Vor 75 Jahren bombardierten die Alliierten Hamburg - und seine Kirchen

Als Schwefel und Feuer vom Himmel regneten

Aktualisiert am 24.07.2018  –  Lesedauer: 
Geschichte

Hamburg ‐ Vor 75 Jahren begann die "Operation Gomorrha": Zehn Tage lang flogen die Alliierten dabei Luftangriffe auf Hamburg. Ausgerechnet eine Kirche diente den Piloten dabei als Zielmarkierung.

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Ausgerechnet eine Kirche wies den alliierten Bomberpiloten den Weg. Als die britischen und amerikanischen Streitkräfte vor 75 Jahren, zwischen dem 24. Juli und dem 3. August 1943, eine Serie von Luftangriffen auf Hamburg flogen, diente ihnen der weithin sichtbare Turm der Hauptkirche St. Nikolai im Stadtzentrum als Zielmarkierung.

Die Angriffe der "Operation Gomorrha", so der Name der militärischen Operation, waren die bis dahin schwersten in der Geschichte des Luftkriegs. Und tatsächlich fühlten sich die Hamburger bei den Bombardierungen ihrer Stadt an die biblische Geschichte von Sodom und Gomorra erinnert – die beiden sündhaften Städte, über die im Buch Genesis berichtet wird, dass Gott vom Himmel herab Schwefel und Feuer auf sie regnen ließ und sie gemeinsam mit ihren Einwohner vernichtete (Gen 19,24f).

Sieben Bombenangriffe in zehn Tagen

Die Angriffe auf Hamburg begannen in der Nacht auf den 25. Juli, als 791 britische Bomber Kurs auf die Stadt an der Elbe nahmen. In den folgenden zehn Tagen folgten sechs weitere Bombardements. Immer wieder heulten in der Stadt die Sirenen, immer wieder mussten die Menschen Schutz in den Luftschutzkellern suchen.

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Papst Pius XII. hatte versucht, es zu verhindern, doch ohne Erfolg: Am 19. Juli 1943 fielen allierte Bomben auf Rom. Nach dem Angriff setzte der Papst auf Seelsorge statt auf Diplomatie.

So auch Günter Lucks und sein Bruder Hermann. Am Abend des 28. Juli verschanzen sich die beiden Jungen im Keller ihres Wohnhauses in Hamburg-Hammerbrook. Voller Angst starren sie an die bebende Decke. Kinder weinen, eine Frau schreit um Hilfe. Schließlich trifft eine Phosphorbombe das Haus. Die Brüder stürmen nach oben, versuchen chancenlos gegen die Flammen anzukämpfen. Hermann will die in der Nähe wohnende Tante suchen. "Bleib hier", bettelt Günter. Vergeblich. "Mein Bruder lief weg und da kam dieser Feuerschwall, darin verschwand er", erinnert sich der heute 89-Jährige. Hermann stirbt, wenige Tage vor seinem 16. Geburtstag. "Das war eine Höllennacht", sagt Günter Lucks.

Der Angriff, bei dem Günter Lucks Bruder umkam, war besonders verheerend. Die 739 alliierten Bomber warfen ihre todbringende Fracht in dieser Nacht vor allem über dem Ostteil der Stadt ab. Begünstigt durch die Sommerhitze und starke Winde entwickelte sich ein wahrer Feuersturm. "Es war eine sehr heiße Woche, die Stadt war ausgetrocknet – das war wegen der Brandbomben fatal", erklärt der Historiker Malte Thießen. Die Brände verbanden sich zu riesigen Feuerherden und saugten den Sauerstoff wie in einem Kamin ein. Bäume wurden entwurzelt, Dächer von den Häusern gerissen. Menschen wurden in die Flammen hineingezogen, viele erstickten aber auch in den vermeintlich sicheren Luftschutzkellern.

