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Tempolimit-Petition? So schafft sich die Kirche ab

Die Kirchen machen Politik für ein Tempolimit von 130 km/h. Absurder geht es kaum. So verzwergen sie sich zur NGO, statt sich auf ihren Verkündigungsauftrag zu besinnen, kommentiert Lucas Wiegelmann.

Von Lucas Wiegelmann |  Bonn - 08.04.2019

Wer sich noch Illusionen über die Ambitionen der Kirchen in Deutschland gemacht hat, den dürfte die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in diesen Tagen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt haben. Die EKM hat die erste kirchliche Online-Petition beim Deutschen Bundestag initiiert. Deren Text zielt nicht etwa auf eine Stärkung des Religionsunterrichts, die Einführung eines neuen Kirchenfeiertags oder sonst etwas, das mit Religion zu tun hätte. Die Forderung lautet stattdessen: "Auf deutschen Autobahnen wird ein generelles Tempolimit von 130 km/h eingeführt."

Der Vorstoß ist symptomatisch für eine kirchliche Selbstverzwergung, die längst ökumenische Dimensionen angenommen hat: Die katholische Kirche machte sich die Petition ausdrücklich zu eigen. Das Empörendste ist nicht einmal die vordergründige Absurdität des Anliegens: Die Petition sollte den Bundestag dazu zwingen, über das Tempolimit zu diskutieren, und hat dafür auch das nötige Quorum erreicht. Als ob es im Bundestag einen Mangel an Tempolimitaussprachen gäbe!

Das eigentliche Ärgernis ist ein anderes: In der Petition zeigt sich eine NGO-Kirche, die nur noch in solchen Debatten die Stimme erhebt, die sowieso schon alle führen. Die sich mit ganzem Herzen und ganzer Seele der eigenen Anschlussfähigkeit widmet. Die EKM hat ihrer politischen Forderung zwar einen biblischen Anstrich gegeben (Schutz der Schöpfung, Nächstenliebe). Aber das ist die Schläue der Beliebigkeit, mit der die Kirche ebenso gut weniger Zucker in Schulkantinen fordern könnte ("Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?"), oder was man sonst noch unterstützenswert finden mag.

Klar: Klimaschutz, gesunde Ernährung und so weiter sind wichtige Themen. Nur: Für die braucht es keine Kirchen. Deren einzige Daseinsberechtigung besteht darin, den Menschen die Begegnung mit Jesus Christus zu ermöglichen. Wenn sie das nicht mehr tun, droht ihnen das Ende. Über die Umwelt wird man dann immer noch reden. Aber über Gott?

Von Lucas Wiegelmann

Der Autor

Lucas Wiegelmann ist Chefkorrespondent Vatikan der Herder Korrespondenz in Rom.

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