Katholische Religionslehrer: Wir werden am "synodalen Weg" beteiligt
Bundesverbands-Vorsitzende über Kirchenreformen und Zukunft des Reli-Unterrichts

Katholische Religionslehrer: Wir werden am "synodalen Weg" beteiligt

Anfang Juni hatten katholische Religionslehrer einen offenen Brief an die deutschen Bischöfe geschrieben. Darin forderten die Pädagogen unter anderem eine Kehrtwende in der kirchlichen Sexuallehre. Über die bisherigen Reaktionen äußert sich Mitunterzeichnerin Gabriele Klingberg.

Von Angelika Prauß (KNA) |  Bonn - 19.07.2019

Anfang Juni hat der Bundesverband der katholischen Religionslehrer und -lehrerinnen an Gymnasien einen offenen Brief an die deutschen Bischöfe geschrieben. Er bittet darin, an dem geplanten "synodalen Weg" der Kirche beteiligt zu werden und fordert unter anderem Offenheit für kritische Anfragen und Umdenken in Fragen der Sexualmoral. Über erste Reaktionen, die Spiritualität junger Menschen und Wünsche an den synodalen Prozess spricht dessen Vorsitzende Gabriele Klingberg im Interview.

Frage: Frau Klingberg, wie waren die Reaktionen auf Ihren Brief?

Klingberg: Es gab viele Reaktionen, sowohl von einigen Bischöfen, vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), insbesondere von Kolleginnen und Kollegen, sowie in der Presse. Anfang Juli kam vom ZdK die Zusage, dass wir am synodalen Weg beteiligt werden, das heißt, in der maßgebenden Synodalversammlung vertreten sein werden. Für uns ist es wichtig, dass wir dort die Stimme der jungen Menschen laut werden lassen und unsere Erfahrungen als Religionslehrerinnen und -lehrer einbringen können. Wir möchten auch die in unserem Brief formulierten Forderungen angehen.

Frage: Sie verstehen sich als Anwalt junger Menschen. Welche Kirchenthemen bewegen die Schüler?

Klingberg: Das sind das Amtsverständnis und die Beteiligung von engagierten Frauen an Ämtern. Meine Schülerinnen und Schüler waren beispielsweise bestens über Maria 2.0 informiert. Ein weiteres großes Thema ist die Sexualmoral. Auch die Haltung der Kirche zu Homosexualität beschäftigt sie – sie ist für junge Leute nicht nachvollziehbar.

Frage: In Ihrem Brief kritisieren Sie einen "massiven Glaubwürdigkeitsverlust" der Kirche, auch bei Jugendlichen. Woran machen Sie das fest?

Klingberg: Die Veröffentlichung der Missbrauchsstudie war ein ausschlaggebender Punkt. Jugendliche können nicht verstehen, wie der Missbrauch passieren konnte und warum es bei der Aufklärung keine völlige Transparenz gibt. Andererseits tritt die Kirche jungen Menschen nicht selbstbewusst genug auf. Zu manchen kirchlichen Themen haben sie eine sehr wohlwollende Einstellung; sehr positiv besetzt sind etwa die in der katholischen Soziallehre verankerten Gedanken zur sozialen Gerechtigkeit. Das ist ein Programm, das Schülerinnen und Schüler komplett überzeugt. Sie können nicht verstehen, warum Kirche da nicht aktiver ist und das Thema nicht viel mehr an die Öffentlichkeit bringt. Christliche Botschaft und Soziallehre könnten in ihren Augen die Arbeitswelt positiv beeinflussen.

Bild: © BKRG

Der Vorstand des Bundesverbandes der katholischen Religionslehrer und -lehrerinnen an Gymnasien mit Gabriele Klingberg (3.v.l.).

Frage: An einer Stelle Ihres Briefes schreiben Sie dennoch, dass das Thema Kirche für Jugendliche längst abgehakt sei, weil sie sie als "veränderungsresistent" und "unglaubwürdig" wahrnehmen. Das ist deutlich ...

Klingberg: Durchaus. Schülerinnen und Schüler sind nur noch zu einem sehr geringen Teil kirchlich gebunden. Kirche und deren Verlautbarungen, etwa zur Sexualmoral, haben für junge Leute quasi keine Lebensrelevanz mehr. Insofern gibt es eine ganz große Distanz zur Kirche, wenn nicht eine Indifferenz – das Thema berührt sie schlichtweg nicht mehr.

Frage: Was muss Kirche tun, um junge Menschen – die potenziellen Kirchgänger von morgen – zu erreichen?

Klingberg: Spiritualität muss für Jugendliche neu erschlossen werden. Zudem brauchen wir eine andere Sprache in Gottesdiensten und andere Gottesdienstformen. Die Studie "Jugend – Glaube – Religion" der Uni Tübingen hat gezeigt, wie wichtig Religion und Glaube für Schülerinnen und Schüler sind – aber eben nicht die Kirche. Positiv wird Kirche dort wahrgenommen, wo Jugendliche Gemeinschaft erfahren. Ich glaube, dass man auf diesen Ebenen ansetzen und neue Wege der Sprache und der Formen finden muss. Wenn wir beispielsweise mit jungen Menschen nach Taize fahren, bin ich tief beeindruckt, welche spirituellen Seiten ich an ihnen entdecke.

