Eine Conchita Wurst des Mittelalters?

Die heilige Kümmernis – ein Kuriosum der Volksfrömmigkeit

Aktualisiert am 20.07.2019  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Das Geschlechterbild wird mehr und mehr divers. Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht etwas Neues diskutiert oder rechtlich zugelassen wird. Im Mittelalter war da die Welt doch noch übersichtlicher. Tatsächlich?

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Was für ein schräges Szenario: Eine junge Frau im Gewand Christi, vollbärtig und ans Kreuz geschlagen. Zu ihren Füßen ein Geiger. Was ist das – eine Art Conchita Wurst des Mittelalters? Die Darstellung der heiligen Wilgefortis war in Europa durchaus weiter verbreitet, und sie trug viele Namen: heilige Kümmernis oder Kummernus im deutschsprachigen Raum; heilige Ontcommer oder Hülpe im Niederländischen, Santa Librada (Liberata, Liberatrix) im Spanischen, Sainte Affligee im Französischen; auch heilige Caritas oder Eutropia wird sie genannt. Nicht offiziell von der Kirche anerkannt, wird ihr Festtag am 20. Juli begangen.

Der Name Wilgefortis steht im Althochdeutschen für einen "starken Willen" – oder im Lateinischen für eine "starke Jungfrau". So oder so: Beides führt auch schon mitten hinein in diese skurrile Heiligenlegende, die erstmals im 15. Jahrhundert in den Niederlanden verbürgt ist und im 17. und 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte. Demnach war Wilgefortis (oder Hilgefortis) im frühen 2. Jahrhundert eine so schöne wie tugendhafte Königstochter aus Lusitanien, dem heutigen Portugal. Spätere Versionen lassen die Geschichte in Northumbrien oder in Sizilien spielen. Ihr Vater jedenfalls wollte Wilgefortis mit einem heidnischen Prinzen vermählen – worauf sie Gott bat, sie körperlich so zu entstellen, dass die Männer von ihr ablassen.

Eine seltsame Geschichte

Gesagt, getan. Doch der König war über seine nunmehr bärtige Tochter so zornig, dass er sie kreuzigen ließ, damit sie Christus nur umso mehr gleiche. Drei Tage lang, so heißt es, habe Wilgefortis noch vom Kreuz herab gepredigt und dabei viele Menschen für den christlichen Glauben gewonnen, darunter am Ende auch ihren ungnädigen Vater. Der ließ sie nun aus Buße in kostbarste Kleider hüllen und ihr eine Kapelle errichten.

Verwoben hat sich diese ohnehin seltsame Sage noch mit der Geschichte vom armen Geiger. Dieser habe in einer Kirche, so erzählte man sich, kniend vor einem Bildnis der Heiligen aufgespielt. Und sie, erfreut über diese Zuneigung, wirft ihm aus dem Bild heraus einen ihrer goldenen Schuhe zu. Wegen Diebstahls wird der arme Spielmann nun zum Tode durch den Strang verurteilt. Doch als er sich als letzten Wunsch ausbedingt, noch einmal vor dem Bild spielen zu dürfen, wirft ihm die Heilige – vor Zeugen – auch noch den zweiten Schuh zu, worauf er seiner Wege ziehen kann.

Rubrik: Unsere Vorbilder

Beim Blick auf die unzähligen Heiligengestalten der Kirche gibt es spannende Biografien und Geschichten zu entdecken. Katholisch.de stellt die bekanntesten vor.

Bleibt die Frage, woher die eigentümliche Bildsprache und die Verknüpfung zweier doch eigentlich eigenständiger Legenden stammen. Die Forschung geht heute von einer einfachen Verwechslung aus. In Südeuropa, namentlich in Italien, entwickelte sich im Hochmittelalter eine ikonografische Strömung, den gekreuzigten Christus weniger als leidenden Schmerzensmann zu zeigen als vielmehr als einen verklärten Sieger, der über den Tod triumphiert. Dargestellt wurde er gekrönt, in prächtigen Gewändern und in aufrechter, eher entspannter Körperhaltung.

Die populärste Christus-Darstellung dieser Art ist der "Volto Santo" ("Heiliges Antlitz"), ein hölzernes Kruzifix in der Kathedrale von Lucca. Dort ist auch die Geiger-Überlieferung beheimatet. Das Gnadenbild des Volto Santo wurde zu einem der wichtigsten Pilgerziele des Mittelalters. Dieser Bildtyp verbreitete sich in weiten Teilen Europas. Gut möglich, dass man im Norden Europas wenig mit einem weichen Christus in vermeintlichen Frauenkleidern anfangen konnte. Ebenso gut möglich, dass in der mystisch überhitzten Atmosphäre des Spätmittelalters der unbekannte Typus legendär umgewidmet wurde in eine weibliche Miterlöserin.

Mit der Aufklärung ging die Verehrung zurück

Nicht umsonst firmierte Wilgefortis in den Niederlanden zumeist als heilige "Ontkommer", in England als "Uncumber", was man vielleicht als "Entkümmerung" übersetzen kann: eine Heilige, die die Nöte und Sorgen aller auf sich nimmt; die sich um alles kümmert. Im deutschsprachigen Raum wird daraus ab etwa 1470 die "heilige Kümmernis". Etwa 1.000 schriftliche und bildliche Zeugnisse aus der Zeit bis 1850 bezeugen ihre Beliebtheit.

Die Amtskirche hat den volksfrommen Kult um die Kümmernis nie offiziell anerkannt, auch wenn Wilgefortis im späten 16. Jahrhundert vorübergehend auf Märtyrerlisten auftauchte. Mit der Aufklärung ging die Verehrung der heiligen Kümmernis stark zurück. Doch immerhin schaffte sie es 1815 noch in die große Märchensammlung der Gebrüder Grimm.

Von Alexander Brüggemann (KNA)