Als Katholik unter Protestanten: Mein Besuch auf dem Kirchentag
katholisch.de-Redakteur Roland Müller sucht die Ökumene

Als Katholik unter Protestanten: Mein Besuch auf dem Kirchentag

Umweltschutz, Migration und Digitalisierung: Das sind die großen Themen des Evangelischen Kirchentags. Aber wie sieht es mit der Ökumene aus? Katholisch.de-Redakteur Roland Müller hat sich nach Dortmund aufgemacht, um es herauszufinden - und dabei nicht nur Luther, sondern auch den Papst getroffen.

Von Roland Müller |  Dortmund - 22.06.2019

"Hier stehe ich, ich kann nicht anders." Diese Worte Martin Luthers, gesprochen auf dem Reichstag zu Worms 1521, kommen mir in den Sinn, als ich am Freitagmorgen – noch etwas schlaftrunken – am Bahnsteig stehe und auf den Zug warte, der mich zum Evangelischen Kirchentag nach Dortmund bringt. Seit vielen Jahren bin ich ein begeisterter Teilnehmer von Katholikentagen: Ich liebe die bunten Stände der Orden, Bistümer und Verbände beim Markt der Möglichkeiten und bin fasziniert von der Fülle der angebotenen Veranstaltungen. Doch bislang war ich noch nie bei einem Kirchentag dabei, abgesehen vom 1. Ökumenischen Kirchentag in Berlin. Vor einigen Wochen fällte ich schließlich die Entscheidung, dass sich das unbedingt ändern muss und meldete mich für das Treffen in Dortmund an – wenn auch nur für einen Tag.

Muss ich mir also Sorgen um die Ökumene machen?

Im Zug habe ich etwas Zeit, um mir das Programm des Kirchentags genauer anzuschauen. Viele der Podien, Workshops und Konzerte drehen sich um die Schwerpunktthemen Umweltschutz, Migration und Digitalisierung. Zusätzlich werden Bibelarbeiten, Gebete und Gottesdienste angeboten. Doch mein Eindruck ist, dass die religiösen und kirchlichen Themen eher eine Minderheit im Programm darstellen. Als Katholik unter Protestanten, der ich auf dem Kirchentag sein werde, suche ich spontan nach dem Schlagwort Ökumene. Hierzu gibt es mehr als 60 Einträge im Veranstaltungsverzeichnis, viele beziehen sich jedoch auf Stände von Ausstellern. Muss ich mir also Sorgen um die Ökumene machen? Und kommt die katholische Kirche auf einem Kirchentag überhaupt vor? In der Liste der Stände fällt mir einer besonders ins Auge: "Mit Luther zum Papst". Ökumenischer geht es nicht! Ich beschließe, dort meine Spurensuche nach dem Katholischen beim Kirchentag zu beginnen.

In Dortmund angekommen, muss ich erst einmal warten. Die U-Bahn zur Stadthalle, wo die meisten Angebote des Kirchentags stattfinden, ist überfüllt. Es bilden sich lange Schlangen vor den Rolltreppen. Als ich nach kurzer Fahrt in einer überfüllten Bahn, eingezwängt zwischen singenden Pfadfindern und Senioren, die grüne Kirchentagsschals an ihre Hüften gegürtet haben, endlich beim Markt der Möglichkeiten ankomme, bin ich durchgeschwitzt. Auch das gehört wohl zu einem Kirchentag dazu. Die Halle unter dem Motto "Gelebte Ökumene" vereint eine Vielzahl von Konfessionen: Neben Katholiken, Armeniern und Kopten sind zudem die Quäker und die Alt-Katholiken vertreten, um nur einige zu nennen. Die lutherischen Auslandskirchen haben ebenfalls hier ihren Platz, denn unter Ökumene verstehen Protestanten auch, mit ihren Glaubensgeschwistern im Ausland Kontakte zu pflegen. So versuchen evangelische Esten, Kolumbier und Thais mich an ihre Stände zu locken, um mir Einblick in ihr Gemeindeleben zu geben.

Martin Luther ist auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund sehr präsent. Hier sogar als Fußball-Fan von gleich vier Vereinen aus dem Ruhrgebiet.

