Das Kreuzzeichen: Gott über, unter und in uns
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Warum der alte christliche Gestus auch heute noch für Kinder wichtig ist

Das Kreuzzeichen: Gott über, unter und in uns

Das Kreuz ist das Erkennungszeichen der Christen. Auch Kinder sollten es lernen. Katholisch.de erklärt, woher das Kreuzzeichen kommt und was es bei den kleinen Gläubigen bewirken kann.

Von Roland Müller |  Bonn - 19.11.2017

Das Kreuz ist das wichtigste Symbol der Christen. In wohl jeder Kirche gibt es eine Darstellung des Kreuzes – sei es als antikes Mosaik, als barockes Gemälde am Hochaltar oder als moderne Skulptur. Nicht nur in der christlichen Kunst ist das Kreuz allgegenwärtig, sondern auch im Alltag jedes Katholiken. Vor und nach Gebeten sowie mehrmals während der Feier der Heiligen Messe ist das Bekreuzigen für katholische Christen selbstverständlich. Auch zu Anfang und Ende eines Tages empfiehlt die Kirche das Kreuz auf den eigenen Leib zu zeichnen.

Erst kürzlich beklagte Papst Franziskus bei einer Audienz, dass viele Kinder das Kreuzzeichen zu hektisch machen würden. Dies sei jedoch nicht ihre Schuld, denn sie würden das Kreuzzeichen nicht gut genug kennen. Die Erwachsenen müssten ihnen zeigen, wie man es richtig ausführe.

Nach der Erfahrung von Rainer Oberthür ist jedoch den meisten Kindern aus katholischen Familien das Kreuzzeichen gut bekannt. "Wenn Kinder mit dem Beten vertraut sind, dann kennen sie auch das Kreuzzeichen", weiß der Religionspädagoge und stellvertretende Leiter des Katechetischen Instituts Aachen. Es gebe aber auch Religionslehrer und Gemeindereferenten, die abweichende Erfahrungen machten. "Diese Kollegen sagen mir, dass man schon die ganz elementaren Dinge wie das Kreuzzeichen den Kindern erklären muss."

Laut Oberthür kommt eine schwierige, aber interessante Aufgabe auf die Eltern zu, kennen die Kinder das Kreuzzeichen einmal: Der Nachwuchs frage dann häufig nach der christlichen Vorstellung der Dreifaltigkeit, so der Religionspädagoge. "Das habe ich bei einer Unterrichtsreihe zum Thema Trinität erlebt, als diese Fragen ausgehend vom Kreuzzeichen aufkamen", berichtet der Religionspädagoge. Dem Geheimnis der Dreieinigkeit könne man sehr gut mit den Gesten des Kreuzzeichens nachgehen: Denn Gott ist als Vater und Schöpfer hoch über uns, als Jesus Christus Retter und Erlöser mitten unter uns und als Heiliger Geist Kraft und Stärke in uns.

"Auf ihrer Stirn trugen sie seinen Namen"

Diese Symbolik hat bereits eine lange Tradition: Seit dem 2. Jahrhundert gehört das Selbstbekreuzigen zum Glaubensleben der Christen dazu. Es ist von seinem Ursprung her ein Zugehörigkeitszeichen zu Christus. Im Altertum war es üblich, Personen und Gegenständen die Besitzmarke ihres Herrn an gut sichtbarer Stelle einzuprägen. Auch in der Bibel wird dieser Brauch aufgegriffen. In der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch des Neuen Testaments, ist zu lesen, dass die Erlösten in der Endzeit ein Zeichen ihres Glaubens an Jesus Christus an sich haben werden: "Auf ihrer Stirn trugen sie seinen Namen und den Namen des Vaters geschrieben" (Offb 14,1).

Dieses Zeichen wird bei der Aufnahme in die Kirche als Katechumene oder Täufling als Kreuz auf die Stirn des zukünftigen Christen gezeichnet, oft verbunden mit der Salbung mit dem Katechumenen- oder Chrisam-Öl. Auch bei der Firmung erfolgt die Salbung mit heiligem Öl durch den Bischof in Form eines Kreuzes. Somit ist jedes Kreuzzeichen eine Erinnerung an die Verbindung des Gläubigen zu Jesus Christus. Besonders deutlich wird das beim sogenannten kleinen Kreuzzeichen: Im Unterschied zum weit verbreiteten großen Kreuzzeichen, bei dem ein Kreuz vom Kopf über den Bauch zu den Schultern geschlagen wird, besteht die kleine Variante aus drei mit dem Daumen gezeichneten Kreuzchen auf Stirn, Mund und Herz. Das Zeichen auf der Stirn ist die eigentliche, an die Taufe erinnernde Handlung.

