Schachfigur
Standpunkt

Das Volk Gottes findet sich auch außerhalb der Kirche

Gott kann man nicht nur in Kirchen finden und seine Botschaft muss man nicht nur aus dem Mund eines Priesters hören. Deshalb ist Peter Otten überzeugt, dass die Heilsgeschichte Gottes weitergeht - auch wenn viele Menschen aus der Kirche austreten.

Von Peter Otten |  Bonn - 30.07.2019

Ich habe vor einiger Zeit ein Kind bestattet. Die Eltern wussten, dass es schwer krank war und nicht überleben würde. Doch der größte Wunsch der Mutter war, ihr Kind einmal in den Arm nehmen zu können. Sagte sie. Also setzte sie die Schwangerschaft fort. Die Eltern waren nicht religiös. Schon gar nicht in einem konfessionellen Sinn. Aber von ihrer Geschichte habe ich unglaublich viel über Solidarität, Hoffnung und Trost, kurz: über Gott erfahren. Sie kam mir in den Sinn, als ich in dieses Tagen über die wieder gestiegenen Austrittszahlen der Kirchen nachdachte.

Kirche ist relativ zu allen anderen. Das ist es, wofür sie da ist. Ihr Evangelium gehört allen Menschen. Der Theologe Hans-Joachim Sander hat es so beschrieben: "Aus der societas perfecta wird das Volk Gottes. Es ist ein Volk aus Völkern, und zu ihm sind alle Menschen berufen, ganz unabhängig davon, ob sie getauft sind oder nicht, gläubig sind oder nicht, die Kirche wertschätzen oder nicht." Und auch Gott gehöre grundsätzlich allen Menschen, schrieb er, und wer ihn vorstelle oder anspreche, aber nicht alle Menschen im Blick habe, spreche nicht vom christlichen Gott. "Ohne die Lebensfragen der anderen kein Zugang zu Gott und ohne Gott kein Zugang zu den heutigen Menschen." Ihre Lebensfragen seien das, was das Konzil die Zeichen der Zeit nenne.

Ich mache die Erfahrung, dass Gott oft schon da ist, wenn ich irgendwo hinkomme. Es gibt mehr Orte der Gottesnähe, als Kirchenvertreter wie ich mitunter für möglich halten. Sander nennt sie "Andersorte". Dort bin ich dann nicht der exklusive Heilsträger. Sondern der, der verblüfft und dankbar ist, wenn er mit anderen das Heilsame entdecken darf. Das schon längst da ist.

Wir standen auf dem Grabhügel. Die Sonne schien. Wir summten mit kaum vorhandenen Stimmen ein Lied. Die Tapferkeit der Menschen war gewaltig. Die Eltern hielten die Hände.

Wenn Menschen die Kirchen verlassen ist das nicht gut. Gottes Heilsgeschichte aber geht weiter. An Andersorten, die niemand für möglich hält. Außer Gott selbst.

Von Peter Otten

Der Autor

Peter Otten ist Pastoralreferent in der Pfarrgemeinde St. Agnes in Köln. Seit einigen Jahren bloggt er unter www.theosalon.de.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.