"Auf der Straße lagen Menschen, schrien um Hilfe"

In der Nacht auf den 29. Juli brennt auch das Wohnhaus der Familie Kuckhoff in Hamburg-Hamm lichterloh. Die verzweifelte Mutter will unbedingt ihre Nähmaschine retten – unmöglich. Ein Lastwagen hält, ein Soldat fordert die Umstehenden auf, schnell einzusteigen. Die Hitze ist gewaltig, auf der Fahrt vorbei an brennenden Häusern sieht der damals fünfjährige Nestor Kuckhoff Grausames: "Was mich als Kind jahrelang noch erschüttert hat: Auf der Straße lagen Menschen, die wälzten sich im Feuer, schrien um Hilfe", sagt der heute 80 Jahre alte Priester, der bis 2013 Dompropst des Hamburger Domkapitels war. "Keiner konnte ihnen helfen, weil es kein Wasser gab."

Insgesamt, so schätzen Historiker heute, starben bei den Angriffen der "Operation Gomorrha" rund 35.000 Menschen, die Zahl der Verletzten wird mit etwa 125.000 beziffert. Den Bombardierungen fielen 277.330 Wohnungen, 3.212 Betriebe, 80 Anlagen der Wehrmacht, 24 Krankenhäuser, 277 Schulen und 58 Kirchen zum Opfer. Laut Schätzungen warfen die Alliierten 10.000 Tonnen Sprengbomben, 300.000 Stabbrandbomben sowie 3.000 Phosphorbrandsätze auf die Hansestadt.

Bild: ©Fotolia.com/Carl-Jürgen Bautsch

Der Turm der ehemaligen Hauptkirche St. Nikolai hat das Bombardement wie durch ein Wunder überstanden. Heute ist die Ruine der Kirche ein zentraler Gedenkort.

Die "Operation Gomorrha" hat tiefe Narben in Hamburg hinterlassen. "Die Bombenangriffe haben zum einen die äußere Gestalt der Stadt radikal verändert", sagt der Historiker Dirk Brietzke. "Zugleich haben die Luftangriffe die Menschen, die das Grauen miterlebten, nachhaltig geprägt und zum Teil traumatisiert." Das zeigt sich schon unmittelbar nach den Luftangriffen. Viele Hamburger irren durch die zerstörte Stadt – darunter zahlreiche Kinder, die von ihren Eltern getrennt wurden. "Vor allem im Osten finden die Menschen ihr Haus nicht mehr wieder, weil sie keine Straßen mehr zur Orientierung haben, weil alles platt ist", sagt Thießen.

Der spätere evangelische Landesbischof Volkmar Herntrich schrieb über eine Fahrt durch die Stadt wenige Tage nach den Angriffen: "Wir fuhren eine halbe Stunde lang durch Straßen, in denen nicht ein einziges Haus mehr stand, das nicht von oben bis hinab in den Keller vollständig ausgebrannt war." Seine Kirche St. Katharinen war ebenso zerstört wie die umliegenden Häuser. "Nicht als Ruinen und Trümmer, die Straßen zimmerhoch mit Schutt beladen", so Herntrich.

Der Jahrestag bringt die Bilder des Feuersturms wieder hoch

Auch Günter Lucks stolperte nach den Bombardierungen durch die Trümmer, drehte auf der Suche nach seinem Bruder immer wieder Leichen um. "Viele waren auf Kindergröße zusammengeschrumpft", erinnert er sich. Der 75. Jahrestag des Angriffs bringe die Bilder des Feuersturms wieder hoch. Er habe aber mit den Jahren gelernt, das auszuhalten, sagt Lucks.

Der Turm von St. Nikolai, der den Bombern den Weg wies und – obwohl weite Teile des Kirchenschiffs schwer getroffen wurden – die Angriffe wie durch ein Wunder überstand, ist heute ein zentraler Ort des Gedenkens an die "Operation Gomorrha". Die Ruine der Kirche ist "den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945" gewidmet.

Von Steffen Zimmermann