Darstellung der Geburt Christi auf dem Isenheimer Altar in Colmar.
Bild: © gemeinfrei
Ein Gastbeitrag von Religionspädagoge Gottfried Bitter

Weihnachten - Was ist das?

Weihnachten - so sagen viele - ist das schönste Fest des Jahres: das Licht, das Kind, der Stern, die Hirten, die Magie, das ist Weihnachten. Und dann die Musik, die Lieder. Und natürlich die Erinnerungen an die Weihnachtstage der Kindheit, die Bräuche. Und die Geschenke nicht zu vergessen. Aber das Schönste ist die Stimmung, die ist so weich, die tut so gut.

Bonn - 24.12.2012

Zugleich aber gibt es auch die Weihnachtsgegner: sie ärgern sich über den Weihnachtsrummel, über den Geschenkzwang, über das verlogene Weihnachtsmärchen. Darum gibt es so viele Weihnachtsflüchtlinge.

Für mich ist Weihnachten ein staunenswertes Ereignis, das sich wirklich lohnt, Jahr für Jahr neu bedacht und gefeiert zu werden. Denn Weihnachten, so glauben die Christen, ist ein Wunder der Menschenliebe Gottes. Gott, den Christen zusammen mit Juden und Muslimen als den Schöpfer der Welt glauben, als Erfinder der Menschen, will sich nicht damit begnügen, pflegend und sorgend die Welt in Schwung zu halten, sondern die väterliche, mütterliche Liebe des dreieinen Gottes zu seiner Welt und uns Menschen ist so unvorstellbar groß und einfallsreich, dass er sich als Schöpfer in seine Schöpfung einschleicht, einschmuggelt als das geheimnisvolle Kind der Maria.

Die Menschenliebe Gottes als Ursache von Weihnachten

Dieser höchst verwunderliche Gott lässt alles Göttliche im Himmel zurück und wird als Gottes Sohn Geschöpf, Mensch, Säugling, der Pflege braucht, wenn er überleben soll. Und dieses Gotteskind und zugleich Menschenkind wählt - so die Erzählung des Evangelisten Lukas - den Stall als seine Kinderstube, die Obdachlosigkeit als sein Dach und die Armut als seinen Alltag.

Dieses weihnachtliche Geschehen ist ein Wunder - im Sinn eines unerklärlichen Ereignisses, staunenswert, unbegreiflich. Das göttliche Ausmaß der Menschenliebe Gottes ist die Ursache von Weihnachten. Und das Kind und der spätere Mann aus Nazareth und der angebliche Gotteslästerer am Kreuz, das sind die Wirkungen von Weihnachten. Ist das eine Erklärung für Weihnachten - im eigentlichen Wortsinn?

Ich glaube schon. Vor allem das Ende dieses Bethlehem-Kindes als angeblich falscher Gottesbote am Kreuz und seine österliche Neuschöpfung sind das stärkste Wahrheitskriterium für den Weihnachtsglauben. So jedenfalls sehen es die Freunde Jesu und teilweise auch seine Gegner nach Ostern. Denn von seinen Oster-Erfahrungen her erzählt der Apostel Paulus als erster schon ganz früh die Jesus-Geschichte als Kreuz- und Ostergeschichte; und zwei Generationen später erzählen die Evangelisten Lukas und Matthäus die Kindheitsgeschichten Jesu ebenfalls von ihrem Osterglauben her.

Ein untrennbares Band zwischen Gott und Mensch

Nun zurück zur Ausgangsfrage: Weihnachten, was ist das? Weihnachten ist das Glaubensfest der Christen. Denn Christen glauben: Gott ist seit der Menschwerdung des göttlichen Kindes Jesus mitten in seiner Welt, in unserer Geschichte. Darum gibt es, auch wenn es noch so gottlos um uns herum zugeht, keine Gottverlassenheit mehr. Die Menschwerdung des Gottessohnes Jesus Christus ist das untrennbare Band zwischen Gott und Mensch. Es gibt keine von Gott vergessenen Situationen und Räume mehr. Und umgekehrt ist die ganze Welt unterwegs zu Gott, in ihre Vollendung durch den Schöpfer und Erlöser Gott.

Das Weihnachtskind ist der Grundstein eines universalen, kosmischen und göttlich-menschlichen Friedens. Und ich bin davon überzeugt, dass in dem gierigen Weihnachtsrummel, in dem zur Plage gewordenen Geschenkzwang, in den ungezählten Weihnachtslichtern, in der aktuellen Hilfsbereitschaft für Syrien und andere Krisenregionen sich eine stille Weihnachtssehnsucht ihre verwinkelten Wege bahnt nach einer göttlich-menschlichen Lebensgemeinschaft. Ich vermute, die Engel von Bethlehem nennen diese Lebensgemeinschaft "Frieden". Frieden für alle Menschen dieser Sehnsucht. Das ist der gute Grund der Freude, der lächelnden Weihnachtsfreude.

Von Gottfried Bitter

Zur Person

Professor Dr. Gottfried Bitter CSSp (76) ist Mitglied der Ordensgemeinschaft der Spiritaner und war von 1980 bis zu seiner Emeritierung 2002 Lehrstuhlinhaber für Religionspädagogik und Homiletik an der Universität Bonn. Heute ist er als Seelsorger an der Pfarreiengemeinschaft Remagen-Kripp tätig.