Bayerische Flagge mit Löwen.
Kreuzerlass in Bayern: Manche Behördenchefs verweigern sich

"Glaube kann nicht verordnet werden"

Kreuzerlass - Seit einem Monat ist der Kreuz-Erlass in Bayern in Kraft. Die einen freuen sich, die anderen sehen in der Verordnung blanken Populismus. Und manche Amtsleiter weigern sich schlicht, ein Kreuz aufzuhängen.

Von Burkhard Schäfers |  München - 08.07.2018

In seinem Büro blickt der Landrat von Roth in Mittelfranken gleich auf zwei Kreuze. Schlichte Modelle aus Holz, ebenso wie ein paar Türen weiter im Sitzungssaal. Nur am Eingang zum Landratsamt ist weit und breit kein Kreuz zu sehen. Herbert Eckstein, ein freundlicher Herr im kurzärmeligen Hemd, seit einem Vierteljahrhundert Landrat in Roth, hat den Kreuz-Erlass der Bayerischen Staatsregierung nicht umgesetzt: "Wir leben im Landratsamt sehr nach christlichen Grundsätzen, das ist wichtiger als irgendeine Äußerlichkeit, die man unter Zwang aufhängt."

"Glaube kann nicht verordnet werden"

Eckstein ist evangelisch und lebt seinen Glauben auch. Deshalb die Kreuze in seinem Büro – die hat er schon länger. Aber am "Wahlkampf-Gag" des CSU-Ministerpräsidenten Markus Söder vor der Landtagswahl im Herbst will sich SPD-Mann Eckstein nicht beteiligen – und betont, sein Widerstand habe nichts mit politischer Opposition zu tun. "Glaube ist Privatsache und kann nicht verordnet werden."

Linktipp: Das Kreuz gehört nicht der CSU

Bayerns Staatsregierung im Wahlkampfmodus: Kreuze sollen in die Behörden – nicht als religiöses Zeichen, sondern als Symbol der Leitkultur. Das ist ein Missbrauch des Heilszeichens, kommentiert Felix Neumann.

Seit dem 1. Juni gilt in bayerischen Behörden die Kreuzpflicht, geregelt in der Geschäftsordnung. Allerdings ist sie schon wieder verwässert: Da die Landratsämter nicht direkt dem Freistaat unterstehen, gilt hier nur eine Empfehlung ‚pro Kreuz‘. Auch staatliche Museen und Theater müssen nicht mitmachen, hier sahen Kulturschaffende die Freiheit der Kunst gefährdet. Kontrollieren übrigens wird laut Innenministerium niemand, ob Wasserwirtschaftsämter, Polizeiposten und Finanzbehörden ein Kreuz im Foyer hängen haben. Ob es Konsequenzen für jene gibt, die sich dem Erlass verweigern, ist unklar. Ebenso vage bleibt, was die Staatsregierung mit ihrem Ansinnen tatsächlich bezwecken möchte: Irgendwie geht es um Identität, Kultur, Werte. Da könne man genauso gut eine Lederhose oder einen Maßkrug an die Wand nageln, spotten manche.

"Das Kreuz steht stellvertretend und symbolisch für das vor-staatliche Fundament der freiheitlich-demokratischen Grundordnung", schreiben der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer und sein evangelischer Amtsbruder Hans-Martin Weiss in einer gemeinsamen Erklärung zum Kreuz-Erlass. Und weiter: "Wir sind jeder Politikerin und jedem Politiker dankbar für das öffentliche Bekenntnis zu den vorpolitischen Fundamenten unserer Gesellschaft."

Zugleich gibt es aus der Kirche auch Kritik an der Verordnung: Der Münchner Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, sagte, durch das Kreuz sei eher "Spaltung, Unruhe, Gegeneinander" entstanden. Würzburgs neuer Bischof Franz Jung betonte: "Das Kreuz ist ein genuin religiöses Zeichen und darf nicht auf bayerische Folklore und heimatliches Brauchtum reduziert werden." Harsche Kritik kam vom Nürnberger Jesuiten Jörg Alt, der gemeinsam mit anderen Ordensleuten, kirchlichen Verbänden und Professoren unterschiedlicher Fachrichtungen einen offenen Brief an die CSU verfasste. Durch den Kreuz-Erlass sei "die Diskrepanz zwischen Rhetorik und praktischer Politik unerträglich deutlich geworden", sagt der Sozialethiker. "Vor dem Hintergrund der Entwicklung in der bayerischen Politik im Bereich Flucht und Migration, Armut und Abschiebung haben wir gesagt: Wer das Kreuz aufhängt, muss sich auch am Kreuz und seinen Werten messen lassen." Wie neutral ist der Staat? Wie viel Religion im öffentlichen Raum ist angebracht? Und: Wo beginnt die politische Instrumentalisierung religiöser Symbole? Diese Fragen stellen sich mit Blick auf die Verordnung der bayerischen Staatsregierung.

Herbert Eckstein, Landrat von Roth

Herbert Eckstein, Landrat von Roth in Mittelfranken, will dem Kreuz-Erlass nicht folgen.

Der Alltag mit den Kreuzen indes ist deutlich weniger spektakulär, als so manche erregte Stellungnahme vermuten ließ. Wer das Staatliche Bauamt München I betritt, einen ehemaligen Kasernenbau, sieht im Foyer an der weißen Wand oben links ein Kreuz. Oder auch nicht. Kein einziger Besucher oder Mitarbeiter habe sie darauf angesprochen, sagt die Dame hinter der Glasscheibe an der Pforte. Offenkundig interessieren sich die Ingenieure, die hier ein - und ausgehen, eher für die Statik des Münchner Konzertsaals als für das hinter dem Kreuz stehende – Zitat Ministerpräsident Söder – "ideelle Wurzelgeflecht". Der stellvertretende Leiter des Bauamts Bernhard Kohl sagt: "Unsere Mitarbeiter sind alle sehr mit ihren Projekten beschäftigt, unser tägliches Arbeiten hat sich bisher nicht verändert dadurch." Dann fällt ihm doch noch eine Reaktion ein – in Form einer anonymen Postkarte: "Darauf sind wir dafür, dass wir ein Kreuz aufgehängt haben, gelobt worden."

Wie viele Behörden ein Kreuz aufgehängt haben und wie viele Amtschefs sich verweigern, dazu sind keine Zahlen bekannt. Mehrere Behördenleiter wollen auf Anfrage öffentlich lieber nichts sagen. Von anderen heißt es, Anordnungen der Staatsregierung würden eben umgesetzt. Davon ist Landrat Herbert Eckstein aus Roth weit entfernt. Das Kreuz als bayerisches Symbol? "Da machen die einen sehr, sehr großen Fehler: Ein Kreuz ist ein christliches Symbol – und das hat keine Landes- oder Bundesgrenzen oder welche Grenzen auch immer."

Von Burkhard Schäfers