Berühmtes Kunstwerk, auf dem der ältere bärtige Mann (Gott, rechts oben) seine Hand dem jüngeren nackten Adam (links unten) entgegenstreckt.
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Seit jeher ringen Theologie und Philosophie um Gottesbeweise

Nicht abschließend lösbar

Gottesbeweise - Glauben heißt nicht wissen", sagt der Volksmund. Im Vertrauen darauf, dass auch ihr Verstand göttlichen Ursprungs sei, haben sich Philosophen und Theologen aller Jahrhunderte daran gemacht, ihren Glauben an Gott mit Wissen zu begründen. Aber lässt Gott sich überhaupt beweisen?

Bonn - 06.04.2014

"Ich glaube, weil es absurd ist": Muss man sich, was die Gottesfrage betrifft, mit dieser, dem Kirchenvater Tertullian zugeschriebenen Kapitulation begnügen? Oder gibt es gute, vernünftige Gründe, die für Gottes Existenz sprechen? Die philosophische Tradition kennt verschiedene Gottesbeweise, die teilweise bis ins Altertum zurückgehen.

Kosmologisch, ontologisch oder teleologisch?

Da ist zunächst der kosmologische Gottesbeweis. Er beruft sich auf das Prinzip von Ursache und Wirkung: Da die Welt offensichtlich existiert, und da alles, was existiert, eine Ursache haben muss, muss es auch eine erste Ursache geben, einen ersten Beweger, der seinen Grund in sich selbst hat: Gott als Erschaffer der Welt.

Dann gibt es den ontologischen Gottesbeweis. Er hält Gottes Existenz für erwiesen, weil Gott als das vollkommenste Wesen gedacht werden muss, als das, "über dem Größeres nicht gedacht werden kann" (Anselm von Canterbury). Dieses vollkommenste Wesen muss existieren. Sonst wäre es ja gar nicht dasjenige, "über dem Größeres nicht gedacht werden kann". Der Begriff von Gott als vollkommenem Wesen schließt also seine Existenz mit ein.

Im teleologischen Gottesbeweis schließlich geht man davon aus, dass die Welt eine so große Ordnung und Zweckmäßigkeit aufweist, dass sie nicht zufällig entstanden sein kann. Es muss einen weisen Urheber geben, der die Welt planvoll eingerichtet hat (" intelligent design -Argument").

Widerspruch von Immanuel Kant

Diese Argumente sind nicht ohne Widerspruch geblieben. So muss nach Immanuel Kant die erste Ursache der Welt keineswegs mit dem identisch sein, was wir Gott nennen. Kant hat noch einen anderen Einwand stark gemacht: Existenz lässt sich nicht - wie im ontologischen Beweis - als Eigenschaft behandeln. Der Begriff von 100 Talern beispielsweise bleibt derselbe, egal, ob man die 100 Taler besitzt oder nicht.

Älterer Mann balanciert Sanduhr auf der Hand. Mystisches Bild.

Die Zeit ist kostbar.

Genauso ändert sich auch am Begriff von Gott - an den ihm zugeschriebenen Eigenschaften wie Allmacht, Allwissen und Güte - nichts dadurch, ob es ihn gibt oder nicht.

Der Beweis aus der Zweckmäßigkeit der Welt schließlich wurde mit dem sogenannten Theodizee-Problem konfrontiert: Wie vertragen sich die Leiden und Übel in der Welt mit einem vollkommenen Schöpfer? Wer nicht glauben will, dass die Welt sich nur natürlichen Prozessen verdankt, so hieß es außerdem, der verhält sich ungefähr so rational wie eine Uhr, die sich beim Anblick des Uhrmachers empört: Ein einfältiger Mensch kann doch nicht die Ursache eines Wesens sein, das immerhin die Zeit einteilt, den Lauf der Sonne anzeigt und laut die Stunden verkündet! Dieser Vergleich stammt vom französischen Denker Julien Offray de La Mettrie. Angesichts dieses Für und Wider kann man den Stoßseufzer verstehen: Ich glaube, weil oder auch obwohl es absurd ist.

Doch das Bemühen, Gottes Existenz zu beweisen, wurde nicht aufgegeben. Auch nicht, nachdem Nietzsche Gottes "Tod" verkündet, Karl Marx Religion als "Opium für das Volk" und Ludwig Feuerbach alle Gottesvorstellungen als bloße Projektionen des menschlichen Wesens bezeichnet hatte.

Absolutes Bewusstsein

Unter dem spektakulären Titel "Der letzte Gottesbeweis" angekündigt, wurde erst vor wenigen Jahren ein weiterer Versuch unternommen, die "Vernünftigkeit des Glaubens an Gott" (Robert Spaemann) unter Beweis zu stellen - diesmal unter Zuhilfenahme der Grammatik: Gott muss existieren, weil zu allem, was geschieht, "denknotwendig" gehört, dass es einmal geschehen sein wird. Zum Präsens gehört untrennbar das Futurum exactum oder Futur II. Als künftige Vergangenheit bleibt das Gegenwärtige also "immer wirklich". Vergangenheit gibt es aber nur für ein aktuelles Bewusstsein. Weil alles, was geschieht, für alle Zeit seine Wirklichkeit behalten muss (denn was jetzt ist, wird ja dereinst geschehen sein), muss es ein absolutes Bewusstsein geben, in dem sozusagen alles aufbewahrt bleibt - und dieses absolute Bewusstsein ist Gott.

Von dem, was man sich denkt, auf das, was ist zu schließen, ist anscheinend nach wie vor verlockend. Dass alles, was geschieht, etwas ist, was einmal gewesen sein wird, ist zweifellos richtig. Aber daraus folgt leider nicht, dass es auch in alle Ewigkeit jemanden geben muss, der sich an all das erinnert.

Wäre ich Gott, ich würde mich bei alledem schon manchmal fragen, ob es mich überhaupt gibt. Dass überhaupt etwas existiert und nicht nichts, dass wir um unsere Endlichkeit wissen, ohne das Unendliche zu kennen, unsere Geburt, unser Leben und unser Tod stehen uns als offene Fragen, als nicht abschließend lösbare Rätsel vor Augen. Gott auch?

Von Hans-Joachim Pieper (KNA)