Ein älterer Handwerker mit Heiligenschein (Josef) schläft an den Tisch gelehnt in seiner Werkstatt. Rechts erscheint ihm im Traum ein Engel mit einer Botschaft in der Hand.
Bild: © KNA
Die Rolle des heiligen Josef in der Weihnachtsgeschichte

Held am Rand

Kein Gemeindefest, keine Firma, kein Projekt, bei dem es sich nicht immer wieder neu beobachten lässt: Zum Gelingen braucht es vor allem die Menschen, die mit anpacken, keine großen Reden schwingen und mit großer Selbstverständlichkeit dafür sorgen, dass alles irgendwie läuft. Die stillen Anpacker im Hintergrund sind meist viel wichtiger, als die, die das Rampenlicht suchen. In der Weihnachtsgeschichte nach Matthäus nimmt Marias Verlobter Josef diese Rolle ein.

Hannover - 23.12.2014

Matthäus gestaltet die Weihnachtsgeschichte so, dass in ihr schon etwas von dem Auftreten Jesu erkennbar wird: Seine spätere Hinwendung zu den Menschen am gesellschaftlichen Rand, zu den Ausgegrenzten, den Armen, den Unbedeutenden wird hier mit dem Blick auf Josef schon indirekt angedeutet. Mit der Vorstellung des Zimmermanns wird auch die Frage aufgeworfen, worauf oder auf wen sich unsere eigene Aufmerksamkeit üblicherweise richtet. Allzu leicht lässt sie sich auf das Dominante, das Laute, das Grelle lenken.

Das Spektakuläre macht eben eher Schlagzeilen und steigert mediale Einschaltquoten. Das ist in gewisser Weise natürlich und menschlich. Nur gilt es, immer wieder die eigene Manipulierbarkeit, die darin liegt, wahrzunehmen. In allem, worin ich meine Aufmerksamkeit steuern lasse, liegt die Gefahr auf der Hand, dass das Eigentliche von mir übersehen wird. Das wirklich Spannende ereignet sich eben manchmal doch am Rand, abseits der Aufmerksamkeit.

Bild: © privat

Pfarrer Wolfgang Beck ist Sprecher beim "Wort zum Sonntag".

Identitätsfigur und Zweifler

Der Josef in der Weihnachtserzählung des Matthäus ist deshalb der beständige Hinweis: Nehmt auch die Unauffälligen, die Menschen am Rand wahr. Überseht sie nicht! Der Evangelist überliefert sogar den Traum des Josef, sein Hadern mit der Situation, sein Ringen mit der Frage, ob er Maria wegschicken soll. All das lässt ihn zur Identitätsfigur für Menschen werden, die von sich selbst wissen, dass sie kein Star sind und sich eben auch um ein redliches Leben bemühen. Man kann das klein, durchschnittlich und unspektakulär finden. Für mich ist es beeindruckend, weil da ein Mann einen Weg zur Heiligkeit geht, der ihn nicht von den anderen Menschen abhebt.

Und dieser Weg zur Heiligkeit ist wenig heldenhaft. Der Lebens- und Glaubensweg beginnt biblisch mit dem Zweifel. Josef überlegt, Maria zu verlassen und nichts auf das "Gerede" und die Träume von Engeln und dem Wirken des Heiligen Geistes zu geben. Josef wird mit diesem Hadern zu einem Repräsentanten des Zweifels und des schwer errungenen Glaubens. Er hinterfragt mit seinem Weg all jene, die meinen, dass Glaube und Zweifel ein Widerspruch seien. Bei Josef bewirkt erst der Zweifel die wohl tiefste Glaubenserfahrung seines Lebens.

Der gerecht Handelnde

Doch was macht diesen Mann am Rand so bedeutsam und zu einem Vorbild? Es ist mit zwei kleinen Wörtern zu beschreiben: Er handelt und er ist mutig! Dieser Josef wird als ein Mensch beschrieben, der "gerecht" ist. Nach seinem Traum wird keine Aussage von Josef überliefert, sondern es heißt, dass er "tat, was der Engel ihm befohlen hatte".

Man könnte Josef auch als einen "Macher" beschreiben. Und genau darin liegt auch etwas Theologisches. Denn in seinem Tun zeigt sich, was mit "gerechter Mensch" gemeint ist. Biblische Gerechtigkeit findet hier beispielhaft ihren Ausdruck im Handeln.

Es geht nicht um ein "man sollte doch mal" oder "da müssten die Politiker doch mal". Wer sich auf solche allgemeinen und floskelhaften Forderungen beschränkt, der mag ganz allgemein richtig liegen, aber eben auch genau neben dem, was biblische Gerechtigkeit meint. Denn mit Josef wird deutlich, dass Gerechtigkeit sich dort ereignet, wo sie getan wird. Wo sie konkretes Handeln bewirkt, da wird von einem gerechten Menschen zu sprechen sein. Deshalb ist es so bedeutsam, dass Josef nicht als Redner, sondern als einer beschrieben wird, der auf Gott hört und danach handelt.

Flucht oder Risiko?

Und weil das Handeln das genaue Gegenteil vom ängstlichen Weglaufen ist, ist es die adäquate Reaktion auf die schwer verständliche Schwangerschaft Mariens. Der ursprüngliche Impuls, sich von Maria zu trennen, sei es auch in noch so anständiger Form, wäre wohl ein Weglaufen gewesen: vor der schwangeren Frau, vor dem Unerklärlichen und deshalb Ärgerlichen. Ein Weglaufen auch vor dem Willen Gottes und den Zumutungen, die darin immer liegen können.

Die Alternative ist hier nicht nur: Maria allein lassen und weggehen. Die entscheidende Frage lautet: der eigenen Logik folgen und den leichten Weg gehen oder der Logik Gottes entsprechend handeln und den schweren Weg gehen?

Sich auf den Willen Gottes einzulassen, erfordert wesentlich mehr Mut. Schließlich riskiert Josef, als naiver Träumer da zu stehen – bis heute. Er riskiert, sich vor den Zeitgenossen zu blamieren und vielleicht ahnt er auch schon, dass er immer wieder vor den Eigentümlichkeiten seines Sohnes Jesus stehen wird und versuchen muss, mit ihnen umzugehen. Dem Willen Gottes entsprechend zu handeln, erfordert ein Vielfaches an Mut gegenüber dem einfachen Weglaufen. So lässt sich bei Josef, still und unauffällig, eine wirkliche Heldengeschichte beobachten. Es ist eine Heldengeschichte außerhalb des Rampenlichts und der Aufmerksamkeit des Lauten, eine Heldengeschichte am Rand.

Von Wolfgang Beck

Zur Person

Dr. Wolfgang Beck ist Pfarrer in Hannover, Dozent für Pastoraltheologie und Homiletik sowie "Wort zum Sonntag"-Sprecher bei der ARD.