Vor 100 Jahren wurde das christliche Bildungshaus gegründet

Burg Rothenfels: Eckstein des modernen Christseins

Aktualisiert am 09.06.2019  –  Lesedauer: 
Bild: © Burg Rothenfels

Rothenfels ‐ Eine alte Burg ist seit 100 Jahren Ort für Reformen und gesellschaftliche Anstöße aus dem Glauben. Dieses Jahrhundert zwischen Quickborn und Guardini war nicht ohne Zerwürfnisse – und erforderte stets neue Aufbrüche.

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Sie liegt recht beschaulich am Main, fast genau in der Mitte Deutschlands. Das prädestiniert die Burg Rothenfels als Versammlungsort des Quickborn, dessen Gruppen über ganz Deutschland verstreut sind. Der 1909 gegründete Quickborn ist die katholische Form einer Jugendbewegung der Zeit, zu der auch die Wandervögel und Pfadfinder gehören. Beliebt ist der Quickborn vor allem unter Gymnasiasten, die auf der Suche nach Freiheit, Sinn und Werten im Leben sind – später vor allem unter dem zerstörerischen Eindruck des Ersten Weltkriegs und seiner Folgen für die Gesellschaft. Der sorgt auch dafür, dass in der Anfangszeit das Bekenntnis gegen Alkohol und Drogen die versammelten Jugendlichen prägt.

Der Quickborn setzt von Anfang an reformerische Landmarken: Die Mitglieder wählen ihre Gruppenleiter demokratisch, der Seelsorger hat nur begleitende Funktion. Außerdem sind dort Mädchen und Jungen gleichermaßen engagiert – nicht nur für die Bischöfe der Zeit unerhörte Verhältnisse.

Bild: ©Georg Loesti / blfd

Burg Rothenfels vor 1914.

Für die Burg Rothenfels als Versammlungsort spricht damals neben ihrer zentralen Lage auch die allseits verbreitete romantische Sehnsucht nach der Zeit der Ritter. Doch dass der damalige Besitzer der Burg, der Fürst von Löwenstein-Wertheim, die Anlage gern abgibt, hat seinen Grund: Die Burg ist eine halbe Ruine. Nachdem der Quickborn sie 1919 kauft, müssen die Räumlichkeiten erst einmal mit viel freiwilliger Muskelkraft hergerichtet werden. Neben Versammlungsräumen entstehen eine Jugendherberge und ein Gästehaus, die bis heute betrieben werden. Als von der Kirche unabhängiges Haus bietet die Burg Platz für viele ökumenische Begegnungen und Projekte, wird aber bis heute vor allem von Katholiken besucht.

Quelle von liturgischen Reformen

Eine später prägende Gestalt kommt in den 1920er Jahren auf die Burg: Der gebürtig aus dem italienischen Verona stammende Theologe Romano Guardini trifft in Frankfurt auf den Quickborn und wird 1927 Burgleiter. Schon einige Zeit trägt er sich mit neuen Ideen für eine zeitgemäße Theologie und neue liturgische Formen herum. Durch den Austausch mit den Jugendlichen findet er zu einer allgemeinverständlichen Sprache, mit der er seine Ideen nach draußen tragen kann.

Wie selbstverständlich zahlreiche Ansätze Guardinis heute wirken, sind sie damals etwas Ungeheuerliches. Für ihn hängt die Qualität eines Gottesdienstes nicht vom Priester ab, sondern von der Aufmerksamkeit und inneren Einstellung jedes einzelnen Gottesdienstbesuchers. Jeder soll das Gottesdienstgeschehen nachvollziehen, mitdenken und mitfühlen können – über das bloße Mitsingen von Kirchenliedern hinaus. Für Guardini ist es deshalb wichtig, dass Gottesdienste anstelle des Lateinischen in der jeweiligen Landessprache gefeiert werden. Außerdem soll sich der Priester am Altar der Gemeinde zuwenden. Mit diesen Ideen nimmt er zahlreiche Initiativen des Zweiten Vatikanischen Konzils vorweg – und trifft bei den jungen Erwachsenen einen Nerv. Sie wollen nicht nur Regeln befolgen, sondern den Glauben emotional wie kognitiv angehen können. Dazu gehört laut Guardini auch, als Christ in der Gesellschaft aktiv zu sein: Das Menschenbild und der Umgang mit anderen sind auf Burg Rothenfels deshalb oft diskutierte Themen.

Bild: ©Burg Rothenfels

Die Kapelle auf der Burg Rothenfels nimmt in ihrer Gestaltung Ideen Romano Guardinis auf.

