Der Katechismus der Katholischen Kirche
Benediktinerpater Anthony Ruff über das Lehramt der Kirche im Wandel der Zeit

Die Lehre entwickelt sich, und es gibt kein Zurück

Dogmatik - Hat Franziskus die Lehre der Kirche geändert, als er die Todesstrafe für unzulässig erklärte? Nein, sagt Pater Anthony Ruff. Der Heilige Geist wirke immer weiter – und die Kirche dürfe nicht den Zeitgeist vergangener Jahrhunderte konservieren.

Von Anthony Ruff OSB (Übersetzung: Felix Neumann) |  Collegeville - 05.08.2018

Die Schlagzeile von "katholisch.de" ist typisch für viele: "Papst ändert Katechismus: Todesstrafe immer unzulässig!". Die Überschrift ist nicht falsch, aber sie könnte möglicherweise auf eine falsche Spur führen: Man könnte denken, der Papst habe willkürlich die Lehre geändert, weil Päpste das eben so können, wann immer es ihnen danach ist.

Besser wäre es, davon zu sprechen, dass der Papst den Glauben der Kirche in Bezug auf eine Lehre dargelegt hat, die sich mit der Zeit entwickelt hat und gewachsen ist. Natürlich: Viele der Artikel zum Thema greifen diese Aspekte teilweise auf und betonen etwa, dass Papst Johannes Paul II 1997 den Katechismus geändert hat, um die wachsende Einsicht auszudrücken, dass die Todesstrafe selten, wenn nicht sogar nie zu rechtfertigen ist. Es ist auch verständlich, dass Überschriften kurz und griffig sein müssen (und normalerweise auch nicht vom Urheber des Artikels formuliert sind).

Es gibt die Frage nach der Moralität der Todesstrafe und die Frage nach der Entwicklung der Lehre. Hier soll es um letzteres gehen.

Tradition ist eine lebendige Realität

In einer bedeutenden Ansprache im vergangenen Oktober anlässlich des 25. Jahrestags der Veröffentlichung des Katechismus hat Papst Franziskus über die Entwicklung der Lehre gesprochen. Dabei sagte er unter anderem dies:

"Die Tradition ist eine lebendige Realität und nur eine begrenzte Sicht kann sich das 'depositum fidei', das Glaubensgut, als etwas statisches, unbewegliches vorstellen. Man kann das Wort Gottes nicht einmotten als wäre es eine alte Wolldecke, die man vor Schädlingen bewahren müsste. Nein! Das Wort Gottes ist eine dynamische Wirklichkeit, stets lebendig, und es entwickelt sich und wächst, denn es ist auf eine Erfüllung hin angelegt, die die Menschen nicht stoppen können. […] Man kann die Lehre nicht bewahren ohne ihre Entwicklung zuzulassen. Man kann sie auch nicht an eine enge und unveränderbare Auslegung binden, ohne den Heiligen Geist und sein Handeln zu demütigen."

Eine festinstallierte Pritsche in einem kargen Raum

Eine Hinrichtungszelle in einem Gefängnis in Lucasville im US-Bundesstaat Ohio. - Kein Katholik kann sich mehr auf die Lehre der Kirche berufen, wenn er die Todesstrafe befürwortet; der Katechismus der Katholischen Kirche verdammt künftig die Todesstrafe kategorisch.

In dieser Ansprache steht auch, dass "die Todesstrafe eine unmenschliche Maßnahme ist, die – wie auch immer sie ausgeführt wird – die Würde des Menschen herabsetzt". Das ist der Satz, der jetzt in den Katechismus übernommen wurde.

Das Konzil hat unhaltbare Geschichtsklitterung zurückgewiesen

Das Lehramt hat sich zur Entwicklung der Lehre im Zweiten Vatikanischen Konzil geäußert, besonders in der dogmatischen Konstitution Dei verbum über die göttliche Offenbarung, auf die sich Papst Franziskus in seiner Ansprache bezieht. Darum geht es: Die katholische Kirche hat feierlich die anti-modernistische und historisch unhaltbare Position zurückgewiesen, dass sich die Lehre nicht geändert hat und sich nicht ändern kann. Das Konzil hat nicht nur die historischen Tatsachen hinsichtlich einer Entwicklung akzeptiert, sondern – und das ist noch wichtiger – auch die theologische Überzeugung bekräftigt, dass diese Entwicklung ein Werk des Heiligen Geists ist.

