Die Via Dolorosa in Jerusalem
Von der Geißelungskapelle zur Grabeskirche

Auf Jesu Spuren durch das Gedränge: Unterwegs auf der Via Dolorosa

Tausende Menschen pilgern jährlich entlang der Via Dolorosa in Jerusalem, um den letzten Weg Jesu nachzugehen. Doch wer die heiligen Stätten sehen will, muss vor geschäftstüchtigen Händlern, dem Trubel der Stadt und dem Andrang anderer Pilger auf der Hut sein.

Von Johannes Zang |  Jerusalem - 01.06.2019

"Wollt ihr ein Kreuz?", fragt der Palästinenser Yousef den Reiseleiter einer Gruppe auf Arabisch. Dieser, Deutscher und des Arabischen mächtig, antwortet mit einer Gegenfrage: "Was kostet es?" 40 Euro verlangt der Händler. "Lass" uns 35 machen!", schlägt der basarerprobte Reiseleiter vor. Yousef verzieht das Gesicht und legt die Stirn in Falten. "Also gut." Er willigt ein und erhält die Mietgebühr für das etwa zwei Meter lange Holzkreuz. Der Reiseleiter bedeutet zwei Männern seiner Gruppe, eines der bereitgestellten Kreuze zu nehmen und ihm in den Hof der "Flagellatio" (lat. Geißelung) zu folgen. "Bitte tretet näher!", ruft er seiner Gruppe wenig später zu. Die etwa 40 Personen versammeln sich etwas seitlich vom Eingang zur Geißelungskapelle um ihren Leiter. "Schaut einmal auf die Inschrift dort oben: 'Maximiliano Duci Bavariae'", liest er laut vor. Der bayerische Herzog Maximilian war 1838 hier, mit eigenem Hofzeichner – das war der Beginn der deutschen Aktivitäten von katholischer Seite im Heiligen Land." Er besuchte nicht nur die heilige Stätten, sondern überbrachte höchstpersönlich die erste bayerische Palmsonntagskollekte für das Heilige Land. Dank ihr konnte an der Stelle der verfallenen mittelalterlichen eine neue Geißelungskapelle erbaut werden. Ende der 1920er Jahre wurde sie fertiggestellt.

Die Via Dolorosa, der Schmerzens- oder Kreuzweg Jesu, beginnt im muslimischen Viertel Jerusalems. Verlauf und Zahl der Stationen haben sich über die Jahrhunderte mehrfach verändert. Entstanden ist der Jerusalemer Kreuzweg aus dem heiligen Rundgang, wie er in byzantinischer Zeit praktiziert wurde. Die heutige Form mit 14 Stationen erhielt der Kreuzweg durch den deutschen Franziskaner Elzearius Horn im 18. Jahrhundert. Nur die Stationen drei bis fünf sind später noch etwas gewandert. Was den Endpunkt des Weges – die Grabes- und Auferstehungskirche – angeht, gibt es kaum Zweifel. Doch beim Beginn gibt es ein Fragezeichen: Keines der Evangelien berichtet, wo das Prätorium des Pilatus war. Manche verorten es in der Nähe des heutigen Jaffatores. Die letzten fünf Stationen liegen innerhalb der Grabeskirche, die ersten neun im Basar. Doch nicht jede verfügt über eine Kapelle, zum Teil sind Stationen lediglich durch eine Plakette an der Mauer gekennzeichnet

Pilger auf der Via Dolorosa
Bild: © Johannes Zang

Die Pilger haben sich ein Kreuz ausgeliehen und tragen es auf der Via Dolorosa entlang.

