Papst Franziskus steht am Rednerpult und spricht mit ernsthaften Blick.
Bild: © KNA
Papst lässt Anschuldigungen gegen chilenischen Bischof untersuchen

Missbrauchsvorwürfe: Franziskus will Klarheit

Missbrauch - In Chile hatte der Papst noch von "Verleumdung" gegen einen Bischof gesprochen. Nun will er Klarheit über die Vertuschungs-Vorwürfe. Ein erfahrener Sonderermittler soll die Wahrheit ans Licht bringen.

Von Roland Müller |  Bonn - 31.01.2018

Bei seinem Südamerika-Besuch vor knapp zwei Wochen hatte der Papst noch einen umstrittenen chilenischen Bischof verteidigt: "An dem Tag, an dem man mir einen Beweis gegen Bischof Barros vorlegt, werde ich sprechen", sagte Franziskus in Chile am Straßenrand auf dem Weg zu einem Gottesdienst. Zurück im Vatikan will das Kirchenoberhaupt nun Klarheit: Franziskus hat einen Sonderermittler eingesetzt, um die Anschuldigungen gegen Bischof Juan Barros prüfen zu lassen. Opfer werfen Barros vor, vom Missbrauch durch den Priester Fernando Karadima gewusst, ihn jedoch gedeckt zu haben – etwa durch das Zerstören belastender Briefe und das Verschweigen eindeutig anzüglicher Handlungen.

Barros ist seit 2015 Bischof von Osorno

Der Fall des vormals sehr populären Priesters hat in Chile zu einem Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche geführt: Der charismatische Karadima hatte jahrzehntelang Jugendliche missbraucht, in seinem Einflussbereich sektenähnliche Strukturen aufgebaut und sich an kirchlichen Finanzen bereichert. Er wurde 2011 vom Vatikan zu einem zurückgezogenen Leben in Buße verurteilt, doch viele Chilenen vermuten, dass der Einfluss des 87-Jährigen auf den Episkopat des Landes immer noch beträchtlich ist. Sein Zögling Barros wurde 2015 von Franziskus als Bischof von Osorno im Süden Chiles eingesetzt – trotz der Anschuldigungen gegen ihn und unter Missachtung des Willens der Gläubigen, die bei seiner Amtseinführung gewaltsam protestierten.

Die chilenischen Bischöfe scheinen sich über die Aufklärungs-Initiative des Papstes zu freuen: Der Besuch von Franziskus in Chile sei von "einer Haltung wahren Zuhörens und Realitätsnähe" geprägt gewesen, kommentierte die chilenische Bischofskonferenz die päpstliche Entscheidung. Gleichzeitig betonten sie, dass Barros auch während der Untersuchung im Amt bleiben werde – "solange, wie er selbst es will oder der Papst etwas anderes bestimmt".

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Der umstrittene Bischof zeigte sich mit der Untersuchung der Vorwürfe einverstanden. "Alles, was der Papst vorschlägt nimmt Bischof Barros mit Zuversicht und Freude an", teilte das Bistum Osorno im Namen ihres Diözesanbischofs mit. Barros hoffe, dass die Wahrheit ans Licht komme, "damit wir alle den Frieden finden". Eine Gruppe der bischofskritischen Organisation "Laien von Osorno" reagierte erfreut auf die Ankündigung aus dem Vatikan. Doch gleichzeitig wünschte sich ihr Sprecher Juan Carlos Claret, dass sich der Sonderermittler nicht nur in der Hauptstadt Santiago aufhalte. Sie wollen ihn in das Bistum einladen, "denn das Problem ist in Osorno". Claret forderte zudem eine transparente Ermittlung und drückte seine Hoffnung aus, dass der Ermittler "die Beweise, die wir vorbringen, nicht für Verleumdungen hält".

Bei seinem Besuch in Chile hatte Franziskus die Beschuldigungen gegenüber Bischof Barros als "Verleumdung" bezeichnet. Die kurze Antwort auf die Frage einer Journalistin war im Internet aufgetaucht und hatte die Reise des Papstes negativ geprägt. Sogar der Vorsitzende der päpstlichen Kinderschutz-Kommission, Kardinal Sean O'Malley, hatte deswegen Kritik am Papst geübt. Es sei "verständlich, dass die Papstworte in Chile für großen Schmerz bei Überlebenden sexuellen Missbrauchs" gesorgt hätten, so O'Malley.

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Daraufhin hatte sich Franziskus auf dem Rückflug nach Europa für seine Wortwahl entschuldigt: "Den Papst sagen zu hören: 'Bringt mir einen Brief mit dem Beweis', ist eine Ohrfeige". Besser hätte er von Indizien sprechen sollen, korrigiert sich der Papst selbst. Der Vertreter der Laien von Osorno, Claret, hatte vor einer Woche die Worte von Franziskus verurteilt. "Der Papst diskreditiert Zeugenaussagen, die doch der einzige Beweis für Missbrauch sind", so Claret. Franziskus habe den Opfern "ohne es zu wollen, eine Wunde" zugefügt.

In Chile erwartet Scicluna eine krisengeschüttelte Kirche

Diese scheint der Papst nun heilen zu wollen, denn der von ihm beauftragte Sonderermittler hat viel Erfahrung mit der Aufklärung von Missbrauch: Der Malteser Charles Scicluna war von 2002 bis 2012 Vatikan-Chefermittler für Missbrauchsfälle und untersuchte 2005 auf Anweisung von Papst Benedikt XVI. die Pädophilie-Fälle des Ordensgründers Marcial Maciel. Seit 2014 ist Scicluna Leiter eines Gremiums der Glaubenskongregation, das sich mit Einsprüchen von Priestern beschäftigt, die wegen Missbrauchs oder Vertuschung verurteilt wurden. 2015 machte Franziskus den Kirchenrechtler zum Erzbischof seiner Heimat Malta.

Musste Scicluna wegen der Ermittlungen gegen den Mexikaner Maciel nach Mittelamerika reisen, wird er sich bald in den Süden des Kontinents aufmachen. Dort erwartet ihn eine krisengeschüttelte Kirche, woran auch die Chile-Reise des Papstes nicht viel ändern konnte. Mit seiner öffentlichen Verteidigung von Barros hat Franziskus die Missbrauchsopfer und das ganze Land vor den Kopf gestoßen. Sciclunas Aufgabe wird es sein, das Vertrauen wieder herzustellen und die Wahrheit ans Licht zu bringen. Wenn er "Beweise" für die Vertuschung von Missbrauch durch Barros vorlegen kann, wird der Papst sprechen müssen.

Von Roland Müller