Rainer Oberthür ist Dozent für Religionspädagogik und stellvertretender Leiter des Katechetischen Instituts Aachen.

Die anderen beiden Kreuzchen kamen wohl im 11. Jahrhundert hinzu, um den Segen Gottes für Gedanken, Worte und Werke zu erbitten. Vor mehreren hundert Jahren war das kleine Kreuzzeichen noch sehr verbreitet, was zur Entstehung der Redewendung "drei Kreuze machen" geführt hat. Im Ablauf der Heiligen Messe hat es seinen festen Platz vor der Verkündigung des Evangeliums.

Kindern die großen Fragen von Religion und Glaube zutrauen

Auch im Alltag von Familien gibt es viele Möglichkeiten, in denen das kleine Kreuzzeichen ebenfalls präsent sein kann. Einige Eltern segnen ihre Kinder, bevor sie sich morgens auf den Schulweg machen. Dazu machen sie ein kleines Kreuzzeichen auf der Stirn des Kindes. Früher wurde dazu auch Weihwasser verwendet, oft aus den neben den Haustüren hängenden Weihwasserbecken. Auch beim Gute-Nacht-Gebet bietet sich eine Möglichkeit, die Kinder mit dem kleinen Kreuzzeichen zu segnen.

"Ich empfehle das Bekreuzigen von Kindern sehr", unterstreicht Oberthür. "Es wird intuitiv verstanden und ist ein einfaches und oft wiederholbares Ritual." Mit seiner elementaren Sprache trage das Kreuzzeichen zur Beschäftigung der Kinder mit dem Glauben bei. Die Eltern müssten dann jedoch auch eine Atmosphäre für Fragen schaffen. Es sei wichtig, schon Kindern die großen Fragen von Religion und Glaube zuzutrauen und gemeinsam mit ihnen nach Antworten zu suchen.

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Pater Philipp Meyer von der Benediktinerabtei Maria Laach erklärt das Kreuzzeichen und seine Bedeutung.

Auch Martin Luther wusste um die Kraft des Sich-Bekreuzigens. In seinem Kleinen Katechismus schrieb er über den Morgensegen: "Des Morgens, so du aus dem Bette fährest, sollst du dich segnen mit dem Zeichen des Heiligen Kreuzes und sollst sagen: 'Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen'". Für den Abendsegen schlug er ebenfalls das Kreuzzeichen vor. Entgegen der Empfehlung des Reformators setzte sich das Kreuzzeichen in den protestantischen Kirchen nicht durch. Es wurde als äußeres Zeichen angesehen, das für das Heil nicht notwendig war.

Kreuzzeichen auch im Sport präsent

Orthodoxe Christen sehen das anders, denn sie bekreuzigen sich oft und viel: vor Kirchen, Ikonen und Reliquien. Die Orthodoxen der Kirchen mit byzantinischem Ritus, wie etwa die orthodoxen Kirchen in Russland oder Griechenland, machen das Kreuzzeichen jedoch in einer anderen Reihenfolge als die Katholiken: Auf das Bezeichnen der Stirn geht die Hand zum Bauch und danach zuerst zur rechten und dann zur linken Schulter – also genau andersherum als in der römischen Kirche. Die katholische Praxis ist jedoch die jüngere und hat sich erst im Spätmittelalter unter den Gläubigen durchgesetzt. Wahrscheinlich entstand sie aus einer Nachahmung der priesterlichen Segenshandlung durch die Gläubigen. Denn die Geistlichen segneten die Gemeinde schon damals mit der Bewegung von der linken zur rechten Schulter.

Nicht-Katholiken begegnen dem Kreuzzeichen heute regelmäßig auch außerhalb der Kirche: rund um den Sport. Fans bekreuzigen sich, wenn sie ein Stoßgebet für den Sieg ihrer Mannschaft zum Himmel schicken. Und Spieler bitten mit dem Kreuzzeichen Gott beim Betreten des Spielfelds um ein sicheres Match. Meist fällt das Sich-Bekreuzigen eher minimal und hektisch aus. Sportler und Fans könnten sich ein gutes Beispiel an Papst Franziskus nehmen und demnächst ein sauberes Kreuzzeichen hinlegen.

Von Roland Müller