"Lasst uns hier in der Kapelle der Verurteilung Jesu gedenken", sagt der Guide zu seiner Gruppe. Zwei Männer schultern das Kreuz, und die Gruppe betritt die Geißelungskapelle. Nach einigen Momenten der Stille ergreift der Gruppengeistliche das Wort: "Erste Station: Jesus wird zum Tod verurteilt. Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus und preisen Dich." Die Gruppe antwortet: "Denn durch Dein Heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst." Dann singt sie das Lied "O Haupt voll Blut und Wunden". Die Glasfenster zeigens die Geißelung Jesu, das Händewaschen des Pilatus und die Freilassung des Barrabas. Nur wenige Meter weiter liegt die Verurteilungskapelle, die 1903 errichtet wurde. Dort deutet der Reiseleiter wortlos mittels Fußspitze auf Linien in den uralten Steinplatten, Lithostrotos genannt: Soldaten haben sich mit einer Art Mühlespiel die Zeit ver- und ihren Spott mit den Gefangenen getrieben. Schon ist die Stimme des Pfarrers zu vernehmen. "Zweite Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern." Der Pfarrer beugt seine Knie, viele in der Gruppe tun es ihm nach.

Wenige Minuten später ist die Gruppe wieder auf dem Basargässchen unterwegs, das tatsächlich die Straßenbezeichnung Via Dolorosa trägt. Es ist acht Uhr morgens, langsam erwacht die Stadt. Schon eilt ein Verkäufer aus einem der wenigen geöffneten Souvenirläden schnellen Schrittes auf die Gruppe zu. "Woher kommt die Gruppe?", fragt er auf Englisch den Reiseleiter. "Deutschland." Schon zieht er die richtige Sprachversion seines Kreuzweg-Faltblattes hervor. "Nur ein Euro", ruft er nun auf Deutsch, einige greifen bei diesem Preis beherzt zu.

Vorbei am Österreichischen Hospiz

Die Gruppe zieht weiter. An der Ecke, wo das ehrwürdige Österreichische Pilgerhospiz seit über 150 Jahren steht, erfahren die Pilger, dass man in diesem nicht nur nächtigen, sondern auch Schnitzel und Apfelstrudel samt Melange genießen kann. Schräg gegenüber an der dritten Station beten die Pilger für alle Opfer des israelisch-palästinensischen Konflikts, für alle, die wie Jesus fallen und zusammenbrechen: unter der Last des Unfriedens, der Militärbesatzung, oder weil ihr Haus von der Stadtverwaltung abgerissen wurde, da ohne Baugenehmigung gebaut wurde. Als die Gruppe weiterziehen will, wird sie von sechs orthodoxen Juden schnellen Schrittes überholt, zwei tragen exotisch anmutende Fellmützen – bei 25 Grad.

Als die Pilger an der vierten Station eintreffen, wird die armenisch-katholische Kirche "Notre Dame von Pamosyon" (auch Mariä Schmerzen) geöffnet. Da das Allerheiligste ausgesetzt ist, beten die deutschen Wallfahrer still und gedenken der Begegnung Jesu mit seiner Mutter. Weiter ziehen die Pilger, vorbei an Textilgeschäften. Die Gruppe biegt rechts ab. "Granatapfelsaft zehn Schekel", ruft ein mobiler Saftpresser auf Deutsch, "Batterien, Batterien" sein geschäftstüchtiger Nachbar. Die Kapelle der fünften Station ist geschlossen. Der Reiseleiter betet vor: "Simon von Zyrene hilft Jesus das Kreuz tragen." Er erklärt, dass Zyrene im heutigen Libyen liegt und bittet seine Gruppe, für dieses kriegsgeplagte Land schweigend zu beten.

Linktipp: Das sind die wichtigsten Orte der biblischen Ostergeschichte

Es sind Orte, die Weltgeschichte geschrieben haben: Die biblischen Stätten, die unmittelbar mit der Passionsgeschichte Jesu Christi verbunden sind. Katholisch.de stellt die vier wichtigsten Orte vor.

Bei der sechsten Station betritt die Pilgergruppe aus Deutschland eine dunkle Kapelle, es geht einige Schritte hinunter, vorbei an einem Mini-Laden samt Werkstatt. Nach dem Gebet halten manche ein Schwätzchen mit Schwester Rose von den Kleinen Schwestern Jesu, die im Werkstattladen Karten sowie Bilder verkauft. Am Ende des Treppenweges stößt die Via Dolorosa auf die Ölgasse Khan az-Zeit, die einstige Prachtstraße "cardo maximus" in Nord-Süd-Richtung. Die Kapelle der siebten Station schräg gegenüber ist verriegelt. Insektenspray wegen einer 20-köpfigen Kakerlakenfamilie, so erklärt es der Wächter und hält sich demonstrativ die Nase zu. Die Gruppe lässt eilende Händler und einen Traktor passieren und betet vor der Kapelle.