Doch ich gehe zielstrebig auf die dem Eingang gegenüberliegende Seite der Halle zu, wo sich am äußersten Rand eine Leinwand befindet. Hier können Kirchentagsbesucher Fotos von sich machen – wahlweise mit dem Papst oder Luther. Es ist der Stand der Initiative "Mit Luther zum Papst", ein ökumenisches Projekt des Bistums Magdeburg und der Landeskirchen Mitteldeutschland und Anhalt. "2016 waren wir mit einer Gruppe aus 1.000 Katholiken und Protestanten in Rom und haben den Papst in Privataudienz getroffen", erzählt mir Christoph Tekaath stolz. Das war selbst für die evangelischen Christen eine beeindruckende Erfahrung, einige sollen sogar Tränen in den Augen gehabt haben. Deshalb wird die ökumenische Romfahrt im kommenden Jahr auch wiederholt. "Es gab sogar spontane Anmeldungen hier auf dem Kirchentag", sagt Tekaath, der Diözesanjugendseelsorger im Bistum Magdeburg ist.

Gelebte Ökumene als Selbstverständlichkeit in der Diaspora

"Für uns Christen in Ostdeutschland ist gelebte Ökumene eine Selbstverständlichkeit, sonst könnten wir gar nicht überleben", gibt Tekaath zu. Schließlich sei der Großteil der Bevölkerung in den Neuen Bundesländern areligiös und könne die Unterschiede zwischen den Konfessionen oft gar nicht nachvollziehen, wenn sie denn überhaupt bekannt seien. Deshalb lehnt Tekaath auch eine Ökumene der Profile ab – selbstverständlich, ohne dabei selbst profillos zu werden, wie er betont. Ihn schmerzt es, dass die Einheit der Christen gemessen an den Veranstaltungsangeboten auf dem Kirchentag keine große Rolle zu spielen scheint." Der Papst hat uns bei der Audienz 2016 eindrücklich gesagt, dass die Konfessionen nicht für sich bleiben sollen." Wenn man sich das Programm genau anschaue, finde man dann aber doch viele Katholiken, die als Privatpersonen für Veranstaltungen auf dem Kirchentag verantwortlich seien.

Ich verabschiede mich von Christoph Tekaath, jedoch nicht, ohne vorher ein Foto mit dem Papst gemacht zu haben (siehe Foto oben). Das Katholische steckt mir eben in den Knochen! Beim Gang über den Markt der Möglichkeiten fallen mir weitere Stände auf – etwas die "Ökumene in der Mitte" der Bistümer und Landeskirchen auf dem Gebiet von Thüringen und Sachsen-Anhalt. Nach dem Katholikentag in Mannheim 2012 kam den Kirchenvertretern die Idee, zukünftig gemeinsam einen Stand auf Kirchen- und Katholikentagen zu haben. Daraus ergeben sich berufliche und persönliche Kontakte, die für die Ökumene wichtig sind, versichern mir die Mitarbeiter. Doch es gebe stets Probleme mit der Anmeldung bei den Organisatoren, denn ein Stand mit vier Anbietern sei nur schwer in die formalen Angaben einzutragen.

Ein Pfadfinder hat einen Rosenkranz auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund geknüpft.

Einige Meter weiter hüpft mein Katholiken-Herz in die Höhe: Es gibt das Angebot, Rosenkränze zu knüpfen. Mitglieder der katholischen Laienvereinigung "Legion Mariens" betreuen den Stand. Sie seien seit Jahren auch auf Kirchentagen präsent. Das werde sehr gut angenommen, erzählen sie mir. Denn selbst Protestanten würden ihren Lieben gerne selbstgemachte Geschenke mit nach Hause bringen. Doch die Ökumene sehen sie in einer schwierigen Situation, denn die evangelischen Kirchen würden zu wenig Verständnis für den Katholizismus aufbringen. Schräg gegenüber treffe ich begeisterte Pilger, die die Jakobusgesellschaft vertreten. Die hat es sich zum Ziel gesetzt, das Pilgern auf dem Jakobsweg zu fördern – heute selbstverständlich eine ökumenische Aufgabe.

