie als neuer leitender Pfarrer künftig also vor allem im Auto sitzen, um Ihren Dienst in einem so großen Gebiet absolvieren zu können?

Wellenbrock: Das wird sicher ein Teil meiner Tätigkeit sein. Als Pfarrer möchte ich mit den Menschen meiner Gemeinde in Kontakt kommen, und deshalb muss ich sie dort besuchen, wo sie leben und wo für sie das kirchliche Leben stattfindet. Insofern werde ich sicher einen größeren Teil meiner künftigen Arbeitszeit im Auto verbringen. Ich sehe das aber nicht als Nachtteil oder gar Belastung.

Frage: Ihre Pfarrei umfasst 14 Kirchen, in denen regelmäßig Gottesdienste gefeiert werden. Hinzu kommen noch Dutzende weitere Orte kirchlichen Lebens wie Kitas, Schulen, Seniorenheime und Beratungsstellen. Das klingt nach einer enormen logistischen und personellen Herausforderung...

Wellenbrock: Einerseits ja. Allerdings muss ich als neuer leitender Pfarrer ja nicht bei null anfangen, und ich bin auch nicht allein. An allen Orten kirchlichen Lebens in unserer Pfarrei gibt es Menschen, die sich schon lange haupt- oder ehrenamtlich für Kirche engagieren. Meine Aufgabe sehe ich deshalb vor allem auch darin, diese Menschen miteinander zu vernetzen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir als Pfarrei zusammengehören. Jeder Einzelne mit seinen Fähigkeiten und seinem Engagement ist ein Teil des Ganzen – auch ich. Ohne das Pastoralteam, die Mitarbeiter in den Gemeindebüros und Orten kirchlichen Lebens sowie die vielen Engagierten vor Ort könnte ich meine Aufgabe als leitender Pfarrer gar nicht erfüllen.

Frage: Früher waren kleine Pfarreien die Regel, in der der Pfarrer meist Ansprechpartner und Bezugsperson für alles und jeden war. Das kann in einer so großen Pfarrei wie Herz Jesu nicht mehr funktionieren. Wird das Delegieren also ihre wichtigste Aufgabe sein?

Wellenbrock: Bevor ich nach Rostock gekommen bin, war ich bereits in Hamburg in einem pastoralen Raum tätig. Dort habe ich gelernt, dass man als Pfarrer tatsächlich nicht alles selber machen kann. Deshalb wird das Delegieren von Aufgaben sicher ein ganz zentraler Bestandteil meiner Arbeit als leitender Pfarrer sein. Gerade in größeren pastoralen Räumen muss die Eigenverantwortung aller Gemeindemitglieder gestärkt werden.

Dietmar Wellenbrock ist leitender Pfarrer der Pfarrei Herz Jesu in Rostock.
Bild: © Patrick Leitz

Dietmar Wellenbrock (*1965) hat in Erfurt Theologie studiert und wurde 1996 in Hamburg zum Priester geweiht. Seine bisherigen Dienststellen waren in Kiel, Schwerin und Teterow. Von 2003 bis 2009 war er Jugendpfarrer und leitete die Jugendseelsorge in Mecklenburg. Zuletzt war er Pfarrer der Pfarrei St. Katharina von Siena in Hamburg.

Frage: Gemessen an der Zahl der haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter in Ihrer Pfarrei leiten Sie künftig ein kleines mittelständisches Unternehmen. Sind Management-Qualitäten für Sie künftig wichtiger als eine seelsorgliche und theologische Expertise?

Wellenbrock: Ich denke, man darf beide Bereiche nicht gegeneinander ausspielen. Natürlich nehmen Leitungs- und Organisationsaufgaben in meiner Tätigkeit großen Raum ein. Trotzdem muss der pastorale Blick immer an erster Stelle stehen. Schließlich bin ich auch in meiner neuen Funktion immer noch in erster Linie Seelsorger.

Frage: Herz Jesu ist im vergangenen Jahr aus mehreren bis dahin eigenständigen Pfarreien neu gebildet worden. Solche Fusionen sind bei den Gläubigen meist nicht sonderlich beliebt. Wie ist Ihr bisheriger Eindruck in Herz Jesu? Hat die junge Pfarrei schon eine eigene Identität entwickelt und ziehen die Gläubigen mit?

Wellenbrock: Nach meiner bisherigen Wahrnehmung ist schon das Bewusstsein dafür da, dass hier etwas Gemeinsames neu entsteht. Aber natürlich ist das ein Prozess, der länger als nur ein Jahr dauert. Die neue Pfarrei, die neuen Strukturen müssen den Gläubigen sicher noch vertrauter werden. Vor diesem Hintergrund wünsche ich mir, dass wir alle gemeinsam auf eine Entdeckungstour gehen: Wir sollten uns die Frage beantworten, was es heißt, eine gemeinsame Pfarrei zu sein und wie das kirchliche Leben angesichts der veränderten Strukturen in Zukunft aussehen soll.

Frage: Die Zusammenlegung von Pfarreien geschieht in aller Regel aus einer Notlage heraus. Fast immer wird ein solcher Schritt mit dem Mangel an Priestern und Gläubigen begründet. Wie kann aus einer solchen Situation heraus dennoch etwas positiv Neues entstehen?

Wellenbrock: Ich denke, dass größere pastorale Räume viele Chancen eröffnen. Sie setzen allerdings voraus, dass sich jeder einzelne Gläubige klar macht, dass er als Getaufter das Gesicht der Kirche vor Ort entscheidend mitprägt. Als leitender Pfarrer will ich die Gläubigen in diesem Sinne bestärken. Das ist sicher ein Lernprozess für alle Beteiligten, denn die Erfahrung in der Vergangenheit war ja eine andere: Da gab es die kleine Pfarrei am Ort, die maßgeblich durch den Pfarrer gestaltet und repräsentiert wurde. Aber diese Zentriertheit auf die Priester können wir uns heute nicht mehr leisten, und sie widerspricht auch meinem Bild von Kirche.

Von Steffen Zimmermann