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Bitterer Ärger zwischen Vatikan und Nonnen

Im Mai erschien das vatikanische Dokument Cor Orans mit neuen Regeln für Frauenorden. Es verursacht Frustration und Bitterkeit, kommentiert Abtpräses Jeremias Schröder. Für ihn selbst ist der Text Grund zum "solidarischen Fremdschämen".

Von Jeremias Schröder OSB |  Bonn - 24.12.2018

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Auch in den Klöstern werden zum Jahresende gerne Jahresrückblicke geschrieben. Bei den klausurierten Nonnen wird die eine oder andere Chronistin vor der Frage stehen, ob sie über eine Frustration berichten soll, die in den Konventen unlängst einige Bitterkeit verursacht hat.

Auslöser ist das Dokument Cor Orans, das im Mai dieses Jahres erschienen ist. Die rund 4.000 unabhängigen Nonnenklöster werden aufgefordert, sich zu Verbänden zusammen zu schließen, um wichtige Dinge intern regeln zu können und sich gegenseitig in vielen Bereichen zu unterstützen. Die neuen Regeln haben eine große Tragweite und ersetzen an mehreren Stellen das bislang gültige allgemeine Kirchenrecht. Sie erzeugen Veränderungsdruck und sind im Einzelfall nicht so einfach umzusetzen.

Das ist aber nicht der Stein des Anstoßes. Der liegt vielmehr in der Verfügung, dass die Ausbildungszeit einer Nonne in Zukunft mindestens neun Jahre betragen soll. Bisher gilt flächendeckend für alle Ordensleute: Mindestanforderung sind rund viereinhalb Jahre.

Die klausurierten Nonnen sollen nun mindestens doppelt so lang warten, bis sich ihr klösterliches Schicksal endgültig entscheidet. Das ist ein große Hürde, wenn – wie in Deutschland häufig der Fall – nicht Schulabsolventinnen den Weg ins Kloster suchen, sondern reifere Frauen, die bereits eine Karriere begonnen haben, und die nun erproben, ob dieser Weg für sie taugt. Eine Frau, die mit 35 ihren Arbeitsplatz aufgibt, um ins Kloster zu gehen, erfährt unter Umständen mit 44, dass sie besser ins Arbeitsleben zurückkehrt. Das macht den Klostereintritt zum Existenzrisiko.

Tiefer allerdings geht der Ärger über die Ungleichbehandlung. Den Ordensfrauen wird kollektiv unterstellt, sie bräuchten länger als Männer. In Rom war zu hören, dass diese selektiv-Behandlung "von anderer Stelle" gewünscht wurde, was Hofsprache für den Papst ist. Das ist plausibel, denn Jesuiten haben andere Ausbildungsformen ohne die üblichen Fristen. Allerdings geht es ja hier nicht um Jesuitinnen, und die vielen Benediktinerinnen, Zisterzienserinnen, Klarissinnen, Karmelitinnen, Trappistinnen usw., die von dieser Regel betroffen sind, schwanken zwischen Ärger und Verbitterung. Wir Ordensmänner können uns derweil überlegen, wie eine katholische Form des solidarischen Fremdschämens geht.

Von Jeremias Schröder OSB

Der Autor

Jeremias Schröder OSB ist Abtpräses der Benediktinerkongregation von St. Ottilien.

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