Zwei betende Hände
Eine biblische Reflexion

Was es bedeutet, wenn wir Gott "Vater" nennen

Papst Franziskus rief die Gläubigen kürzlich dazu auf, Gott lieber "Papa" als "Vater" zu nennen. Das ist nicht wie die Beziehung eines Kleinkindes zu seinem Papa zu verstehen, schreibt Till Magnus Steiner. Denn Gott als Vater anzuerkennen, heißt Unterordnung im Vertrauen auf ihn.

Von Till Magnus Steiner |  Jerusalem - 20.01.2019

In Israel reden hebräischsprachige Kinder ihren Vater als אבא (gesprochen: abba) an. Wie im Deutschen verändert sich dies auch nicht, wenn die Kinder bereits erwachsen sind. Eine Vater-Kind-Beziehung ist nicht abhängig vom Alter. So darf auch die theologische Aussage Paulus, dass Christen ihren Gott als "Abba, Vater" (Röm 8,15; Gal 4,6) anrufen dürfen, nicht missverstanden werden als eine idealisierte, kitschige Beziehung eines Kleinkindes zu seinem Papa. Bereits der Autor des Kolosserbriefes weist daraufhin, dass Beziehungen zwischen Vätern und Kindern komplizierter sind, wenn er mahnt: „Ihr Väter, schüchtert eure Kinder nicht ein, damit sie nicht mutlos werden.“ (Kol 3,21).

Papst Franziskus hat die Gläubigen in der Generalaudienz am vergangenen Mittwoch bei seiner fortgesetzten Katechese über das Vaterunser am 16. Januar dazu aufgefordert, zu Gott eine Beziehung zu haben "wie die eines Kindes mit seinem Vater, der Papa sagt". Im Neuen Testament verweist die Anrede Gottes als Vater vor allem auf Zärtlichkeit, Barmherzigkeit und Liebe. Dies ist keine "radikale Neuheit des christlichen Gebets". Bereits im Alten Testament tritt der König zu Gott in ein Vater-Sohn-Verhältnis. Schon hier wird deutlich, dass dies sowohl Treue und Liebe als auch Autorität bedeutet: "Ich werde für ihn Vater sein und er wird für mich Sohn sein. Wenn er sich verfehlt, werde ich ihn nach Menschenart mit Ruten und mit Schlägen züchtigen. Nie wird sich meine Huld von ihm entfernen…" (2 Sam 7,14-15).

Gott ist emotional an sein Volk gebunden

Im Buch Jeremia zeigt sich zudem, dass in alttestamentlicher Zeit die Anrede Gottes als Vater fest in der Gebetssprache etabliert war, auch wenn sich dafür im Alten Testament nur wenige Belege finden lassen (Jer 3,4.19). Jesus Sirach schreibt am Ende seines Weisheitsbuches "Da erhob ich meine Stimme: Herr, mein Vater bist du, denn du bist der Held meiner Hilfe…" (Sir 51,10). Gemäß dem Buch Jesaja klagte das Volk zu seinem Gott: "Du bist doch unser Vater! Abraham weiß nichts von uns, Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater, Unser Erlöser von jeher ist dein Name. (Jes 63,16). In Maleachi 1,6 bezeichnet sich Gott gar selbst als Vater und zudem als Herr. In den alttestamentlichen Gebets- und Klagerufen verdeutlicht sich in der Vateranrede die als unzerstörbar gehoffte, emotionale Bindung Gottes an sein Volk. Mit ihr wird an die Liebe des Vaters und seine Sorgepflicht appelliert. Zugleich bedeutet diese Anrede aber auch eine Unterordnung unter seine Autorität im Wissen um seine erziehende und strafende Gewalt, worauf das Buch der Sprichwörter hinweist: "Denn wen der HERR liebt, den züchtigt er, wie ein Vater seinen Sohn, den er gern hat" (Spr 3,12).

Wenn Christen und Christinnen im Vaterunser bekennen, das sie Kinder Gottes sind und mit Jesus gemeinsam zu Gott als Vater beten, dann ist dies weder Ausdruck einer naiven Kindersprache, noch ein Hinweis auf das exklusive Gottesverständnis Jesu zu verstehen. Das Vaterunser ist ein zutiefst jüdisches Gebet, dass in der Gedankenwelt des Alten Testaments verankert ist. Ohne Zweifel hat die Vaterschaft Gottes die theologische Priorität. Sie steht als Anrede am Anfang: "Vater unser im Himmel". Aber ihr zugeordnet ist die Herrschafts- und Autoritätsaussage: "dein Reich komme, dein Wille geschehe". Und der Beter wird sich bewusst, dass Gott sich auch gegen den Gläubigen wenden kann: "und führe uns nicht in Versuchung". Im Markus-Evangelium wird in einem Jesus-Wort im Besonderen deutlich, was die Anrede Gottes als "Abba, Vater" bedeutet. Im Garten Getsemani betet Jesus in der Nacht vor seiner Passion: "Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst." (Mk 14,36). Gott als Vater anzureden und anzuerkennen, bedeutet – wenn man dem Beispiel Jesu folgt – sich ihm vollends unterzuordnen im Vertrauen auf seine Liebe.

Von Till Magnus Steiner

Der Autor

Till Magnus Steiner ist katholischer Theologe. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Exegese des Alten Testaments. Er lebt und arbeitet in Jerusalem.