EU-Statistik zu Armut veröffentlicht

Gefahrenquelle Armut

Aktualisiert am 29.10.2014  –  Lesedauer: 
Soziales

Bonn ‐ In Industrienationen leben 2,6 Millionen Kinder wegen der jüngsten Finanzkrise in Armut . Nach einem Bericht des UN-Kinderhilfswerks Unicef stieg die Zahl der Mädchen und Jungen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, seit 2008 damit auf insgesamt 76,5 Millionen. Für die Studie wurden Daten aus 41 OECD- und EU-Mitgliedstaaten ausgewertet. Als arm galten dabei Haushalte, denen weniger als 60 Prozent des mittleren Durchschnittseinkommens zur Verfügung stand.

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Die Kinderarmut stieg seit 2008 in 23 der untersuchten Länder an; in Irland, Kroatien, Lettland, Griechenland und Island sogar um über 50 Prozent. In 18 Ländern ging sie zurück, darunter in Australien, Chile, Finnland, Norwegen, Polen und der Slowakei. In der EU befinden sich der Studie zufolge 7,5 Millionen junger Menschen zwischen 15 und 24 Jahren aufgrund der Wirtschaftskrise weder in einer Ausbildung noch in einer Anstellung.

Aus den EU-Daten der Erhebung hat das Statistische Bundesamt in Wiesbaden die Zahlen für Deutschland errechnet: Bundesweit ist fast jeder Sechste armutsgefährdet. Das sind 16,1 Prozent der Bevölkerung beziehungsweise rund 13 Millionen Menschen, wie das Amt am Dienstag mitteilte. Die Zahlen beziehen sich auf eine Rechnung für das Jahr 2013. Damit blieb der Anteil der armutsgefährdeten Personen in Deutschland gegenüber dem Jahr 2012 unverändert.

Es ist schwierig, sich aus der Armutsfalle zu befreien

In konkreten Summen bedeutet das, dass jeder, der weniger als 979 Euro netto im Monat hat, als armutsgefährdet gilt. Bei einer vierköpfigen Familie liegt die Grenze bei 2056 Euro. Obwohl der Anteil von 16 Prozent der Bevölkerung seit Jahren relativ stabil bleibt, warnt Armutsforscher Hans-Ulrich Huster: "Etwa die Hälfte davon hat keine Chance mehr, da rauszukommen."

Ein Junge in einem roten T-Shirt lächelt den Betrachter an.
Bild: ©Caritas

Ein Junge spielt in einem Flüchtlingslager in Damhamieh ( Bekaa-Tal, Libanon).

Besonders betroffen sind laut Statistik Frauen im Rentenalter und Alleinerziehende sowie fast 70 Prozent der Arbeitslosen. Fachleute halten den für 2015 geplanten Mindestlohn daher für einen richtigen Schritt: "8,50 Euro ist aber hart auf Kante genäht, das ist genau für einen Alleinlebenden die Armutsschwelle", sagt der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider.

Die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Ulrike Mascher, forderte, die vollständige Angleichung der Mütterrente. "Das Mehr an Rente muss auch für Frauen spürbar sein, die so wenig Rente bekommen, dass sie auf Grundsicherung angewiesen sind."

Arme Kinder haben weniger Chancen auf Bildung

Zentrales Anliegen müsse es sein, den Menschen einen Ausweg aus der Armutsfalle zu ermöglich, sagt der Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Wolfgang Stadler. "Denn momentan gilt: wer einmal arm ist, bleibt arm", ergänzt er. Da gerade Menschen mit niedrigem Bildungsstandard besonders gefährdet seien, müssten vor allem die Bildungs- und Betreuungsangebote besser werden.

Unicef rief die Politiker in den Industrienationen dazu auf, die sozialen Sicherungssysteme so zu stärken, damit diese auch in Zeiten der Krise funktionierten. Besonders die Belange der Kinder dürften bei allen Spar- und Reformanstrengungen nicht vergessen werden. Das könne sich in der Zukunft bitter rächen, so das UN-Hilfswerk.

Nach Angaben des Präsidenten des Deutschen Kinderschutzbunds, Heinz Hilgers, hätten arme Kinder kaum Chancen im Bildungssystem. Auch im sozialen Miteinander drohten Schwierigkeiten: Schon ein Kindergeburtstag oder eine Klassenfahrt führen laut Hilger zu Problemen, weil etwa Geld für ein Geschenk oder Taschengeld fehlt. "Da bleiben die Kinder dann lieber zu Hause." (luk/KNA/dpa)