In einer Ecke der Halle finde ich schließlich den Stand des größten katholischen Männerordens, der Jesuiten. Sie sind traditionell gemeinsam mit den Schwestern der Congregatio Jesu auf Kirchentagen vertreten, sagt Pia Dyckmans, Pressereferentin der Jesuiten. In diesem Jahr thematisieren sie an ihrem Stand die ignatianischen Exerzitien, einen Markenkern des Ordens. "Viele evangelische Pfarrer kommen zu uns und sprechen uns auf die geistlichen Übungen an", sagt sie. Das Bedürfnis danach sei da und viele Protestanten würden einen "spirituellen Schatz" bei den Katholiken ausmachen. Für alle, die nichts mit dem Begriff Exerzitien anfangen können, übersetzt ihn Dyckmans so: "Sie sind ein anstrengender Urlaub für die Seele mit Gott."

Der Stand der Jesuiten und der Congregatio Jesu beim Evangelischen Kirchentag in Dortmund hat die igantianischen Exerzitien als Schwerpunkt.

Nach den vielen Gesprächen und dem Herumlaufen in der Stadthalle beschließe ich in die Dortmunder Innenstadt zu fahren. Dort soll es einen schönen Ort neben einer katholischen Kirche geben, um zu entspannen. Kirchentags-Exerzitien für meine Füße sozusagen. In der U-Bahn, die jetzt deutlich leerer ist, treffe ich Sina und Malin. Die beiden 15-jährigen Schülerinnen sind Helferinnen des Kirchentags. Heute müssen sie den Einlass zu einer Kirche kontrollieren. Wir kommen ins Gespräch. Die beiden Mädchen sind zwar evangelisch, doch die Unterschiede zwischen den Konfessionen bedeuten ihnen eigentlich kaum etwas. "Wir würden uns freuen, wenn die Kirchen zueinander finden", sagen sie einhellig. Es habe sich zwar schon viel getan in der Ökumene, doch einen echten Willen zur Wiedervereinigung der Konfessionen sehen sie bei den Kirchenleitungen und an der Basis nicht. "Echt schade", finden sie das.

Bistümer fühlen sich nicht angemessen berücksichtigt

Angekommen an der Propsteikirche in Dortmund betrete ich den Innenhof des Kreuzgangs. Ein kleines Paradies, denn hier gibt es Schatten, kostenloses Wasser mit Minze und Liegestühle. Verantwortlich dafür ist das Diözesankomitee der Katholiken im Erzbistum Paderborn, zu dessen Gebiet die Stadt Dortmund gehört. Einige der ehrenamtlichen Mitarbeiter erzählen mir von den Problemen, die es im Vorfeld mit den Organisatoren des Kirchentags gab. Das Erzbistum Paderborn, aber auch die Diözesen Essen und Münster haben sich nicht angemessen berücksichtigt gefühlt. Ihre ökumenischen Veranstaltungen wurden schließlich nicht ins offizielle Programm aufgenommen und finden in der ersten Etage des katholischen Centrums schräg gegenüber der Propsteikirche statt. Etwas stiefmütterlich, finden die Freiwilligen, aber so sei das nun einmal oft mit der Ökumene. Eigentlich müssten sich die Spitzen der Kirchen mehr dafür einsetzen, sagen sie.

Ich bedanke mich für das erfrischende Wasser und verlasse den schattigen Kirchhof in Richtung Bahnhof. Auf dem Weg dahin drückt mir ein älterer Mann im blauen Polo-Shirt einen Flyer für den 3. Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt 2021 in die Hand. Ob sich bis dahin die Konfessionen einander etwas weiter angenähert haben, frage ich mich. Ich denke dabei gar nicht an ein gemeinsames Abendmahl, dem Kardinal Reinhard Marx einige Stunden zuvor bei einem Podiumsgespräch sowieso eine Abfuhr erteilt hatte. Ich denke eher an die Selbstverständlichkeit eines geschwisterlichen Miteinanders unter den Kirchen, daran, gemeinsam zu beten, caritativ tätig zu sein und den Glauben zu verkünden. Also alles Dinge, die schon jetzt ohne Probleme möglich wären. "Kommen Sie zum Kirchentag nach Frankfurt?", fragt mich der Mann. Ich nicke und gehe weiter Richtung Bahnhof. Bis 2021 kann sich schließlich noch viel bewegen, denke ich.

Von Roland Müller