Vier "Lügen" über die katholische Kirche – und die Wahrheit
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Ohne Kirche gäbe es keine Wissenschaft

Vier "Lügen" über die katholische Kirche – und die Wahrheit

Über die katholische Kirche sind einige Vorurteile im Umlauf: Sie sei gegen die Wissenschaft, gegen Frauen und im Ernstfall richte es einfach die Beichte. Ein Forscher widerlegt diese Behauptungen nun – allerdings mit zum Teil umstrittenen Thesen.

Von Christoph Paul Hartmann |  Bonn - 08.06.2019

Der niederländisch-US-amerikanische Forscher und bekennende Katholik Gerard Verschuuren beschäftigt sich bereits seit Jahren mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Religion. Für sein Buch "Forty Anti-Catholic Lies" hat er sich sogenannte "antikatholische Lügen" vorgenommen und sie widerlegt. Katholisch.de stellt einige davon vor.

Die Beichte macht es einfach

"Die Lüge": Katholiken haben mit der Beichte eine willkommene Möglichkeit, sich durch einen Priester von allen Sünden reinwaschen zu lassen. Danach können sie wieder in aller Ruhe neue Sünden begehen.

"Die Wahrheit": Gerard Verschuuren schreibt, dass nicht der Priester Sünden vergibt, sondern Gott selbst. Ein Geistlicher ist dabei nur der Mittler. Der Katechismus sagt dazu (1441f.): "Gott allein kann Sünden vergeben" und verweist auf Mk 2,7. Jesus hat die Kraft, Sünden zu vergeben, an seine Jünger weitergegeben: "Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten." (Joh 20,23) Die Beichte ist ein Zeichen der Gnade Gottes und für jeden Gläubigen die Möglichkeit, eine Zerrüttung in der Beziehung mit Gott aufzuheben. Doch Verschuuren sagt, dass man den Beichtakt nicht unterschätzen sollte: Denn es erfordere viel Demut, die eigenen Sünden zu bekennen und sich damit selbst einzugestehen, fehlerhaft zu sein. Die Beichte ist auch keine Einladung, neue Sünden zu begehen, sondern die Möglichkeit, noch einmal von vorne anzufangen. Wie allerdings mit Katholiken umgegangen werde soll, die die Beichte in dieser Weise gebrauchen, sagt der Wissenschaftsphilosoph nicht.

Katholiken behindern die Wissenschaft

"Die Lüge": Die katholische Kirche hat den wissenschaftlichen Fortschritt immer aufgehalten. Sie glaubt lieber an die Version der Bibel, nach der die Erde flach ist und sich die Sonne um die Erde dreht.

"Die Wahrheit": Über die Beschaffenheit der Erde oder ihre Stellung im Universum hat sich die katholische Kirche laut Verschuuren nie dogmatisch geäußert. Das ist auch nicht ihr Metier, denn ihr geht es um die Beziehung mit Gott. Aber die Kirche hat eine lange Beziehung mit der Wissenschaft – denn ohne die Kirche wäre die moderne Wissenschaft nicht denkbar. Diesen Standpunkt vertrat bereits der britische Philosoph Alfred North Whitehead in den 1920er Jahren. Auch der Atomforscher J. Robert Oppenheimer hielt fest, dass "das Christentum für die moderne Wissenschaft notwendig war." Das liegt am Gottesbild des Christentums: Es geht davon aus, dass die Erde von einem rationalen Intellekt geschaffen wurde und damit erforschbar ist. So steht etwa im Buch der Weisheit: "Du aber hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet." (Weish 11,20) Im Gegensatz etwa zum Islam, der die Schöpfung Gottes als fern jedes menschlichen Verständnisses sieht, ist es für das Christentum also ein Weg, Gottes Ordnung näher zu kommen, indem seine Schöpfung erforscht wird, schreibt Verschuuren. Womit die Kirche allerdings ein Problem habe, so Verschuuren, sei der ausschließliche Glaube an die Wissenschaft. Denn für die Kirche gebe es noch mehr. Weiter als Verschuuren ging Papst Johannes Paul II. 1992, als er Fehler seitens der Kirche im Fall Galileo Galilei einräumte.

