Eine alte Frau schmückt einen Weihnachtsbaum mit einer roten Glaskugel.
Der ambulante Hospizdienst begleitet schwerkranke Menschen

"Stille Nacht" – vielleicht zum letzten Mal

Zur Weihnachtszeit singen sie zusammen altbekannte Lieder: Sterbenskranke und die Ehrenamtlichen vom Ökumenischen Hospizdienst Königswinter. Doch wie passen der nahe Tod und das Fest der Liebe zusammen?

Von Johanna Heckeley |  Königswinter - 22.12.2017

Die Augen sind riesig, fast zu groß für dieses zarte Gesicht der alten Dame. Blass hebt sich dagegen die Haut ab, die die Zeit zu Pergament werden ließ. Die kurzen, schlohweißen Haare sind vom Kopfkissen etwas zerzaust. Die Frau liegt, warm zugedeckt, in einem Pflegeheim-Bett. Außer dem Brustkorb, der sich bei jedem Atemzug sachte hebt und senkt, bewegt sich ihr schlanker Körper nicht. Die Augen blicken zum Besuch.

"Guten Tag, Frau M.! Wie geht es Ihnen?" Tanja Alda geht direkt zum Kopfende des Bettes, in dem Frau M. liegt. "Wie geht es Ihnen?" fragt sie nochmal, berührt zärtlich die Schulter der alten Dame. "Gut", sagt diese, sehr leise. Ihr Mund formt sich sparsam, so als müsste sie ihre gesamte Kraft für diese Bewegung aufbringen. Die Besucherin streichelt die Wange von Frau M. Kurz vertieft sich die Falte zwischen deren Augenbrauen. "Ja, meine Hände sind kalt! Ich habe die Winterkälte von draußen mitgebracht", sagt Alda fröhlich. Frau M. sagt nichts. Ihre großen Augen richten sich auf die Besucherin, aber sie schaut nicht hin. Ihr Blick scheint interessiert und doch gleichzeitig in die Ferne zu gehen.

"Es kommt nur noch selten vor, dass Frau M. spricht", hat Alda vor dem Besuch in dem Pflegeheim erklärt. Als ehrenamtliche Sterbebegleiterin sieht sie die alte Frau jede Woche: Seit diesem Jahr engagiert sie sich für den Ökumenischen Hospizdienst "Ölberg". Weil ihre Tätigkeit der Schweigepflicht unterliegt, heißt die Dame, die sie besucht, für diesen Text "Frau M.". Um alten oder kranken Menschen auf ihrem letzten Weg beistehen zu können, hat Alda eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin gemacht. Diese Bezeichnung, zusammen mit ihrem Namen, steht auch auf dem Schild, das sie sich für den Besuch angesteckt hat: "Am Anfang fand ich das komisch. Aber es trägt zur Professionalität bei."

Eine Hand zeigt auf eine Stelle in einem Gotteslob.

Tanja Alda liest Frau M. Gebete aus einem Gotteslob vor.

Professionalität ist auch Rita Schmitz wichtig. Sie ist Koordinatorin des Hospizdienstes und eine von drei hauptamtlichen Mitarbeitern des Vereins. "Alle unsere inzwischen 60 Ehrenamtlichen haben eine Ausbildung gemacht und werden regelmäßig fortgebildet", erklärt sie. Zudem erhielten sie Supervision, könnten sich in Gruppengesprächen austauschen und würden durch die Koordinatorinnen begleitet. Das hat eine lange Entwicklung: 2005, als die Sozialpädagogin und ausgebildete Sterbebegleiterin Schmitz aus familiären Gründen nach Königswinter zog, gab es dort keinen Hospizdienst. Sie warb bei der Gemeinde, den Ärzten, Kliniken und Pfarreien für ihre Idee, einen Hospiz-Verein zu gründen. "Insbesondere in der evangelischen und der katholischen Gemeinde hatte ich begeisterte Mitstreiter", erinnert sie sich. 2006 kam es dann zur Gründung – seitdem trägt der Verein auch das Wort "ökumenisch" im Namen. Betreut würden alle Menschen, unabhängig von ihrem Glauben. "Und ich bin dankbar, dass unsere Ehrenamtlichen auch unterschiedliche Weltanschauungen haben", meint Schmitz.

Denn es stirbt nicht einfach Herr Müller in Zimmer 15, sondern auch mit seinen Verwandten und Freunden passiert etwas.

Zitat: Rita Schmitz

Neben der stundenweisen Betreuung Schwerstkranker und Sterbender zu Hause oder in Heimen bietet der Verein Trauerbegleitung und ein Trauercafé für Angehörige an. "Denn es stirbt nicht einfach Herr Müller in Zimmer 15, sondern auch mit seinen Verwandten und Freunden passiert etwas", weiß Schmitz. Die Hinterbliebenen müssten Wege finden, mit dem Schmerz und der Trauer umzugehen. Erschwert wird das, weil das Thema Sterben noch immer ein gesellschaftliches Tabu ist. "Menschen setzen sich nicht gern mit ihrer eigenen Endlichkeit auseinander", hat die Koordinatorin beobachtet. Daher habe der Verein den zusätzlichen Auftrag, den Umgang mit dem Sterben in die Gesellschaft zurückzubringen. Daher gibt es das Projekt "Hospiz macht Schule", für das die Hospizmitarbeiter und Lehrer mit Schülern über das Lebensende sprechen.