Vor dem Johanniterhospiz sitzt ein Palästinenser, davor steht ein Traktor mit Anhänger, Schutt und Steine hat er geladen. Drei israelische Polizisten umringen den Palästinenser, vermutlich den Traktorfahrer, einer der drei telefoniert. Zehn Meter weiter ist die Plakette angebracht, die die achte Station markiert: Jesu Begegnung mit den weinenden Frauen. Die Gruppe positioniert sich im Halbkreis. Noch bevor die Pilger ihr Gebet beginnen, berührt eine eilig von oben kommende Palästinenserin die Plakette, küsst ihre Hand und bekreuzigt sich. Die deutschen Pilger stimmen ein Passionslied an, dann beten sie für Frauen – die mit Kindern und kinderlose, israelische und palästinensische und alle, die im eigenen Leben wichtig waren: Mütter, Großmütter, Lehrerinnen, Nachbarinnen.

Wo Juden mitten unter Palästinensern siedeln

Zurück auf der Ölgasse spürt man die erwachende Stadt, der Geräuschpegel steigt. Nach etwa 100 Metern schwenkt der Reiseleiter seine Kappe. Es geht wieder einmal eine Treppe hoch, neben einer Zuckerbäckerei. Auf deren Grundstück befand sich der Eingang der konstantinischen Grabes- und Auferstehungsbasilika, die, vor fast 1700 Jahren gebaut, so groß wie der Petersdom gewesen sein soll. Oben angekommen deutet der Reiseleiter auf Zäune, Stacheldraht, ein Kabuff mit Wächter. Der Grund für diese Vorkehrungen: eine jüdische Mini-Siedlung unter Palästinensern. Hier siedeln national-religiöse Juden, um ihrem heiligsten Ort, der Klagemauer, so nahe wie möglich zu sein. Der Staat bezahlt die Sicherheitsleute.

Devotionalien auf der Via Dolorosa
Bild: © Johannes Zang

Händler bieten entlang der Via Dolorosa viele Devotionalien an.

Dann erreichen die Pilger die neunte Station. Hier haben schon andere ihr Leihkreuz abgestellt, so tun es auch die Deutschen nach ihrer Andacht: Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus und preisen Dich. – Denn durch Dein Heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst. "Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz", sagt der Pfarrer mit kräftiger Stimme. Stille. "O du hochheilig Kreuze" wird gesungen. Der Reiseleiter bittet die Gruppe, ihm aufs Dach der Grabeskirche zu folgen. Dort beschließen sie den Kreuzweg. Die letzten fünf Stationen innerhalb der Kirche könnt die Pilger selbst aufsuchen. "Lasst uns mit einem Osterlied enden, quasi mit der 15. Station, der Auferstehung." Der Pfarrer stimmt "Preis dem Todesüberwinder" an, seine Gemeinde fällt ein.

Nach dem letzten Ton lässt der Reiseleiter noch einige Momente Stille. Dann erklärt er Grundlegendes zur Anastasis, wie orthodoxe Christen die Kirche gerne nennen, erläutert kurz und knapp die Baugeschichte, nennt die sechs christlichen Denominationen, die Gebetsrechte haben und weist auf die Äthiopier hin, denen nur das Dach mit armseligen Hütten geblieben ist. "Deren Osternacht übrigens dauert acht Stunden, knapp drei davon habe ich einmal miterlebt", erzählt der Guide. Die Gruppe geht hinunter auf den Vorplatz der Kirche. Auf einem Wandgemälde zur Linken ist die Begegnung zwischen König Salomo und der Königin von Saba dargestellt. Unten angekommen beschreibt der Reiseleiter, wie man die fünf letzten Kreuzwegstationen findet und rät seiner Gruppe: "Sucht euch in diesem Trubel einen ruhigen Platz. Treffpunkt wieder hier, in einer Stunde."

Von Johannes Zang