Neue Gemeindeformen: Vielleicht auch mal raus aus den Kirchen
Ideen für die Kirche der Zukunft

Neue Gemeindeformen: Vielleicht auch mal raus aus den Kirchen

Vielerorts sind Gemeinden ein wenig verschlafen und Pfarreien so groß, dass sich deren Mitglieder untereinander nicht mehr kennen. Im Bistum Speyer will man jetzt mit Impulsen aus dem Ausland neue Wege gehen. Das heißt oft: Angestammte Sicherheiten hinter sich lassen.

Von Christoph Paul Hartmann |  Speyer - 04.06.2019

Die Probleme an der Kirchenbasis von heute sind in Deutschland überall ähnlich: Priester werden weniger, die Kirchenmitglieder auch. Die übrig gebliebenen Schäfchen finden sich in zum Teil riesigen Pfarreikonstruktionen wieder, in der sie ihre Mitchristen kaum mehr kennen. Das ist für viele Gemeindemitglieder frustrierend. Eine wirkliche Zukunftsvision ist da nur schwer zu entwickeln. Das Bistum Speyer geht dieses Problem mit einer Technik aus der Digitalwirtschaft an: Einer Gründerplattform. In der Initiative "schon jetzt" haben sich Vertreter der Diözese mit Kollegen der evangelischen Landeskirche zusammengetan, um ökumenisch nach neuen Gesichtern der Kirche von morgen zu suchen – gemeinsam mit Haupt- und Ehrenamtlichen.

Dazu lädt die Initiative an verschiedenen Orten in der Region alle zwei Monate zum Stammtisch. Beim lockeren Zusammensein in einer Kneipe können sich Interessierte zusammenfinden und über neue Ideen für Kirche und Gemeinden austauschen. Bei einem "Wochenende für Kirchenentdecker*innen" in Ludwigshafen kamen sogar rund 90 Menschen zusammen, um sich zu vernetzen und gemeinsam Inspirationen für neue Wege des Kirche-seins zu holen.

"Fresh expressions of the church"

Eine dieser Anregungen kommt aus der anglikanischen Kirche: Dort gibt es das Netzwerk "freshX", kurz für "fresh expressions of the church" ("Frische Bedeutungen von Kirche"), das neue Arten von Gemeinschaften innerhalb der Kirche entstehen lassen will. Das einfache Credo von "freshX": raus aus der Kirche. "Es geht darum, aus Sicherheiten und damit auch aus den Gebäuden heraus- und in den Stadtteil oder die Nachbarschaft hineinzugehen", bringt es Felix Goldinger auf den Punkt. Er ist Pastoralreferent und arbeitet als Referent für missionarische Pastoral und Katechese im Speyrer Ordinariat. Er erklärt den neuen Ansatz, den Initiativen wie "freshX" verfolgen: "Die Leute sollen selbst mitgestalten, wie Kirche aussieht" und nicht mit fertig konzipierten Angeboten konfrontiert werden. Bei den Anglikanern heißt das zum Beispiel: In Cafés, Fitnessstudios oder Schulen zu gehen, um zu erfahren, was die Menschen "da draußen" wirklich beschäftigt. "freshX" bietet in Zusammenarbeit mit "schon jetzt" Kurse für Haupt- und Ehrenamtliche an, in denen sich die Teilnehmer mit den Grundsätzen der Bewegung befassen und neue Ansätze entwickeln.

Im Gegenlicht eines Fensters sieht man nur die reflektierenden Brillengläser und die vor der Brust nach oben gehobenen Hände eines Menschen.

Manche Anregungen kommen aus Freikirchen.

Das alles hat mit einem Wandel im Selbstbild von Kirche zu tun: "Wo kann Kirche einen Dienst leisten?", fragt Goldinger. Auf Hobbys und Interessen der Menschen eingehen, sich für ihre Anliegen zu interessieren. "Wir müssen fragen: ‚Was macht euer Leben reicher, wo habt ihr Lust drauf?‘ Darauf aufbauend kann man dann Kirche neu denken."

In diese Richtung geht auch Marlin Watling, der wie "freshX" beim Gründerwochenende in der Pfalz auftrat: Er hat die freikirchliche Gemeinde "Mosaik" in Heidelberg gegründet. Die engagiert sich in Jugend- und Nachbarschaftsprojekten und sucht aktiv den Kontakt mit Menschen. Auch das Engagement für Geflüchtete gehört dazu. Für mehr Gottesdienstbesucher zu sorgen, steht bei dieser Herangehensweise auf der Prioritätenliste nicht ganz oben. Das unterstützt auch Felix Goldinger: "Es geht erstmal darum, eine Gemeinschaft so aufzubauen, dass sie anschlussfähig ist und nach Regeln und Riten zu suchen, die die Leute auch verstehen." Die Eucharistie kann da ein letzter Schritt sein – aber eben nicht der erste.