Frage: Welche Art von Spiritualität spricht junge Leute an, etwa in Taize?

Klingberg: Es sind das Gemeinschaftsgefühl, die Stille und in Taize natürlich auch sehr stark die Lieder. Man erlebt dort, dass Schülerinnen und Schüler über die großen Lebensfragen und über den Glauben mit anderen ins Gespräch kommen und sich sehr ernst genommen fühlen. Da stellt sich schon die Frage: Wo gibt es solche Orte in unserer Kirche?

Frage: Viele Kirchenvertreter und Bischöfe sagen, die Glaubensvermittlung sei ganz wichtig. Ist das nicht eine verzerrte Wahrnehmung? Welche Rolle spielen für Heranwachsende überhaupt noch Themen wie Sakramente und Weihe?

Klingberg: Über den Zölibat kann man in gute und heftige Diskussionen kommen. Sakramente berühren junge Menschen dann, wenn es mir als Religionslehrerin gelingt, sie an ihr Leben anzudocken, etwa das Ehesakrament. Treue ist für viele ein ganz wichtiger Wert. Ich kann das Thema Sakramente nicht nur theologisch bearbeiten; sondern es muss mir gelingen, eine Verbindung zur Lebenswelt herzustellen. Das geht gut beim Ehe- oder auch beim Firmsakrament, wo es ja um die bewusste Entscheidung geht. Auch Fragen über den Sinn des Lebens oder was nach dem Tod kommt sind gute Anknüpfungspunkte.

Schülerinnen und Schüler sind nur noch zu einem sehr geringen Teil kirchlich gebunden. Kirche und deren Verlautbarungen, etwa zur Sexualmoral, haben für junge Leute quasi keine Lebensrelevanz mehr.

Zitat: Gabriele Klingberg

Frage: Sie sagen, dass Schüler sich von religiösen Fragen berühren lassen, zugleich aber die Kirche für die meisten keine Rolle mehr spielt. Welche Rolle hat da der Religionsunterricht?

Klingberg: Er vermittelt in seinem religionskundlichen Teil Wissen – über die eigene Religion, theologische Positionen, andere Religionen. Der Unterricht will sie sprach- und dialogfähig machen und in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und Identitätsfindung unterstützen. Es ist wunderbar, wenn ich Schülerinnen und Schüler durch mein persönliches Vorbild überzeugen und begeistern kann, dass der christliche Glaube etwas sehr Positives für gelingendes Leben ist. Aber das ist nicht erstes Ziel des Religionsunterrichts; wir sind kein Rekrutierungsunternehmen. Religionsunterricht ist ordentliches Lehrfach im Fächerkanon der Schule mit einem Bildungsauftrag – und keine Katechese.

Frage: Dennoch bietet er eine Chance, Jugendliche mit Kirche noch einmal in Berührung zu bringen ...

Klingberg: Auf jeden Fall. So ist auch Schulpastoral ein sehr gewinnbringendes Feld. Sie bietet einen Erfahrungsraum für junge Leute, wo sie Kirche positiv erleben können. Ich habe vor den Sommerferien beispielsweise einen Abi-Gottesdienst mit Schülerinnen vorbereitet; es war ihnen total wichtig, am Ende ihrer Schulzeit so einen Akzent setzen. Und sie wollten – ich sage es jetzt mal etwas pathetisch – mit dem Segen Gottes weiter in ihr Leben gehen. Das sind Highlights. Oder auch, wenn Schüler sich später noch mal melden und sich für die Anstöße bedanken, die sie im Unterricht bekommen haben. Religionsunterricht ist auch deshalb für die religiöse Selbstfindung so wirkungsvoll, weil die persönliche Beziehung zwischen Lehrern und Schülern so wichtig ist und viel bewirken kann.

Frage: Das ist vielleicht auch etwas, das junge Leute bei abgehoben wirkenden Würdenträgern vermissen, die ihnen erst einmal sagen möchten, wie Glauben geht ...

Klingberg: Ich glaube, wir müssen weg von einer Instruktionslogik. Das gilt auch für den synodalen Weg: Begegnung auf Augenhöhe statt von oben herab. Ich weiß, dass das auch vielen Bischöfen ein Anliegen ist. Wir müssen eine neue, verständliche Sprache finden. Kirchliche Positionen müssen neu überdacht und auf heutige Lebensverhältnisse übersetzt und dann vertreten und gelebt werden. Der synodale Weg muss konkrete Ergebnisse bringen; Worte und Reden allein werden nicht überzeugen. Das sieht auch die Kommission für Erziehung und Schule der Bischofskonferenz so, wo ich beratendes Mitglied bin. Dort ist man sich bewusst, dass Veränderungen kommen müssen, damit Jugendliche in dieser Kirche bleiben und sich in ihr noch engagieren.

Von Angelika Prauß (KNA)