Katholiken sind gegen moderne Ideen

"Die Lüge": Die katholische Kirche ist gegen moderne Ideen wie Materialismus, Rationalismus, Relativismus, Humanismus oder das Vertrauen auf den wissenschaftlichen Fortschritt.

"Die Wahrheit": Laut Verschuuren hat die Kirche nichts gegen irgendeine dieser Ideen – wohl aber gegen deren alleinigen Geltungsanspruch. So lehnt etwa der Materialismus alles ab, was nicht rational greifbar ist und der Relativismus verneint das Konzept einer greifbaren Wahrheit. Wie Vertreter dieser Theorien der Kirche ein Hierarchiedenken vorwerfen, arbeiten sie selbst mit diesen Kategorien. Das hat die Kirche schon seit der Aufklärung bemerkt und dementsprechend ein eigenes Konzept entwickelt: Den Neuthomismus. Dieser belebte Ende des 19. Jahrhunderts die Ansätze Thomas von Aquins neu und formulierte sie für die damalige Gegenwart. Daraus entwickelte sich der Antimodernismuseid, den Papst Pius X. für alle Geistlichen verpflichtend machte. In ihm heißt es unter anderem, dass Gott "der Ursprung und das Ende aller Dinge" ist und es unveränderliche Glaubenslehren gibt, die keine menschlichen Erfindungen sind, sondern direkt von den Aposteln kommen. Die Kirche betonte also, dass Wahrheiten von gestern auch morgen gelten und eine unmoralische Handlung von heute nicht morgen moralisch sein kann. Der Antimodernisteneid wird heute nicht mehr verlangt, ihrer Haltung bleibt die Kirche laut Verschuuren aber treu: Dass sie gegen Meinungsmonopole ist, durch die in ihren Augen wichtige Errungenschaften von Leben, Gesellschaft und Tradition zerstört werden. Allerdings bewerten die meisten katholischen Kirchenhistoriker etwa den "Syllabus errorum" Papst Pius IX. über Irrtümer der Moderne kritisch. Darauf geht das Buch nicht ein.

Katholiken sind gegen Frauen

"Die Lüge": In der katholischen Kirche ist kein Platz für Frauen. Das Priesteramt bleibt ihnen von den Männern verwehrt und sie können ihr Potential nicht ausleben.

"Die Wahrheit": Die katholische Kirche ist nicht gegen Frauen. Schon Jesus Christus hat Frauen und Männer stets gleichwertig behandelt. Nicht zuletzt standen Frauen am Fuße des Kreuzes und waren die ersten Zeuginnen der Auferstehung. Der Apostel Paulus drückt es so aus: "Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus." (Gal 3,28) Schon vom Anfang ihrer Geschichte an hat das Christentum laut Verschuuren Frauen und Männer auf die gleiche Stufe gestellt – im Gegensatz zu den Auffassungen der Juden und Römer. Ein Teil dieser christlichen Haltung ist etwa das Gebot der Monogamie oder des Einverständnisses der Frau in eine Eheschließung. Die Gleichberechtigung kennt nur eine Ausnahme: Das Priesteramt. Obwohl es schon zu seiner Zeit Priesterinnen bei den Römern gab, hat Jesus ausschließlich Männer dazu berufen – an diesen Grundsatz hält sich die Kirche bis heute. Außerhalb des Weiheamts gebe es aber vor allem in neuerer Zeit viele Positionen in Seelsorge und Leitung, die von Frauen nicht nur ausgeübt werden können, sondern auch ausgeübt werden, so der Biologe. Allerdings gibt es auch Stimmen, die sich ebenfalls theologisch begründet etwa für ein Diakonat der Frau aussprechen.

Zur Person

Gerard Verschuuren wurde 1946 in den Niederlanden geboren und studierte an den Universitäten Leiden und Utrecht Biologie. In Leiden studierte er außerdem Philosophie, wonach er sich vor allem auf Wissenschaftsphilosophie spezialisierte. Seit 1994 lebt er dauerhaft in den USA und lehrte dort an verschiedenen Universitäten. Heute ist er vor allem publizistisch aktiv.

Von Christoph Paul Hartmann