"Sehen, was nie ein Mensch zuvor gesehen hat"
Experten durchleuchten Baldung-Hochaltar im Freiburger Münster

"Sehen, was nie ein Mensch zuvor gesehen hat"

Mit Infrarot-Technik versuchen Experten derzeit, dem Marien-Hochaltar des Freiburger Münsters die letzten Geheimnisse zu entlocken. Denn unter den farbgewaltigen Bilderwelten verbergen sich unbekannte Vorzeichnungen.

Von Volker Hasenauer (KNA) |  Freiburg - 14.07.2019

Quadratzentimeter für Quadratzentimeter tastet sich die 40.000-Euro-Hightech-Kamera voran. Ihr Infrarotsensor macht sichtbar, was seit einem halben Jahrtausend verborgen war: die Vorzeichnungen der bis zu drei Meter hohen Bildtafeln des Marien-Hauptaltars im Freiburger Münster.

Die ausdrucksstarken und detailreichen Gemälde - sie zeigen Szenen aus dem Leben Marias und Jesu - sind ein Hauptwerk des frühneuzeitlichen Ausnahmekünstlers Hans Baldung Grien (um 1484-1545). In einem aufwendigen Projekt versuchen Infrarotspezialisten, Restauratoren und Kunsthistoriker, mehr über Baldungs meisterhafte Mal- und Kompositionstechnik herauszufinden.

"Uns treibt wissenschaftliche Neugier"

"Uns geht es dabei ausdrücklich nicht um eine Restaurierung, sondern uns treibt wissenschaftliche Neugier", sagt Kunsthistorikerin Eva Maria Breisig. So erhoffen sich die Experten mithilfe der Aufnahmen neue Einblicke in die Entstehung des Meisterwerks. "Das ist wie eine unverhoffte Zugabe für die Kunstgeschichte", so Breisig.

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Möglich wird die Tiefenanalyse, weil das langwellige, infrarote Licht der Spezialkamera die oberen Farbschichten durchdringen kann. Es wird erst vom weißen Malgrund reflektiert. Sichtbar gemacht werden die untersten, mit kohlenstoffhaltiger Farbe ausgeführten Vorzeichnungen. "Diese dunkle Farbe absorbiert die Infrarotstrahlung, und daraus können Kamera und Computer ein detailreiches Schwarz-Weiß-Bild errechnen, sodass wir zum ersten Mal wieder die ursprüngliche Entwurfszeichnung erblicken", so Restaurator Christoph Müller.

Für die Fotoarbeiten sind die Experten Lea Rechenauer und Peter Vogel von der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste aus Stuttgart ins Münster gekommen. Aufwendige Gerüstbauten und Sonderanfertigungen für die Kamerafixierung waren nötig. Für jedes Einzelbild muss die Kamera per Hand fokussiert werden. "Wichtig ist auch eine gute Beleuchtung, um Reflexionen zu vermeiden, da diese unsere Fotografien verfälschen würden", so Vogel. An einem Laptop kann er direkt vor Ort kontrollieren, ob die von Rechenauer in luftiger Höhe justierte Kamera richtig fokussiert ist.

Überraschungen für die Forscher

Schon jetzt gibt es erste Überraschungen für die Wissenschaftler. Denn es wird deutlich, dass Baldung keineswegs nur grobe Vorzeichnungen machte, sondern sein Bildprogramm detailliert ausarbeitete. Für Breisig ein Hinweis auf eine sehr strukturierte Arbeitsweise des Künstlers. "Er hat sicher verschiedene Vorentwürfe gemacht und diese dann auch mit seinen Auftraggebern abgesprochen. Dann aber stand das Bildkonzept fest, das er auf die Altartafeln skizzierte und schließlich ausführte."

Bislang zeigen die Infrarotaufnahmen nur geringe Abweichungen zwischen Vorzeichnung und fertigem Gemälde. Allerdings schaffte es eine ursprünglich geplante Halskette Marias nicht in die Endfassung, Änderungen nahm Baldung auch bei Gewändern oder Handhaltungen vor.

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"Wenn alle Einzelaufnahmen abgeschlossen sind, werden wir sie am Computer zusammensetzen und dann genau vergleichen und auswerten können", so Breisig. Letztlich erhofft sich die Kunsthistorikerin, den Geheimnissen und Techniken Baldungs genauer auf die Spur zu kommen.

Baldung - ein vielseitiger Künstler

Ab November steht der aus Schwäbisch Gmünd stammende Baldung als Zeitgenosse und Freund Albrecht Dürers im Mittelpunkt der baden-württembergischen Landesausstellung in der Kunsthalle Karlsruhe. Zu erleben ist dort unter dem Motto "heilig - unheilig" die enorme Bandbreite seines Werks. Denn Baldung schuf nicht nur Altarwerke und religiöse Andachtsbilder, sondern malte auch charaktervolle weltliche Porträts, sinnliche Akte und drastische Sündenfall- und Hexendarstellungen.

Auch aus dem Freiburger Augustinermuseum werden drei Leihgaben nach Karlsruhe gehen: ein Amor, ein leidender Christus und ein Marienporträt. Der Hochaltar wird dann längst wieder unbehelligt von Gerüsten und Infrarotkameras zu bestaunen sein. Die wissenschaftlichen Arbeiten, die eine kirchliche Stiftung mit einem fünfstelligen Eurobetrag finanzierte, sollen kommende Woche abgeschlossen sein. "Dann beginnen die wissenschaftliche Auswertungen und Interpretationen der neuen, einzigartigen Bilder und Daten", verspricht Breisig.

Von Volker Hasenauer (KNA)