Frere Alois: "Wir schulden es den Opfern, dass wir darüber sprechen"
Leiter der Taize-Gemeinschaft zu Missbrauchsfällen

Frere Alois: "Wir schulden es den Opfern, dass wir darüber sprechen"

Drei Brüder der Gemeinschaft von Taize sollen vor mehreren Jahrzehnten Jugendliche sexuell missbraucht haben. Im Interview äußert sich der Leiter der Gemeinschaft, Frere Alois, erstmals öffentlich zu den Fällen.

Von Volker Hasenauer (KNA) |  Taize - 05.06.2019

In der christlichen Gemeinschaft von Taize gibt es Hinweise, dass drei Mitglieder vor Jahrzehnten Jugendliche sexuell missbraucht haben. Dies hat die Gemeinschaft am Dienstagabend öffentlich gemacht. Demnach haben sich fünf Betroffene an die im französischen Burgund ansässige Gemeinschaft gewandt. Es gehe um jeweils ein oder zwei Fälle sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige aus den 1950er bis 1980er Jahren. Im Interview spricht Frere Alois, der Leiter der Gemeinschaft, über die Missbrauchsfälle und die daraus folgenden Konsequenzen.

Frage: Frere Alois, Ihre Gemeinschaft hat Missbrauchsvorwürfe gegen drei Brüder öffentlich gemacht. Wie sicher können Sie sein, dass es keine aktuellen Fälle von sexualisierter Gewalt in Taize gibt?

Frere Alois: Wir können dabei nicht absolut sicher sein. Wir haben bereits im Jahr 2010 auf unserer Internetseite eine Kontaktadresse eingerichtet, unter der man eventuelle Missbrauchsfälle melden kann. Unsere jetzige Veröffentlichung kann eventuell weitere betroffene Personen dazu ermutigen, sich zu melden. Im Kontakt mit Betroffenen haben wir gelernt, wie wichtig es für sie ist, dass ihnen jemand vorbehaltlos zuhört und die Aussagen nicht in Zweifel zieht.

Frage: Wieso blieben die Übergriffe so lange unentdeckt, beziehungsweise warum machen Sie sie erst jetzt öffentlich, auch wenn es bereits 2010 erste Hinweise gab?

Frere Alois: Es ging mir zuallererst darum, den Betroffenen zuzuhören und ihren Worten Glauben zu schenken. Wir wollten zeigen, dass wir das ernst nehmen, was ihnen widerfahren ist. Gleichzeitig wollten die Betroffenen ihrerseits nicht an die Öffentlichkeit gehen. Aber mir ist mit der Zeit klar geworden, dass wir es nicht dabei bewenden lassen dürfen. Wir schulden es den Opfern und ihren Familien wie auch allen, die uns Vertrauen schenken und mit Jugendlichen zu uns kommen, dass wir darüber sprechen.

Bild: © KNA

Frere Alois ist Leiter der Gemeinschaft von Taize.

Frage: Zwei Beschuldigte sind gestorben. Kann der dritte Beschuldigte Mitglied Ihrer Gemeinschaft bleiben?

Frere Alois: Der betreffende Bruder hat seit langer Zeit keine Aufgabe bei den Jugendtreffen. Aber er könnte nicht allein leben, und wir sind auch weiterhin für ihn verantwortlich.

Frage: Wie stellen Sie sicher, dass es nicht zu Wiederholungstaten kommt?

Frere Alois: Als ich zum ersten Mal von den Vorwürfen erfuhr, habe ich neben dem Kontakt mit den Opfern eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um die Sicherheit und Unversehrtheit von denen noch stärker zu schützen, die sich uns anvertrauen. So haben wir es uns unter anderem seit langem zur Regel gemacht, Einzelgespräche nur an den dafür vorgesehenen, einsehbaren Orten zu führen. Mit kompetenten Personen von außerhalb der Communaute haben wir überlegt und tun dies immer noch, was wir sonst noch tun können – in der Kommunikation mit den Gruppenverantwortlichen wie auch unter uns Brüdern.

Frage: Inwiefern beschädigen die Missbrauchsfälle den Anspruch von Taize, ein offener und unbeschwerter Ort für Gebet und Austausch für Jugendliche aus aller Welt zu sein?

Frere Alois: Es stimmt, dass uns sehr viele Jugendliche großes Vertrauen entgegenbringen. Umso schwerer wiegen diese Fälle in der Vergangenheit. Aber wir sind überzeugt, dass wir nur durch einen offenen Umgang mit den Ereignissen diesem Vertrauen gerecht werden. Das kann vielleicht auch dazu beitragen, Taize und uns Brüder nicht zu idealisieren: Wir möchten, dass die Treffen hier in der Wirklichkeit verankert sind, damit Jugendliche hier auch weiterhin einen Ort wahrer Begegnung und des Vertrauens finden können.

Von Volker Hasenauer (KNA)