Von Verheißungen und Erfüllungen
Geburtserzählungen in der Bibel

Von Verheißungen und Erfüllungen

Nicht nur die Geburt von Jesus wird in der Heiligen Schrift beschrieben – auch die Anfänge anderer berühmter Gestalten der Bibel werden ausführlich dargestellt. Dabei gilt immer: Ohne Gottes Hilfe läuft nichts.

Von Matthias Altmann |  Bonn - 26.12.2018

"Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr" (Lk 2,11). Unzählige Gottesdienstbesucher haben an Heiligabend aufs Neue die berühmteste Geburtserzählung der Welt gehört. Doch der Heiland ist bei weitem nicht der einzige, dessen Geburtsumstände die Heiligen Schrift näher beleuchtet. Vor allem im Alten Testament wird fleißig gezeugt und geboren – teilweise über ganze Kapitel hinweg. Kein Wunder, schließlich erzählt das Volk Israel darin seine Anfänge als Familiengeschichte.

Den Deutungshorizont für die biblischen Geburtsgeschichten liefert die Erzählung vom sogenannten Sündenfall (vgl. Gen 3). Demnach wäre der Menschheit vieles erspart geblieben, wenn Adam und Eva ihre Finger vom 'Baum der Erkenntnis' gelassen hätten: Keine Vertreibung aus dem Paradies, keine schweißtreibende Feldarbeit – und keine Wehen der Frau bei der Geburt. "Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären" (Gen 3,16).

Adam und Eva greifen nach der verbotenen Frucht: Das Gemälde "Der Sündenfall" von Jacob Jordaens (1593-1678).

Gleichzeitig transportiert die Geschichte eine andere Sichtweise auf die Thematik: Durch Schwangerschaft und Geburt verhelfen Frauen dem Leben zum Durchbruch und sichern so das Überleben des Gottesvolks. So nennt Adam die Frau im Anschluss an die Strafsprüche Gottes "Eva", im Original "chawwah". In diesem Namen schwingt das hebräische Wort "chaj" mit, das übersetzt "Leben" heißt. Damit wird Eva zur "Mutter aller Lebendigen" (Gen 3,20).

Isaak: Gott erfüllt seine Verheißung

Gott hält seine Versprechen – egal, ob der Mensch es für möglich hält oder nicht. Besonders verdichtet zeigt sich dies bei der Geburt Isaaks, dem von Gott vorgesehenen Stammhalter Abrahams: Obwohl bereits alt und kinderlos, erhält Abraham von Gott die Zusage, dass seine Nachkommen so zahlreich wie die Sterne am Himmel sein werden (vgl. Gen 15,5). Isaak, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch ungeboren, taucht zum ersten Mal in der Sohnes- und Bundesverheißung Gottes an Abraham auf: "Deine Frau [Sara] wird dir einen Sohn gebären und du sollst ihm den Namen Isaak geben. Ich werde meinen Bund mit ihm aufrichten als einen ewigen Bund für seine Nachkommen nach ihm" (Gen 17,19).

Der verheißene Sohn kommt schließlich am Anfang des 21. Kapitels zur Welt. Der Kommentar von Abrahams Frau Sara zur Geburt Isaaks spielt auf die Bedeutung des Namens an: "Gott ließ mich lachen; jeder der davon hört wird mir zulachen" (Gen 21,6). Isaak ist ein Satzname und heißt übersetzt so viel wie "er lachte" – wobei unklar ist, wer der Lachende ist. Auch an anderen Stellen wird auf den Namen angespielt: In Gen 17,17 ist es Abraham, der ungläubig lacht, als Gott ihm ankündigt, seine Frau Sara werde einen Sohn gebären. In Gen 18,12 ist es schließlich Sara, die lacht, als sie hört, wie einer der drei Gottesboten, die zu Besuch sind, Abraham voraussagt, dass seine Frau in einem Jahr Mutter eines Sohnes sein wird.

Jakob und Esau: Konkurrenz von Geburt an

Auch die Geschichte von den Zwillingsbrüdern Jakob und Esau beginnt schon vor deren Geburt. Wie auch Abraham und Sara sind Isaak und Rebekka zunächst kinderlos. Durch Isaaks Bitte an Gott wird Rebekkas Unfruchtbarkeit aufgehoben (vgl. Gen 25,21). Doch die Schwangerschaft bleibt nicht ohne Komplikationen, sodass Rebekka Rat bei Gott sucht. Dessen Antwort lautet: "Zwei Nationen sind in deinem Leib, und zwei Volksstämme scheiden sich aus deinem Innern; und ein Volksstamm wird stärker sein als der andere, und der Ältere wird dem Jüngeren dienen" (Gen 25,23). Das bezieht sich auf die Zwillingsgeburt und gibt gleich zu Beginn des Erzählung dem Leser einen Hinweis, wie die Erzählungen um Jakob auch zu lesen sind: Jakob und Esau stehen für die benachbarten Völker Israel und Edom.

Abraham schickt Hagar und Ismael in die Wüste. Sara und Isaak sehen im Hintergrund zu.

Abraham schickt Hagar und Ismael in die Wüste. Sara und Isaak sehen im Hintergrund zu.

