Blick vom Kloster Rabban Hormizd (Alqosh) auf die Ninive-Ebene (Irak)
Die Wüstenväter widmeten ihr Leben der Suche nach Gott

Askese und Entweltlichung: So entstand das frühchristliche Mönchtum

Die heutigen Orden mit ihren teils prächtigen Konventen haben mit dem Ursprung des christlichen Möchtums nicht mehr viel gemein. Damals gingen einige Christen in die Wüste, um dort als Eremiten zu leben. Erst später schlossen sie sich zu Gemeinschaften zusammen. Einer dieser sogenannten Wüstenväter gilt noch heute als "Vater der Mönche".

Von Fabian Brand |  Bonn - 17.01.2019

Fallen heutzutage die Stichworte "Kloster" oder "Mönchtum", dann denkt man unweigerlich an die großen und prächtigen Konvente, die es zumindest bei uns in Deutschland immer noch gibt. Das Bild des Mönches oder der Ordensfrau ist geprägt von der Vorstellung des Zusammenlebens in einem Klostergebäude, vom gemeinsamen Gebet und von der Leitung des klösterlichen Lebens durch eine maßgebliche Ordensregel. All dies mag auf viele Gemeinschaften zutreffen. Doch das Bild, das wir heute vom Mönchtum haben, ist keineswegs das Ursprüngliche. Die Anfänge des christlichen Klosterlebens finden sich auch nicht hier in Europa. Um sie aufzusuchen, muss man sich in die Einsamkeit der Wüste vorwagen. Dort hat es die ersten Christen hingezogen, die in einem asketischen Leben Gott suchen wollten. Die sogenannten "Wüstenväter" bilden den Anfang des christlichen Mönchtums. Es ist lohnend, ihnen nachzuspüren und nachzuzeichnen, wie sich der Gedanke des Mönchtums in der Frühzeit der Kirche entwickelt hat.

Schlechte soziale Umstände und Verfolgungen

Dass sich überhaupt in den frühen Jahren des Christentums die besondere Lebensweise des Mönchtums entwickelt hat, mag unterschiedliche Gründe haben. Vielleicht waren es die schlechten sozialen Umstände im Römischen Reich, besonders in Ägypten, die immer noch andauernden Christenverfolgungen oder das hellenistisch-philosophische Ideal der Sorglosigkeit, das Menschen veranlasste, sich in die Einsamkeit der Wüste zurückzuziehen. Die genauen Hintergründe für diese Bewegung liegen freilich im Dunkeln. Doch lassen sich im Christentum durchaus Grundzüge feststellen, welche die Entstehung des Mönchtums wohl befördert haben. So existierte seit den Anfängen die Tradition von umherziehenden Wanderlehrern, die besonders im syrisch-palästinensischen Raum stark ausgeprägt war. Gemäß dem Auftrag Jesu zogen sie durch das Land und predigten an unterschiedlichen Orten das Evangelium. Auch der Askese war man nicht abgeneigt: Der eigentliche Fokus der christlichen Botschaft lag ja auf der jenseitigen Herrlichkeit. Der Blick auf die Wiederkunft Christi am Ende der Tage, ließ die Christen eine gewisse Distanz zur diesseitigen Welt einnehmen. Das Stichwort "Entweltlichung" trifft diese Grundhaltung der frühen Christen wohl im Kern. Möglicherweise wurde die Askese auch als spirituelles Martyrium verstanden. In der jungen Kirche hatte der Märtyrertod einen hohen Stellenwert; wer schon nicht als Märtyrer sterben konnte, der wollte wenigstens mithilfe dieses unblutigen, lebenslangen Martyriums der Krone der ewigen Herrlichkeit zuteilwerden.

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Was sind Orden? Ein Beitrag der Serie "Katholisch für Anfänger".

Alle diese Gründe mögen die Entstehung des christlichen Mönchtums befördert haben. Zunächst wurde diese Askese wohl innerhalb der Gemeinden geübt, später gab es vereinzelt erste Anachoreten. Dies waren Menschen, die sich bewusst aus der Gemeinschaft in die Einsamkeit zurückgezogen haben, um die Askese in besonders strenger Form zu üben. Der genaue Beginn des christlichen Mönchtums liegt im Dunkeln. Doch es besteht weitgehend Einigkeit, dass das Weggehen aus der bewohnten Kulturlandschaft in die unbewohnte Wildnis als Anfänge dieser neuen Lebensform verstanden werden können.

Die frühen Mönche aus Syrien, Palästina und Ägypten bevorzugten die Wüste als Rückzugsort. Dies hatte zunächst einen ganz einfachen Grund: Die Wüste war die Möglichkeit schlechthin, der Zivilisation und damit „der Welt“ zu entfliehen. Der Lärm und das Gerede der Welt konnten nicht in die karge Wüstenlandschaft vordringen. Hier fanden die Mönche wirklich Stille und Einsamkeit. Die Weltentsagung, der Verzicht auf Besitz, Fasten und sexuelle Enthaltsamkeit boten den Mönchen die Möglichkeit, sich ganz für Gottes Gegenwart zu öffnen. In der Freiheit von allen weltlichen Gütern und Sorgen fanden die frühen Asketen die Freiheit für Gott. Zugleich war die Wüste aber auch ein theologisch bedeutsamer Ort: Gott hatte sich dem Volk Israel in der Wüste offenbart; die Wüste wurde als Sinnbild für die besondere Gottesnähe verstanden. Nichtsdestotrotz war die Wüste aber auch die Gegend, in der die Dämonen wohnten. Viele Anachoreten nahmen daher in der Wüste bewusst den Kampf gegen die Dämonen auf sich, um daraus gestärkt hervorzugehen.