Neue Kirchformen entwickeln

Seit gut einem Jahr arbeitet "schon jetzt" daran, nach dieser Prämisse des Aufeinander-Zugehens auch im Bistum Speyer neue Kirchformen zu entwickeln. Die Arbeit steht noch ganz am Anfang, die Ansätze sind noch recht allgemein. So kam in der Weinregion Pfalz die Idee auf, gezielt mit Winzern zu Arbeiten oder Verbindungen zur jeweiligen Nachbarschaft aufzubauen. Ziel ist, Verbindungen zu diesen Gruppen herzustellen und herauszufinden, welche Themen und Probleme sie gerade beschäftigen. Auf dieser Grundlage kann dann zu Beispiel ein besonderer Gebetskreis entstehen – oder etwas völlig Neues. Wie das konkret aussehen soll, ist dabei noch völlig offen. Doch Felix Goldiger bemerkt: Je länger die Aktion läuft, desto mutiger werden die Mitstreiter und lösen sich vom altbekannten Strukturdenken.

Was die Engagierten in den Gemeinden eint, ist ein fast pfingstliches Sendebewusstsein: "Viele sind von der frohen Botschaft so begeistert, dass sie sie nicht für sich behalten können", sagt Goldinger. Er spürt eine Sehnsucht nach neuen Ansätzen, raus aus verkrusteten Strukturen. Die frohe Botschaft nicht nur innerhalb einer Gemeinde weiterzutragen, sondern darüber hinaus. Ohne gezielt zu missionieren, betont er. Goldinger will nicht den Eindruck erwecken, dass in erster Linie altbekannte Glaubensformen abgeschafft werden sollen. Er spricht eher nach englischem Vorbild von einer "mixed economy", also einem Nebeneinander von Gewohntem, Altem und Neuem. Denn "beides kann voneinander profitieren".

Bild: © katholisch.de

Bei der Installation SilentMOD wurde der Kölner Dom im August 2016 in Lichter und elektronische Musik getaucht, um ein jugendliches Publikum ansprechen.

Dass auch neue Formen nicht immer den Nerv des Publikums treffen, wurde auch bei dem Gründerwochenende spürbar. Teil der Veranstaltung war eine "Elektroandacht": Dabei wurden Gebete und Bibelzitate mit elektronischen Beats und Klangflächen verbunden - zum Hören und Tanzen. Das kam nicht bei jedem gut an: "Viele Leute waren irritiert und konnten damit nichts anfangen." Was allerdings auch für ein Aha-Erlebnis sorgte: So wenig manche mit dieser ihnen vollkommen fremden Form anfangen konnten, haben Menschen, die der Kirche fernstehen, große Probleme mit den tradierten Gottesdienstformen. Ein funktionierender Transfer muss also her – ein Projekt für die Zukunft.

Ebenfalls wichtig: die ökumenische Perspektive

Die vielen Pläne erfordern Ressourcen, die bis jetzt vor allem in die klassische Gemeindearbeit investiert werden. 80 Prozent der Gelder und Mitarbeiter werden so verwendet – und erreichen so etwa acht Prozent der Kirchenmitglieder. "Wenn wir von diesen 80 Prozent auch nur ein bisschen für neue Formen abzweigen, ist schon viel gewonnen", findet Felix Goldinger. Mit dem neuen Rollenbild der Kirche sieht er aber auch den bereits begonnenen Wandel der Hauptamtlichen einhergehen: Um die neuen Projekte wirksam umzusetzen, müssen Ehrenamtliche mehr Verantwortung tragen – Hauptamtliche müssen einen Teil der Kontrolle abgeben.

Ebenfalls wichtig für ihn: die ökumenische Perspektive. Obwohl auch viele neue Gemeinde- und Gottesdienstformen noch konfessionell geprägt sind, sagt er: "Die Sendung ist dieselbe." Zusammenarbeit werde immer wichtiger und konfessionelle Unterschiede verlieren an Relevanz. Wie die Kirche der Zukunft im Detail aussieht, steht keinesfalls fest: Vor Ort können sich neue Gemeinschaften entwickeln und die Kirche so ihre viel gescholtene Wagenburg verlassen. Das jedenfalls ist das Ziel von "freshX" und anderen initiativen. Doch so ganz neu ist das auch nicht, gibt Felix Goldinger zu bedenken: Denn zu den Menschen gehen und auf sie hören, das wollten Christen eigentlich schon immer.

Von Christoph Paul Hartmann