Reif für die Insel: Die Kardinäle von Franziskus
Wie der Papst sein Beratergremium umbaut

Reif für die Insel: Die Kardinäle von Franziskus

Kirche - Unter dem argentinischen Papst erhalten mehr Lateinamerikaner und weniger Kurienmitarbeiter die Kardinalswürde – dachten zumindest viele Beobachter zu Beginn. Doch die Wirklichkeit sieht ein wenig anders aus.

Von Thomas Jansen und Kilian Martin |  Bonn - 01.07.2018

Nach dem Amtsantritt von Papst Franziskus waren sich die meisten Beobachter darin einig: Die katholische Kirche wird nun wohl lateinamerikanischer. Der erste nichteuropäische Papst seit mehr als 1.000 Jahren werde vermehrt Kirchenmänner seines Heimatkontinents in Führungspositionen bringen, so die Prognose. Als der Papst dann 2014 den Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche nicht zum Kardinal erhob und stattdessen Kirchenmänner aus der Provinz, erschien zudem ein weiterer Trend ausgemacht: Dieser Papst, der seinem eigenen Verwaltungsapparat misstraut, wird den Anteil der Kurienkardinäle, also jener Kardinäle, die ein Amt im Vatikan bekleiden, deutlich verringern.

Fünfeinhalb Jahre nach dem Amtsantritt von Franziskus erweist sich die erste Prognose als falsch, die zweite nur als bedingt zutreffend: signifikant lateinamerikanischer geworden ist das Kardinalskollegium in den vergangenen Jahren nicht. Kamen im Konklave 2013 von 117 wahlberechtigten Kardinälen 19 aus Lateinamerika, so sind es nach den jüngsten Kardinalsernennungen vom Donnerstag 22 von insgesamt 125 Kardinälen, die jünger als 80 Jahre alt sind und damit an einem Konklave teilnehmen könnten. Berücksichtigt man, dass in Lateinamerika mittlerweile nahezu die Hälfte aller Katholiken leben, ist dieser Erdteil auch unter dem ersten Papst aus dieser Region immer noch stark unterrepräsentiert.

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Die Zahl der Kurienkardinäle sank zumindest leicht von 37 im Konklave 2013 auf nunmehr 32. Im Vatikan beschränkte sich Franziskus bei den Beförderungen auf das Pflichtprogramm: Bislang nur zehn der von ihm ernannten Kardinäle erhielten als Kurienvertreter den Kardinalshut, ferner ein aktiver und ein ehemaliger Diplomat des Heiligen Stuhls. Das sind deutlich weniger als unter Benedikt XVI. Der deutsche Papst brachte es in seiner achtjährigen Amtszeit auf mehr als 30 neue Kurienkardinäle. Es ist allerdings keineswegs so, dass Franziskus traditionelle Anwärter im Vatikan systematisch zugunsten von Ortsbischöfen der Weltkirche übergehen würde. Lediglich den Bibliothekar der Heiligen römischen Kirche ignorierte er konsequent, der bislang meist schon bald nach seinem Amtsantritt den Kardinalshut erhielt. Die Präsidenten der Päpstlichen Räte, von denen derzeit zwei noch nicht Kardinal sind, mussten auch unter Franziskus' Vorgängern bisweilen länger darauf warten oder verblieben im Rang eines Erzbischofs. Neu zu den Anwärtern auf die Kardinalswürde zählt unter Franziskus der päpstliche Almosenverwalter, bislang ein zweitrangiger kaum beachteter Posten im Vatikan. Am Donnerstag hatte Franziskus den derzeitigen Amtsinhaber Konrad Krajewski ins Kardinalskollegium aufgenommen. Zuvor hatte er bereits erklärt, dass der Almosenverwalter nach der neuen Kurienverfassung künftig stets Kardinalsrang haben soll.

Die geringe Zahl neuer Kurienkardinäle unter Franziskus erklärt sich nicht zuletzt daraus, dass in der Amtszeit von Benedikt XVI. viele Spitzenposten im Vatikan neu besetzt wurden, weil die bisherigen Amtsinhaber in den Ruhestand gingen. Außerdem hat sich die Zahl der kardinalsträchtigen Führungspositionen durch die Kurienreform in Franziskus' Amtszeit verringert.

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Die eigentlichen "Gewinner" unter Franziskus heißen Asien, Ozeanien und Afrika. Die Zahl der Kardinäle aus Asien und Ozeanien hat sich seit seinem Amtsantritt von 12 auf insgesamt 21 erhöht, die Zahl der Kardinäle aus Afrika stieg von 11 auf 16. Die Zahl der europäischen Kardinäle sank unterdessen von 61 auf 53. Vor allem die Präsenz der Italiener verringerte sich von 28 auf 22. Damit erreichte sie in etwa wieder das Niveau, das sie unter Johannes Paul II. gehabt hatte.

Am deutlichsten zeigt sich Franziskus' Handschrift in der Globalisierung des Kardinalskollegiums, die er so konsequent wie keiner seiner Vorgänger betreibt. Im Kreis der wahlberechtigten Kardinäle sind mittlerweile 65 Nationalitäten vertreten. Beim Amtsantritt von Franziskus waren es nur 50. Im gesamten Kardinalskollegium sind es sogar 88 Nationalitäten. Allein 15 Kardinäle berief Franziskus aus Staaten, die nie zuvor einen Kardinal gestellt haben.

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Besonders auffällig ist Franziskus' Vorliebe für kleine Inselstaaten: Er berief Bischöfe aus Haiti, Tonga, St. Lucia, Mauritius und den Kapverdischen Inseln. Damit sind erstmals auch alle Weltmeere im Kardinalskollegium vertreten. Dem Papst, der sich so intensiv wie kein Vorgänger für den Klimaschutz einsetzt, liegen diese Inseln offensichtlich besonders am Herzen, weil sie die ersten Opfer des Klimawandels sind.

Wie nachhaltig ein Papst den Kurs der Kirche prägen kann, hängt auch davon ab, wie viele Kardinäle er ernennen kann. Deshalb gilt das Erreichen der 50-Prozent-Marke unter den wahlberechtigten Kardinälen oft als magische Grenze. Ihr ist Franziskus mit seinem fünften Durchgang von Kardinalserhebungen am Donnerstag nun schon sehr nahe gekommen. 59 von insgesamt 125 wahlberechtigen Kardinälen sind von ihm ernannt worden, 47 von Benedikt XVI. und 19 von Johannes Paul II. Allerdings darf man die Bedeutung dieses Faktors auch nicht überschätzen. Denn die hierbei stillschweigend zugrunde gelegten Prämissen, dass ein Papst erstens nur Kardinäle ernennt, die so ähnlich ticken wie er selbst, und dass die Kardinäle sich zweitens dem Papst, der sie ernannt hat, besonders verpflichtet fühlen, trifft nur bedingt zu. Deshalb bleibt abzuwarten, welche Folgen die veränderte Zusammensetzung des Kardinalskollegiums Folgen auf den Kurs der Kirche und die nächste Papstwahl haben wird. Vielleicht kommt Franziskus' Nachfolger ja aus der Südsee.

Von Thomas Jansen und Kilian Martin