Wenn sie eine Anfrage für eine Begleitung erhält, macht Schmitz sich selbst zunächst ein Bild von dem Sterbenden und seinem Umfeld. Dann sucht sie einen der ehrenamtlichen Begleiter aus, nach Wohnort, Erfahrung, aber auch nach Charakter: "Ich überlege mir, wer dazu passt, und frage dann die Ehrenamtlichen, ob sie sich das vorstellen können." Jeder begleitet immer nur einen Menschen – und hat danach einige Zeit Pause. Am Bett des Sterbenden hätten die Ehrenamtlichen einen klaren Auftrag: psychosoziale Begleitung. "Sie sind 'jemand von außen' und es ist klar, dass sie wieder gehen, wenn sie fertig sind." Das mache es den Sterbenden leichter, offen mit ihnen zu reden, besonders über Themen, die sie aus Rücksicht nicht mit ihren Liebsten besprechen wollten. Auch die Entlastung und Unterstützung der Angehörigen gehört dazu.

Rita Schmitz ist Koordinatorin beim Ökumenischen Hospizdienst "Ölberg" in Königswinter

"Meine Arbeit begeistert mich, weil es dabei ums Wesentliche geht", sagt Koordinatorin Rita Schmitz.

Vorhersehbar ist der Einsatz jedoch nie. "Ich habe Frau M. kennengelernt, da hieß es, sie würde nicht mehr lange leben. Deswegen war ich zu Beginn mehrmals die Woche da", hat Alda vor dem Besuch im Pflegeheim erzählt. Doch dann habe sich die alte Dame offenbar berappelt, ihr Zustand sei nun stabiler. Als Vorbereitung für ihre Besuche hat sie sich bei der Familie über Frau M. erkundigt: Was sind ihre Interessen? Was hat sie in ihrem Leben gemacht? "Ich weiß, dass sie sehr gläubig ist und dass sie früher einen Gebetskreis hatte", erzählt die Ehrenamtliche. Für jeden Besuch überlege sie sich etwas anderes – aber das Gotteslob sei immer dabei: "Damit ich die Gebete ablesen kann", sagt sie, und schiebt schnell hinterher: "Nicht, weil ich das nicht auswendig könnte. Aber Frau M. schaut mich dabei die ganze Zeit an und ich habe Sorge, dass ich mich ansonsten vertue." Sie lächelt verlegen. Sterbende ehrenamtlich zu begleiten – das habe sie schon lange machen wollen. Erst dieses Jahr sei durch eine berufliche Veränderung die Chance dazu gekommen. "Es geht mir gut dabei. Ich gehe in dieses Zimmer, und für eine Stunde ist alles andere da draußen weg." Dennoch ist kein Besuch wie der andere: "Ich weiß vorher nie, was Frau M. gefällt."

Wie war das früher an Weihnachten?

Auch heute hat sich Alda sorgsam vorbereitet: Sie hat eine Weihnachtsgeschichte mitgebracht, die sie Frau M. vorliest. Die Geschichte handelt vom Weihnachtsmann, neugierigen Tieren im Wald und dem Wunder an Heiligabend. Das Buch ist bunt illustriert. Immer wieder nimmt sie es hoch, um Frau M. die Bilder zu zeigen. Doch die scheint nicht sehr interessiert. "Das sehe ich daran, ob sie genau hinsieht ", hat die Ehrenamtliche vorher erklärt. Also versucht sie, ein Gespräch zu beginnen. "Ich habe gehört, Ihre Weihnachtsplätzchen seien die besten. Welches Rezept haben Sie denn dafür?" Frau M.s Augen schauen groß, aber ihr Mund regt sich nicht. Alda versucht es wieder: "Wie war das denn früher, an Weihnachten bei Ihnen? Wie sah der Tannenbaum aus?" Frau M. schaut die Besucherin unverwandt an, aber schweigt. "Sollen wir Weihnachtslieder singen?", fragt sie schließlich. Sie schlägt ein altes Notenheft auf, das mit kunstvollen Zeichnungen verziert ist, und beginnt zu singen: "Kling, Glöckchen, klingelingeling, kling, Glöckchen, kling!" Ihre Stimme klingt fest.

Sie stimmt ein Lied nach dem anderen an. Anschließend dreht Alda das Heft so, dass Frau M. die Illustrationen am Rand betrachten kann, und erklärt: "Hier, da ist eine Krippe gezeichnet, und darüber ein Engel mit Sternen. Das sieht schön aus, oder?" Dieses Mal scheint sie den Geschmack von Frau M. getroffen zu haben. "Sie schaut dann ganz interessiert, und dann geht ihr Blick zur Maria" – einem Bild, das an der Wand auf einem Regal steht. "Dann denkt sie wohl an früher, und ich weiß, da habe ich einen Punkt getroffen." Das nächste Lied, dass Alda singt, ist "Stille Nacht". Als die letzte Strophe verklungen ist, beugt sich die Sterbebegleiterin plötzlich über den Kopf von Frau M. "Oh, Frau M., nicht weinen! Sonst muss ich auch weinen!", sagt sie und tupft mit einem Tuch eine Träne weg. Dann berührt sie liebevoll die Schulter der alten Dame – und wischt etwas verstohlen auch über ihre Augen. Sie wechselt das Thema. "Sollen wir noch ein bisschen Musik hören?", fragt sie. Sie spielt eine CD ab. Doch mit ihrer Auswahl scheint sie dieses Mal kein Glück gehabt zu haben, Frau M. ist nicht interessiert. "Sind Sie müde?", fragt Alda schließlich. Da zuckt das Kinn der alten Dame. "Ja", sagt sie, mehr gehaucht als gesprochen, und schon schließen sich ihre Augen. "Dann gehe ich jetzt, dann können Sie sich ausruhen", kündigt die Besucherin an. Ihr Gotteslob, das Liederheft und das Weihnachtsbuch packt sie leise in ihre Tasche. "Tschüss, bis nächste Woche, Frau M.!" So geräuschlos wie möglich verlässt die Ehrenamtliche das Zimmer.

Von Johanna Heckeley

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