"Flüchtlinge sind Gäste, die von Gott geschickt wurden"
Äthiopischer Kardinal über die Aufnahme von Flüchtlingen

"Flüchtlinge sind Gäste, die von Gott geschickt wurden"

Eine Million Flüchtlinge hat das bitterarme Äthiopien in den vergangenen Jahren aufgenommen – und das aus christlicher Überzeugung. Im Interview spricht Kardinal Berhaneyesus Demerew Souraphiel über den Kampf für eine bessere Zukunft.

Von Steffen Zimmermann |  Erfurt - 25.09.2018

Als Gast im laufenden Monat der Weltmission war der äthiopische Kardinal Berhaneyesus Demerew Souraphiel in den vergangenen Tagen in Deutschland zu Besuch, um von der Situation in Äthiopien – dem Schwerpunktland der diesjährigen Solidaritätsaktion des katholischen Hilfswerks missio – zu berichten. Im Interview mit katholisch.de spricht Souraphiel, der 2015 von Papst Franziskus zum Kardinal ernannt wurde, vor allem über die rund eine Million Flüchtlinge, die Äthiopien in den vergangenen Jahren aufgenommen hat. Außerdem erzählt der Erzbischof von Addis Abeba, wie sich die katholische Kirche für eine bessere Zukunft der Menschen in Äthiopien engagiert und wie erfolgversprechend der jüngste Friedensvertrag zwischen Äthiopien und Eritrea ist.

Frage: Kardinal Souraphiel, Äthiopien hat in den vergangenen Jahren rund eine Million Flüchtlinge aufgenommen – und das, obwohl es selbst zu den ärmsten Ländern der Erde gehört. Warum hält Ihr Land die Tür für Flüchtlinge so weit offen?

Souraphiel: Weil wir jeden Menschen, der zu uns kommt, als Gast betrachten. Und Gäste werden bei uns in der Tradition des Alten Testaments als Menschen gesehen, die von Gott geschickt wurden und denen man deshalb mit Ehrerbietung begegnen muss.

Frage: Angesichts der großen Armut in Äthiopien ist diese Haltung gegenüber Flüchtlingen – zumindest aus europäischer Perspektive – höchst bemerkenswert.

Souraphiel: Ich verstehe, was Sie damit sagen wollen. Aber: Wenn ich sehe, dass mein Nachbar in Schwierigkeiten ist, dann ist es das Mindeste, dass ich ihm helfe und mit ihm alles teile, was ich habe – auch wenn es nicht viel ist. Wenn jemand mit seiner Familie und seinem Vieh vor Krieg und Gewalt flüchten muss, dann muss man ihn aufnehmen und ihm helfen.

Frage: In Deutschland würden Sie mit dieser Haltung bei vielen Menschen nur Kopfschütteln hervorrufen. Die Debatte über die Flüchtlinge, die in vergangenen Jahren in die Bundesrepublik gekommen sind, wird hierzulande immer aggressiver geführt. Viele Menschen in Deutschland lehnen die Hilfe für Flüchtlinge inzwischen kategorisch ab.

Souraphiel: Ich habe von den Diskussionen in Deutschland gehört. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass die Bundesrepublik stolz darauf sein kann, dass sie in den vergangenen Jahren so vielen Menschen in Not geholfen hat. Die Aufnahme der Flüchtlinge – vor allem aus Syrien – war eine große Geste. Viele andere europäische Länder haben ihre Grenzen geschlossen, aber Deutschland hat seine Grenzen offen gehalten und damit ein Zeugnis der Solidarität und der Menschlichkeit gegeben.

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Video: © Claudia Zeisel

Kardinal Berhaneyesus Souraphiel zu Gast im Monat der Weltmission.

Frage: Haben Sie denn eine Erklärung dafür, dass sich eine wachsende Zahl von Menschen in Deutschland gegen eine weitere Unterstützung von Flüchtlingen ausspricht?

Souraphiel: Ich denke, dass dies viel mit Angst zu tun hat, vor allem mit der Angst vor dem Fremden. Aber die Flüchtlinge, die nach Deutschland oder Äthiopien kommen, sind in Wahrheit keine Fremden – sie sind unsere Nächsten, die Hilfe brauchen. Leider ist derzeit weltweit zu beobachten, dass reiche Staaten sich zunehmend gegenüber Flüchtlingen abschotten. Das bereitet mir große Sorgen, zumal die Flüchtlingsbewegungen, die wir derzeit weltweit erleben, wohl nur das Vorspiel für viel größere Bewegungen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sind. Umso wichtiger wäre es, zwischen den armen und reichen Ländern dieser Erde Brücken zu bauen – und nicht Mauern.

