Stürmische Wellen gehen tosend in der Brandung auf.
Was es mit der Exodus-Lesung in der Osternacht auf sich hat

Freude über tote Ägypter am Schilfmeer

Zu den sieben Lesungen der Osternacht gehört auch der Auszug der Israeliten aus Ägypten. Wie passt ein strafender Gott zur Osterfreude? Bibelexperte Till Magnus Steiner erklärt die oft geschmähte Lesung.

Von Till Magnus Steiner |  Jerusalem - 31.03.2018

Die Osterkerze wird mit ihrem Licht die Finsternis erleuchten. Der Siegesjubel über das Ende des Todes wird erklingen. In der Freude der Osternacht scheint es verständlich, dass in fast jeder vierten katholischen Gemeinde die eigentlich verpflichtende alttestamentliche Lesung über das sogenannte Schilfmeerwunder lieber ausgelassen wird, obwohl die Teilung des Meeres eine der bekanntesten biblischen Texte ist. In ihm wird Gott als Krieger glorifiziert. Die Ägypter sind seine Opfer, die am Ende tot am Ufer liegen, und Mose singt mit den Israeliten ein Loblied über diese Gewaltszenerie.

Um sein Volk zu retten, wird Gott zur gewalttätigen Todesmacht gegen Ägypten. Ein solches Gottesbild zu ignorieren bedeutet, Gott zu verflachen und ihn einfach den "lieben Gott" sein zu lassen. Gott hat aus der Perspektive der heutigen Leser und Hörerinnen auch seine Schattenseiten und diese lassen sich nicht weg-argumentieren: Gott ist in der Bibel der barmherzige und strafende Richter über Leben und Tod.

Gewalt als Gottes Antwort auf die Versklavung

Um die göttliche Gewalt beurteilen zu können, muss der Kontext der Erzählung und somit auch die menschliche Gewalt in den Blick genommen werden. Die Befreiung der Israeliten, die mit dem Tod der ägyptischen Soldaten endet, beginnt mit einem Genozid. Am Anfang des Buches Exodus hat sich die Vermehrungsverheißung Gottes an die Erzeltern erfüllt. Als Immigranten in einem fremden Land treffen sie die auch heute noch verbreiteten Vorurteile. Der Pharao wirft ihnen vor, faul zu sein, zu viele Kinder zu bekommen und eine Gefahr für die innere Sicherheit darzustellen. Daher wird Israel nicht nur versklavt, sondern der Pharao gibt den Befehl an jeden Ägypter alle neugeborenen Söhne Israels und somit die zukünftigen Stammhalter des Volkes umzubringen.

Die Qumran-Schriftrollen.

Sieben Lesungen gehören zur Liturgie der Osternacht. Darunter auch die alttestamentarische Erzählung vom Auszug der Israeliten aus Ägypten.

Gegen diese Gewalt ist Gott von Anfang an parteiisch und steht auf der Seite der Unterdrückten: "Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne sein Leid". (Ex 3,7) Gott offenbart sich mit diesen Worten Mose und verkündet ihm, dass er Israel aus der Sklaverei befreien wird.

Die sich in der Folge ereignenden Plagen gegen Ägypten schildern einen sich dramatisierenden Machtkampf zwischen dem Gott Israels und dem Pharao. Der Pharao erkennt die Macht Gottes nicht an und Gott vergilt mit der letzten Plage die Tötung der neugeborenen Söhne Israels durch die Ägypter. Er tötet alle Erstgeborenen Ägyptens und erst daraufhin lässt der Pharao Israel in die Freiheit ziehen. Der Pharao bereut jedoch seine Entscheidung und jagt den Israeliten hinterher, um sie wieder zu versklaven. Die Gewalt Gottes gegen die Ägypter ist die Antwort Gottes auf die Unterdrückung seines Volkes und dient der Entmachtung Ägyptens.

