Vor 20 Jahren öffnete das Archiv der Römischen Inquisition

Licht im Dunkel der Kirchengeschichte

Aktualisiert am 22.01.2018  –  Lesedauer: 
Vatikan

Vatikanstadt ‐ Die Römische Inquisition verbinden viele Menschen mit den Schattenseiten der Kirche. Wie Kardinal Joseph Ratzinger das ändern wollte, erzählt der Leiter des Archivs der Glaubenskongregation im Interview.

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Vor 20 Jahren, am 22. Januar 1998, entschied Papst Johannes Paul II. (1978-2005), das Archiv der Römischen Inquisition, dem Vorgänger der Glaubenskongregation, für die Forschung zu öffnen. Was sich seitdem getan hat, hat der heutige Leiter des Archivs, Alejandro Cifres, im Interview erzählt.

Frage: Monsignore Cifres, wie kommt man an das Archiv der Glaubenskongregation?

Cifres: Ich wurde 1991 von meinem Bistum Valencia nach Rom geschickt, um in der Glaubenskongregation zu arbeiten. Nicht als Archivar, sondern in der Abteilung für die kirchliche Lehre. Erst allmählich bin ich in die Archivarbeit hineingewachsen, um einen älteren Priester zu unterstützen, der erkrankt war. Seit 1993/94 habe ich dann die Leitung übernommen.

Frage: Gab es für Sie persönlich hier eine besondere Entdeckung?

Cifres: Schon vor 1998 war das allermeiste über die Römische Inquisition aus anderen Archiven bekannt. Allerdings habe ich selber eine schöne Entdeckung gemacht: Im 16. Jahrhundert wurden in Granada Bleimedaillons mit angeblichen Texten des Apostels Jakobus entdeckt, geschrieben in arabischer Sprache. Es gab eine jahrzehntelange Debatte: Biblische Texte von einem Judenchristen auf Arabisch? Schließlich verlangte Papst Innozenz XI. das Material und entschied: Das sind Fälschungen und daher zu vernichten. Das war der Stand der Forschung bis vor einigen Jahren. Eines Tages jedoch entdeckte ich in der Unordnung des Archivs eine Holzkiste, mit Samt verkleidet und einem Davidstern darauf - darin lagen alle 300 Medaillons, die hätten vernichtet werden sollen.

Frage: Die Öffnung der Archive am 22. Januar 1998 war ja nur der offizielle Teil ...

Cifres: Ja. Als ich 1991 herkam, waren die Archive noch völlig geschlossen. Die Öffnung war ein sehr langsamer und langwieriger Prozess mit vielen Kommissionen: Ja oder Nein, wie, ab wann und wie viel soll geöffnet werden? Dann entschied Kardinal Ratzinger, den Prozess zu beschleunigen. Wir wurden geschult, während erste einzelne Forscher schon herkamen. Das waren damals die bekanntesten Vertreter ihres Fachs.

Priester Alejandro Cifres
Bild: ©KNA/Roland Juchem

Der Priester Alejandro Cifres ist Leiter des Archivs der Glaubenskongregation im Vatikan.

Frage: Gibt es besondere Sicherheitsmaßnahmen Ihres Archivs etwa gegen terroristische Anschläge oder den Kriegsfall?

Cifres: Nein. Wir befinden uns auf exterritorialem vatikanischem Gebiet, das normalerweise nicht zugänglich ist. Natürlich gibt es Brandschutz, Videoüberwachung und die Luftfeuchtigkeit wird kontrolliert. Das historische Archiv befindet sich heute in einem vor zwölf Jahren fertiggestellten Kellerarchiv unter dem Südteil des Gebäudes. Vorher wurden die Bände in den Regalen hier im Erdgeschoss aufbewahrt, in dem wir gerade sitzen.

Frage: Ist das Archiv nach wie vor erst bis zum Jahr 1903 zugänglich?

Cifres: 1903 war die Frist, mit der wir begonnen haben. Die gesamte Öffnung ist vor allem der Entschlossenheit Joseph Ratzingers zu verdanken. Als einem Mann der Wissenschaft und der Kultur wusste er zu gut, wie wichtig es ist, dass sich die Kirche der Welt der Wissenschaft öffnet. Dass sie der Konfrontation nicht ausweichen darf, weil sie von der Wahrheit nichts zu befürchten hat. Die Inquisition mit all ihren Legenden gilt ja als eine dunkle Seite der Kirchengeschichte, und er wollte Licht in dieses Dunkel bringen. Doch darauf waren wir nicht vorbereitet: Es gab keine Räume für die Arbeit, wir wussten zum Teil selbst nicht, was sich im Archiv befindet. Wir mussten einiges improvisieren, als Kardinal Ratzinger dann sagte: "Wir machen das jetzt." Daher haben wir anfangs erst bis zum Jahr 1903 geöffnet, dem Ende des Pontifikats von Leo XIII. Heute sind alle vatikanischen Archive bis Ende Januar 1939 geöffnet, dem Ende des Pontifikates von Pius XI.

Frage: Wann geht es weiter?

Cifres: Das Pontifikat Pius' XII. ist eine lange Zeit, mit den Jahren des Zweiten Weltkriegs und den Nachkriegsjahren. Da gibt es eine Fülle von Material; entsprechend viel ist vorzubereiten. Letztendlich entscheidet aber der Papst, wenn die Archivare ihm sagen, dass sie so weit sind.

Frage: Wann ist denn Ihr Archiv soweit?

Cifres: Das kann ich noch nicht sagen. Wir sind dran. Wir haben auch zu Pius XI. und Benedikt XV. noch nicht alles aufbereitet. Mitunter können wir erst während der Forschungen ein Dossier, das noch ungeordnet ist, neu ordnen. So arbeiten wir schon länger. Aber wenn der Papst es wünscht, sind wir natürlich bereit.

Von Roland Juchem (KNA)