Frage: Blicken wir zurück nach Äthiopien: Ihr Land ist trotz eines starken Wirtschaftswachstums in den vergangenen Jahren immer noch von großer Armut geprägt. Welche Chancen sehen Sie langfristig für eine gute Entwicklung Äthiopiens und seiner Menschen?

Souraphiel: Die Bekämpfung der Armut ist in der Tat die größte Herausforderung, vor der unser Land steht. Erschwerend hinzu kommt das nach wie vor starke Bevölkerungswachstum; mit mehr als 100 Millionen Einwohnern ist Äthiopien inzwischen nach Nigeria das zweitgrößte Land Afrikas. Es wird darauf ankommen, die Armut nachhaltig und in allen Bereichen zu bekämpfen, um den Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen. Ich setze hierbei große Hoffnungen in unseren neuen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed.

Frage: Viele junge Äthiopier scheinen nicht an eine Verbesserung ihrer Situation zu glauben. Sie verlassen in großer Zahl ihr Heimatland, weil sie sich in Europa oder auf der arabischen Halbinsel bessere Perspektiven erhoffen.

Souraphiel: Das ist tatsächlich ein großes Problem. Die jungen Menschen sehen im Fernsehen oder im Internet schöne Bilder aus Europa und den Golfstaaten und wollen deshalb dorthin gehen. Doch die Realität sieht meist ganz anders aus: Viele Äthiopier, die in den vergangenen Jahren mit der Hoffnung auf ein besseres Leben ins Ausland gegangen sind, leiden dort unter Ausbeutung und Gewalt. Auch deshalb versuchen wir, die jungen Menschen davon zu überzeugen, in Äthiopien zu bleiben und sich dort für eine bessere Zukunft zu engagieren.

Kardinal Berhaneyesus Demerew Souraphiel und der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr (v.l.) vor der Eröffnung des Monats der Weltmission am 14. September 2018 in Erfurt.

Frage: Was tut die katholische Kirche dafür?

Souraphiel: Obwohl wir nur eine kleine Minderheit sind, geben wir unser Bestes, um den Menschen eine Perspektive zu geben. Als katholische Kirche engagieren wir uns vor allem im Bildungsbereich, weil wir davon überzeugt sind, dass Bildung der entscheidende Schlüssel für ein besseres Leben ist.

Frage: Was leistet die Kirche im Bildungsbereich konkret?

Souraphiel: Wir betreiben Schulen, die für alle Schüler offen sind – unabhängig von ihrer Herkunft oder Religion. Außerdem geben wir jungen Menschen die Möglichkeit für eine Berufsausbildung, zum Beispiel im Handwerk. Dadurch sollen sie lernen, Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ein wichtiges Projekt ist zudem die geplante Gründung einer katholischen Universität in Addis Abeba. Zum einen glauben wir, dass sie ein wichtiger Beitrag zur Bildung der Jugend sein kann. Zum anderen hoffen wir, dass die Universität ein Ort sein kann, an dem das friedliche Zusammenleben und der Austausch der verschiedenen Völker und Ethnien in Äthiopien erprobt und gelernt werden kann.

Frage: Hoffnungen auf ein friedliches Zusammenleben gibt es seit Kurzem erstmals auch mit Blick auf den jahrelangen Konflikt zwischen Äthiopien und dem Nachbarland Eritrea. Im Juli wurde überraschend ein Friedensvertrag zwischen beiden Ländern geschlossen. Wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung?

Souraphiel: Ich bin voller Hoffnung, dass der Frieden zwischen beiden Ländern von Dauer ist. Ich bin deshalb so optimistisch, weil der Friedensvertrag nicht von außen diktiert wurde, sondern direkt zwischen Äthiopien und Eritrea ausgehandelt wurde. Für die Entwicklung unserer beiden Länder und der Menschen in der Region wäre eine gute Nachbarschaft eine wichtige Voraussetzung.

Von Steffen Zimmermann

Zur Person

Kardinal Berhaneyesus Demerew Souraphiel (*1948) ist seit 1999 Erzbischof von Addis Abeba und Vorsitzender der äthiopischen Bischofskonferenz. Im Vatikan ist er Mitglied der Kongregation für die orientalischen Kirchen.