Der Wettstreit der beiden, der sich später beim Konflikt um das Erstgeburtsrecht zeigen wird, deutet sich schon bei ihrer Geburt an (vgl. Gen 25,24ff.): An der Ferse von Esau, der zuerst das Licht der Welt erblickte, hielt sich Jakob fest, der unmittelbar danach zur Welt kam. Daher nennt ihn der biblische Erzähler auch Jakob, was so viel wie "Fersenhalter" bedeutet.

Benjamin: "Sohn der Rechten"

Der Bibel sind keine menschlichen Tragödien fremd. Daher spart sie auch nicht aus, unglücklich verlaufene Geburten zu schildern. Prominentestes Beispiel ist die Geburt des jüngsten Sohns von Jakob, Benjamin, in Gen 35,16-20. Der Text deutet an, dass es während des Geburtsvorgangs zu Komplikationen kam, die schließlich zu Rahels Tod führten. Kurz vor ihrem Tod gab sie ihren neugeborenen Sohn noch den Namen Ben-Oni – "Sohn meiner Lebenskraft". Jakob änderte den Namen in Benjamin – "Sohn der Rechten".

Samuel: Das Flehen wurde erhört

Die Geburtsgeschichte des alttestamentlichen Propheten Samuel zeigt, dass Unfruchtbarkeit für eine Frau in der semitischen Welt ein schweres Schicksal bedeutete und oftmals familiäre Diskriminierung damit einherging. Hanna, eine der zwei Frauen des Elkana, war kinderlos, "weil der Herr ihren Schoß verschlossen hatte" (1 Sam 1,5). Von dessen anderer Frau Peninna wurde sie deswegen regelmäßig niedergemacht. Hanna litt unter der Situation und betete im Heiligtum von Schilo, wo sich die Bundeslade befand, Gott an: "Herr der Heerscharen, wenn du das Elend deiner Magd wirklich ansiehst, wenn du an mich denkst und deine Magd nicht vergisst und deiner Magd einen männlichen Nachkommen schenkst, dann will ich ihn für sein ganzes Leben dem Herrn überlassen; kein Schermesser soll an sein Haupt kommen" (1 Sam 1,11).

Der Priester Eli redete mit Hanna und versprach ihr, dass Gott ihren Wunsch erfüllen werde. Am nächsten Morgen kehrten Hanna und Elkana zurück nach Rama, wo sie von ihrem Mann "erkannt" und schwanger wurde. Den Sohn, den sie gebar, nannte sie Samuel. Den Namen erklärt der Text damit, dass sie ihn "vom Herrn erbeten" (1 Sam 1,20) hat. Nachdem Hanna Samuel abgestillt hatte, brachte sie ihn gemäß ihres Gelübdes nach Schilo, wo ihn Eli unter seine Fittiche nahm.

Johannes der Täufer: "Was wird wohl aus diesem Kind werden?"

Das neutestamentliche Lukasevangelium berichtet nicht nur ausführlich von der Geburt Jesu, sondern auch von der Entstehungsgeschichte seines 'Wegbereiters': Johannes der Täufer. Dabei dürfte dem erfahrenen Bibelleser das Schema – ein altes, kinderloses Paar, dem Nachwuchs verheißen wird – aus der Abraham-Sara-Geschichte bekannt vorkommen: Dem Tempelpriester Zacharias erscheint während seines Dienstes der Erzengel Gabriel, der ihm mitteilt, dass ihm seine sich bereits "im vorgerückten Alter" (Lk 1,18) befindende Frau Elisabeth einen Sohn schenken wird, der schon "vom Mutterleib an" (Lk 1,15) vom Heiligen Geist erfüllt ist. Das Eingreifen Gottes soll illustrieren, wie sehr dieser "ein Großer vor Gott" ist.

Szene auf einem bunten Kirchenfenster: Johannes tauft Jesus.

Johannes tauft Jesus.

Als das Kind von Zacharias und Elisabeth schließlich zur Welt kommt und beschnitten werden soll, gibt es Streit um die Namensgebung. Die Verwandten wollten den Jungen wie seinen Vater Zacharias nennen. Doch Elisabeth widerspricht und will ihm den Namen Johannes geben. Als man schließlich den Vater hinzuzieht, der als 'Strafe' für sein Zweifeln an Gottes Verheißung vorübergehend stumm ist, schreibt er auf ein Täfelchen den Namen Johannes. "Im gleichen Augenblick konnte er Mund und Zunge wieder gebrauchen und er redete und pries Gott" (Lk 1,64). Als dieser Vorgang die Runde macht, fragen sich alle: "Was wird wohl aus diesem Kind werden? Denn die Hand des Herrn war mit ihm" (Lk 1,66).

Gerade die Umstände, wie es zu einer Schwangerschaft kommt, interessieren den biblischen Erzähler besonders. Die meisten Geburtsgeschichten in der Bibel speisen sich aus der volkstümlich-semitischen Ideenwelt: Heilsgeschichtliche Deutungen und Wesensaussagen werden gegeben, indem Gottes Vorausbestimmung und Handeln schon vor der Geburt geschildert werden. Im Motiv der vermeintlichen Unfruchtbarkeit, die durch Gottes Hilfe überwunden wird, spiegelt sich das Glaubenswissen Israels wider: Sein Werden verdankt sich der gnädigen Zuwendung Gottes.

Von Matthias Altmann