Als "Vater der Mönche" bezeichnet man gerne den Wüstenvater Antonius den Großen (Gedenktag 16. Januar). Doch die Anfänge des christlichen Mönchtums auf das Auftreten des heiligen Antonius zu beschränken, ist stark vereinfacht. Sicher war die Entstehung des eremitischen Mönchtums eine Bewegung, die von mehreren Christen ausging und sukzessive entstanden war. Vor allem aber dadurch, dass Athanasius der Große, Patriarch von Alexandrien, mit seiner "Vita Antonii" ein Lebensbild des Wüstenvaters schuf, wurde er weit über die Grenzen Ägyptens hinaus bekannt. Antonius wurde in dieser hagiographischen Schrift zum Modell asketischer Frömmigkeit stilisiert und bekam so eine große wirkungsgeschichtliche Bedeutung als Vorbild in der Weltentsagung und in der Bekämpfung der Dämonen. Ungefähr ab dem Jahr 285 war Antonius für eine erste Generation von Eremiten geistiger Vater und herausragendes Beispiel für die Hingabe an Gott und die Befolgung der Lehre Jesu. Gemäß dem Wort Jesu verteilte er seinen Besitz unter den Armen und zog sich in ein verlassenes Kastell in der Wüste zurück. Den ganzen Tag verbrachte Antonius in Gebet und Meditation, in Arbeit und gelegentlichen Gesprächen mit anderen Wüstenvätern. Um Antonius herum lebten bald zahlreiche Eremiten, die immer wieder zu ihm kamen, um seine Predigten zu hören und von ihm geistliche Anleitung zu erhalten. Das Verhalten des Antonius wirkte sich beispielhaft auf nachfolgende Generationen aus. Es wurde üblich, dass sich Eremiten jeweils einen geistlichen Vater erwählten, der ihnen Gesetzgeber und Vorbild war. Von ihm erhielten seine Schüler auch ein auf ihre jeweilige Situation hin angepasstes Wort. In der sogenannten "Apophthegmata Patrum" sind zahlreiche dieser Wüstenväter-Sprüche gesammelt.

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Das Leben von Mönchen und Nonnen ist so vielfältig wie die Anzahl der vorhandenen Ordensgemeinschaften. Zudem sind Klöster kulturelle und spirituelle Anziehungspunkte.

Neben dieser Form des eremtischen Mönchlebens entwickelte sich schon bald eine weitere Ausformung des Mönchtums: Seinen Anfang bildet die Gestalt des Pachomius, der nach seiner Bekehrung um 315 zunächst als Eremit lebte. Um 325 baute er in Oberägypten erstmals ein Kloster als Zusammenschluss von Anachoretenzellen und führte die Asketen, die eine eremitische Lebensweise pflegten, in einem gemeinschaftlichen Leben zusammen. Pachomius hatte die Gefahren, die das Eremitentum mit sich brachte, erkannt und versuchte, ihnen durch die Errichtung einer Gemeinschaft entgegenzuwirken. Diese neue Form des Mönchtums wird Koinobitentum genannt. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie "gemeinsam unter einem Dach leben". Die Grundpfeiler der koinobitischen Lebensweise waren ein gemeinsamer Wohnort, eine gemeinsame Arbeit und der gemeinsame Gottesdienst. Während die Anachoreten auf sich allein gestellt das Leben in der Einsamkeit meistern mussten, prägte das Koinobitentum eine gewisse Uniformität des Lebens. Die Mönche mussten sich einer gemeinsamen Regel unterwerfen, sie wurden in eine Gemeinschaft eingegliedert und mussten sich an einen geregelten Tagesablauf halten. In ganz Ägypten entstanden zahlreiche Klöster, die nach dem Gedanken des Pachomius lebten und so das Koinobitentum zur vorherrschenden Form des Mönchtums machten.

Starke Verbindung zum Ursprung

Das frühchristliche Mönchtum entsteht in der Wüste und wird zunächst als Leben in Einsamkeit und Askese verstanden. Erst später entwickelt sich eine auf Gemeinschaft ausgerichtete Lebensform heraus, die in Grundzügen das widerspiegelt, was wir heute unter dem Begriff "Mönchtum" verstehen. Auch die prächtigen Klostergebäude haben sich in dieser Phase des Koinobitentums entwickelt. Herausragendes Beispiel hierfür ist bis heute beispielsweise das Kloster Mar Saba bei Betlehem. Dass im Lauf der Jahrhunderte immer wieder einzelne Gruppierungen versucht haben, das ursprünglich asketische Leben in der eigenen Ordensgemeinschaft durchzusetzen, zeugt davon, wie stark trotz allem die Verbindungen zu den Ursprüngen des christlichen Mönchtums waren.

Von Fabian Brand

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In der Vorstellung sehen alle Mönche gleich aus: Kutte mit Kapuze und einem Strick um den Bauch. In Wirklichkeit gibt es aber Unterschiede zwischen den einzelnen Ordensgemeinschaften. Anhand von Illustrationen stellt katholisch.de die Gewänder von Ordensmännern vor.