Zeugen der Liturgischen Bewegung lassen sich auf der Burg noch heute finden: Denn die von Architekt Rudolf Schwarz im Geiste des Bauhaus eingerichtete Burgkapelle zeigt den Geist Guardinis. Sie ist schlicht, fast schmucklos. Die dort aufgestellte Madonnenstatue, von der heute nur noch der Kopf erhalten ist, zeigte Maria nicht als Himmelskönigin, sondern als einfache Frau vom Land. Das Geschehen rund um die versammelte Gemeinde steht im Vordergrund.

Unterbrechung in der NS-Zeit

Die Zeit der theologischen Aufbrüche findet aber ein plötzliches Ende: Denn den Nazis ist der Quickborn wie viele andere Jugendbewegungen ein Dorn im Auge, seine Anhänger werden bespitzelt. Obwohl die Bewegung versucht, sich durch einen Namenswechsel zu verbergen, wird die Organisation 1939 verboten und die Burg beschlagnahmt. Der Reichsarbeitsdienst und Umsiedler ziehen dort ein, erst 1948 bekommt der Quickborn die Burg zurück, bis zur Räumung dauert es weitere vier Jahre. Zu diesem Zeitpunkt ist die Burg wieder eine Ruine: Die eng auf eng lebenden Menschen haben alle Einbauten verheizt, die Gebäude sind nach Jahren der Überbelegung stark in Mitleidenschaft gezogen worden.

Bald gibt es auch in der Quickborn-Gemeinschaft Risse. In der NS-Zeit können sich die Gruppen nur im Geheimen treffen und es entsteht ein starker Zusammenhalt. Aber die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche in den 1960er Jahren, die Frage, wie mit Tätern und Mitläufern der NS-Zeit umgegangen werden soll, polarisiert die Mitglieder. Manche Quickborner verschreiben sich radikal linken Ideen, religiöse Ideale stehen nicht mehr im Mittelpunkt, andere Gruppen bleiben dagegen konservativer. Es kommt zu scharfen Auseinandersetzungen, die das Verhältnis unter den Gruppen zerrütten. Einige ziehen aus der Burg aus. Der Quickborn in seiner bisherigen Form vereint nur noch die ältere Generation. 1967 wird der Quickborn-Arbeitskreis als Ersatz gegründet. Seitdem gibt es zwei Vereine, die für den Quickborn stehen: Ein Verein trägt und leitet die Burg und verantwortet dort das Bildungsprogramm. Der Arbeitskreis gestaltet eigene Tagungen, im Gegensatz zum Trägerverein aber fast ausschließlich auf ehrenamtlicher Basis. Bestand zwischen beiden Gruppierungen anfangs noch einige Skepsis, sind heute die Hälfte der Mitglieder beiden Organisationen verbunden.

Bild: ©Dominik Meixner

Vorstandsvorsitzende Mathilde Schaab-Hench: "Die jungen Leute heute haben null Bock, die Kirche zu retten."

Heute steht wie in den Anfangsjahren die Verbindung von Glauben und Leben im Mittelpunkt der Veranstaltungen auf der Burg: Gemeinsame Gottesdienste, Christliches Leben im Alltag und die Kommunikation über Generationengrenzen hinweg prägen das Jahresprogramm. Daneben hat das Haus einen musischen Schwerpunkt: Neben Musik und Tanz wird auch immer wieder Theater gespielt. Zwei zentrale Wegmarken im Jahr sind die Kar- und Ostertage sowie die Woche um den Jahreswechsel. An diesen Terminen trifft sich je einer der beiden Vereine, das zieht jeweils um die 300 Menschen nach Rothenfels.

Vorstandsvorsitzende Mathilde Schaab-Hench beobachtet dabei, dass sich der Fokus der heute 20- bis 30-Jährigen verschiebt. "Die haben null Bock, die Kirche zu retten", sagt sie. Da sich die Kirche allen bisherigen Änderungsinitiativen entzogen habe, seien jetzt die Verantwortlichen an der Reihe. Für die jungen Erwachsenen zähle etwas anderes: "Was können wir aus dem christlichen Glauben heraus für diese Erde tun?" Ökologie, Nachhaltigkeit, der Umgang mit dem Klimawandel und die Fragen nach einer gerechten und guten Lebensweise beschreibt Schaab-Hench als die treibenden Motive einer Generation, die der Burg Rothenfels auch nach 100 Jahren wieder ein junges Gesicht gibt.

Von Christoph Paul Hartmann