Die Feindschaft des Pharaos wird zum Werkzeug Gottes

Ebenso wie in den Erzählungen über die Plagen findet sich auch in der Erzählung des sogenannten Schilfmeerwunders das Motiv der Verstockung. Sowohl vor den Plagen als auch am Schilfmeer sagt Gott: "Ich will das Herz des Pharao verhärten." (Ex 4,21 und 14,4) Das Herz ist in der Welt des Alten Testaments der Ort des Willens und der Entscheidungsfähigkeit. Gott reagiert somit nicht nur auf die Gewalt Ägyptens, sondern bestärkt den Pharao in seinem Willen Israel zu unterdrücken und zu vernichten. Die Feindschaft des Pharaos gegen Israel wird in der Erzählung zum Werkzeug Gottes: "Die Ägypter sollen erkennen, dass ich der HERR bin." (Ex 14,18) Für Ägypten bedeutet diese Erkenntnis den Tod. Die einen müssen sozusagen "dran glauben", damit die anderen glauben können. Das unbewaffnete, flüchtende Volk ist stärker als die weit überlegene Streitmacht Ägyptens.

Menschliche Macht wird in ihre Grenzen gewiesen. Die Ohnmächtigen sind die Siegreichen. Die Erzählung stellt eine Gegenpropaganda gegenüber Unterdrückung und Krieg dar. Nicht die Israeliten ziehen in die Schlacht, sondern sie sind passive Zuschauer des handelnden, für sie kämpfenden Gottes. Ihre Rolle ist rein passiv und wird ihnen von Gott zugewiesen: "Der HERR kämpft für euch, ihr aber könnt ruhig abwarten." (Ex 14,14) Das Gewaltmonopol liegt bei Gott und sein Handeln ist ein Aufruf zum Zuschauen.

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Zugleich lehrt die Erzählung auch, dass Gegengewalt durch Gott legitim sein kann, wenn sie dazu dient, den Kreislauf der Gewalt zu unterbrechen. Gott bricht endgültig die ägyptische Gewalt gegenüber Israel und etabliert eine neue Ordnung. Nach dem Durchzug durch das Schilfmeer untersteht Israel vollends dem Machtbereich Gottes. Seine Gesetze ordnen Israels Lebenswelt neu und sollen seinem Volk ein Leben in Freiheit ermöglichen. Dazu gehört später im Buch Exodus die Mahnung: "Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen." (Ex 22,20) Aus dieser Perspektive gelesen ist die Erzählung vom Schilfmeerwunder auch eine Drohung. Der parteiische, gerechte Gott bestraft die Unterdrücker mit dem Tod (Weish 19).

Aus der Perspektive der menschlichen Autoren der Erzählung des Schilfmeerwunders ist der Tod der Ägypter und das daraufhin erklingende Loblied der Israeliten gerechtfertigt: Die Gewalt der Ägypter hat zur Gegengewalt Gottes geführt, der an ihnen seine Macht erwiesen und die Unterdrückten endgültig befreit, indem er das Meer gespaltet und die Ägypter getötet hat.

Dieser Gott ist aus christlicher Perspektive derselbe Gott, der seinen eingeborenen Sohn am Kreuz qualvoll sterben lässt, um in seinem Tod das Heil für die Menschheit zu erwirken. Hätte Gott nicht auch ohne den Tod der Ägypter sein Volk befreien können? Warum ließ Gott es zu, dass Jesus am Kreuz bis in den Tod leiden musste? Ist Heil nicht auch ohne Leid und Tod möglich?

Im Talmud wird erzählt, dass die Engel im Himmel nach der Rettung Israels am Schilfmeer ein Loblied anstimmen wollten, worauf ihnen Gott dies verboten haben soll: "Mein Händewerk [die Ägypter] ertrinkt im Meer, und ihr wollt mir ein Loblied anstimmen!?" Die Rabbiner erklären, dass Gott zwar die Ägypter getötet hat, sich aber deshalb über die Rettung der Israeliten nicht freut, da er selbst einen hohen Preis dafür gezahlt hat.

Von Till Magnus Steiner

Der Autor

Till Magnus Steiner ist katholischer Theologe. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Exegese des Alten Testaments. Er lebt und arbeitet in Jerusalem.