Ganz allgemein könnte man von drei großen Denkrichtungen sprechen, die mit drei verschiedenen Zeitaltern der Geschichte des Westens und der römisch-katholischen Kirche zusammenhängen:

  1. Etwa 1.500 Jahre lang gab es eine enorme Entwicklung in der Darstellung der Lehre durch ökumenische Konzilien, die Lehre der Bischöfe und Päpste und die Schriften von Theologen (die im Mittelalter als Teil des Lehramts verstanden wurden). Dass die Lehre sich dabei entwickelt hat, wurde nur begrenzt wahrgenommen. Das liegt zum einen daran, dass sich das moderne Verständnis von Geschichtswissenschaft noch nicht entwickelt hatte, und zum anderen, weil es kaum Grund dazu gab, über diesen Sachverhalt nachzudenken, der damals noch nicht kontrovers war.
  2. Eine Verteidigungshaltung war die offizielle römisch-katholische Antwort auf die protestantische Reformation im 16. Jahrhundert. Entwicklungen, die sich offensichtlich vollzogen hatten, wurden heruntergespielt oder sogar geleugnet. Zunehmend wurde behauptet, dass die Lehre der Kirche (in ihrer gerade aktuellen Formulierung) sich im Lauf der Jahrhunderte nie geändert hätte.
  3. Im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich zunehmend eine historische Redlichkeit unter katholischen Theologen. Die offizielle Reaktion darauf war in der Regel die Verdammung solcher Thesen. Der Tiefpunkt davon war der Syllabus Errorum von Pius IX. im Jahr 1864, aber gelegentlich auch eine gewisse Offenheitheit, die in den Jahrzehnten vor dem Zweiten Vatikanum zunahm, das dann die Entwicklung der Lehre konstatierte.
Bild: © KNA

Pius IX. (* 13. Mai 1792; † 7. Februar 1878 in Rom) war Papst von 1846 bis 1878. Am 8. Dezember 1864, verurteilte er im "Syllabus errorum" 80 angebliche Irrtümer der Moderne.

Mit dem Konzil hat sich der Weg dann gegabelt. Die katholische Kirche hat nach einigem Hin und Her den Weg der historischen Redlichkeit gewählt und auf die fortwährende Gegenwart des Heiligen Geistes vertraut. Eine kleine Gruppe (ob sie jetzt wächst, ist schwer zu sagen) bleibt allerdings der zweiten Haltung verbunden: Das sind die Leute, die die aktuelle Änderung des Katechismus unter Häresieverdacht stellen. Viele davon sind dieselben, die auch die Liturgiereform verdammen und von der tridentinischen Messe gegen alle historischen Belege als "Messe aller Zeiten" sprechen. Diese Gruppe stellt es auch oft so dar, als sei der alte Ritus "traditionell", der neue dagegen nicht. Das zeigt, dass ihr Verständnis der Tradition sich deutlich von dem der Kirche unterscheidet – sie haben einen anderen Weg gewählt als den des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Kein Konservieren angeblicher historischer "Höhepunkte"

In der extremsten Form verbindet diese Einstellung ein abgöttisches Hängen an der unreformierten Liturgie mit der Weltanschauung des Syllabus Errorum. Der liturgische Höhepunkt wurde für sie 1580 erreicht, der theologische 1864, und beide Hochpunkte müssen für alle Zeit konserviert und gegen jede modernistische Neuerung und Entwicklung verteidigt werden.

Es gibt deutliche Querverbindungen zwischen der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Offenbarung, seiner Offenheit gegenüber der modernen Welt, der Entwicklung der Lehre über die Religionsfreiheit, der Liturgiereform und der aktuellen Entwicklung der Lehre zur Todesstrafe. Man kann natürlich unterschiedliche Positionen zu so verschiedenen Themenbereichen einnehmen. Aber wenn die eigene Position sich kategorisch anti-modernistisch gegen jede Entwicklung richtet, wird man es schwer haben in der katholischen Kirche.

Es lässt sich so sagen: Die Kirche wird an dem Tag die tridentinische Liturgie als universelle Form ihrer "lex orandi" einführen, an dem sie den Kirchenstaat zurückerobert. Mit anderen Worten: Die Wege haben sich getrennt, die Kirche hat sich entschieden, voranzugehen, und es gibt kein zurück. Die Liturgiereform ist, so hat es Papst Franziskus gesagt, nicht mehr zurückzudrehen. Die Lehre der Kirche, die Vorschriften, die Rubriken der Liturgie werden sich mit Gewissheit weiter und weiterentwickeln – aber entlang des Wegs, den die Kirche gewählt hat, nicht zurück.

Von Anthony Ruff OSB (Übersetzung: Felix Neumann)

Zum Autor

Anthony Ruff ist Benediktiner der Abtei St. John in Collegeville, Minnesota und lehrt Liturgie, Kirchenmusik und Gregorianik an der St. John's University in Collegeville. Der Artikel erschien zuerst in dem von ihm herausgegeben Blog "Pray Tell".