Kurienkardinal: Reicht nicht, nur Lehre zu betonen
Leiter der Bischofskongregation verteidigt "Amoris laetitia"

Kurienkardinal: Reicht nicht, nur Lehre zu betonen

Er gilt selbst als gemäßigter Konservativer. Doch jetzt verteidigt auch Kurienkardinal Marc Ouellet das Papstschreiben "Amoris laetitia". Dabei spricht er sogar von einer Bekehrung.

Vatikanstadt - 22.11.2017

Der Leiter der vatikanischen Bischofskongregation, Kurienkardinal Marc Ouellet, verteidigt das päpstliche Lehrschreiben "Amoris laetitia" über Ehe und Familie. Die pastorale Bekehrung, die der Papst vorantreibe, sei "für uns Bischöfe" eine große offene Baustelle, schreibt der Kanadier in einem Beitrag für die Vatikanzeitung "Osservatore Romano" (Mittwoch). Diese Bekehrung reiche "vom Papsttum bis in die Gemeinden im Geist der Mission, des Erbarmens und besonderer Aufmerksamkeit für die Armen".

Im heutigen Übergang von christlichen zu säkularen, multireligiösen und pluralen Milieus, so warnt Ouellet, "reicht es nicht, nur die kirchliche Lehre und Disziplin zu betonen". Damit riskiere man lediglich, "den Graben zu vertiefen zwischen der Gemeinschaft der Gläubigen und den zahlreichen Familien, die in Schwierigkeiten leben" und nicht katholischen Normen eines Ehe- und Familienlebens entsprechen.

Die viel diskutierte Fußnote 351, die davon handelt, ob wiederverheiratete Geschiedenen unter Umständen zu den Sakramenten zugelassen werden können, dürfe weder mit oberflächlichem Enthusiasmus noch mit sturer Verweigerung gelesen werden, so der Kardinal. Worum es hier vor allem gehe, sei nicht ein Zugang zu den Sakramenten, sondern die Begleitung Betroffener und ihre Integration in die Kirche. Daher habe Franziskus auch nicht im Sinne früherer moraltheologischer Kasuistik konkrete Einzelfälle aufgelistet, in denen dies oder jenes erlaubt sei.

Der heilige Ignatius von Loyola als Schlüssel

Der Papst habe "den Mut und die Bravour, viel diskutierte Fragen neu anzugehen" und einen Gesprächsprozess zu beginnen. Drei Begriffe markierten seine "pastorale Wende", und zwar "begleiten, unterscheiden, integrieren". Das "grundsätzlich Neue" an "Amoris laetitia" sei die Feststellung: Nicht alle, die in sogenannten irregulären Verhältnissen leben, befänden sich im Zustand schwerster Sünde ohne die Möglichkeit heilender Gnade, erklärt Ouellet. Das Ausmaß der Schuld eines Einzelnen hänge von vielen Faktoren ab - etwa von etwaiger Unwissenheit oder tatsächlichen Wahlmöglichkeiten. All das sei in Einzelgesprächen sorgsam zu klären.

Um "Amoris laetitia" richtig zu verstehen, schreibt der Kurienkardinal, müsse man es als Anleitung zur Seelsorge im Sinne der geistlichen Übungen des heiligen Ignatius von Loyola (1491-1556) lesen. Es liege nahe, dass ein Jesuitenpapst für die Seelsorge seiner Kirche etwas anbietet, das vom Gründer seines Ordens entwickelt sei.

Der Kanadier Ouellet gilt im Vatikan als gemäßigt Konservativer. Eine solch ausführliche Interpretation des vieldiskutierten Papstschreibens aus seiner Feder in der halboffiziellen Vatikanzeitung ist bemerkenswert.

Allerdings hatte Ouellet Kritikern des Schreibens schon im September entgegnet, sie würden es "alarmistisch" auslegen. Die Behauptung, Franziskus habe "mit der Tradition" gebrochen und mache es nun einfach, wiederverheiratete Geschiedene zu den Sakramenten zuzulassen, entspreche "nicht dem Text und der Intention" des Papstes, so der Kardinal damals. Es gehe dem Papst nicht um Doktrin, sondern eine andere Pastoral. Ouellet nannte das Lehrschreiben einen Versuch, Kulturen, die weit vom Glauben entfernt seien, die Freude des Evangeliums neu zu erschließen. Und er ergänzte: Ohne pastoralen Wandel sei es unmöglich, "ein Klima des Willkommens, Zuhörens, Dialogs und der mitfühlenden Gnade zu schaffen". (bod/KNA)