Keiner werde abgewiesen: Ein US-Hilfswerk für beschuldigte Priester
Das umstrittene "Opus Bono Sacerdotii"

Keiner werde abgewiesen: Ein US-Hilfswerk für beschuldigte Priester

Sie wollten Geistliche "aus der Schusslinie" holen: Das "Opus Bono Sacerdotii" setzte sich zwei Jahrzehnte lang im Verborgenen für Priester ein, denen Missbrauch zur Last gelegt wurde. Ausgerechnet die Tochter des Gründers erhebt schwere Vorwürfe.

Von Thomas Spang (KNA) |  Detroit - 03.08.2019

Das ganz in Weiß gekleidete Kommunionmädchen lächelt schüchtern in die Kamera, während Komlan Dem Houndjame seine Arme um sie ausgebreitet hat. Der Priester der Assumption Grotto in Detroit ist kein Unbekannter für die zehnjährige Mary Rose. Er ging im Haus der Eltern ein und aus. Ihr Vater Joe Maher hatte den Westafrikaner in seine Obhut genommen, als die Polizei 2002 Anklage wegen Vergewaltigung erhob. Die Vorwürfe stammten von einer 48-jährigen Frau, die im Chor der Gemeinde sang.

Während das zuständige Erzbistum Detroit Houndjame aufforderte, in seine Heimat zurückzukehren, engagierte sich Maher als dessen Sprecher. Er fand einen Rechtsbeistand, der dem Priester half, aus Mangel an Beweisen freigesprochen zu werden. Vor Gericht stand Wort gegen Wort. Die Indizien hatten Houndjame freilich schwer belastet. Wegen sexueller Übergriffe musste der Priester schon zuvor einen Posten in Florida räumen. Zudem gab es in Detroit Anschuldigungen zweier weiterer Frauen. Warum sie nicht vor Gericht gehört wurden, ist unklar.

Sicher aber ist, dass der Togolese in Pfarrer Eduard Perrone einen einflussreichen Förderer hatte. Der erzkonservative Perrone hatte ihn in die Gemeinde geholt, ebenso einen anderen Priester aus Texas, der später den Missbrauch von 50 Kindern eingestand. Joe Maher fühlte sich Perrone in dem Anliegen verbunden, verdächtigten Priestern zu helfen. Und Houndjame war sein erster Fall.

Nach dem Freispruch stand das Telefon nicht mehr still. Hilfsanfragen trudelten reihenweise ein. Dies war Anlass für Maher, zusammen mit Mitstreiter Peter Ferrara ein Hilfswerk zu gründen: "Opus Bono Sacerdotii" (Werk zum Wohl des Priestertums, OBS). Das Motto der Organisation: "Kein Priester wird abgewiesen."

Zwischen 2002 und 2016 warben die beiden Gründer mehr als acht Millionen Dollar an Spendengeldern ein. Anfangs setzten sie das Geld dafür ein, beschuldigte Priester aus der Schusslinie zu nehmen. Sie holten sie buchstäblich nachts ab und brachten sie bei Adressen im ländlichen Michigan unter. Geld floss auch in Rechtshilfefonds zur Verteidigung von Geistlichen, die wegen sexueller Übergriffe und Kindesmissbrauch in Verdacht geraten waren. Einige der Beschuldigten fanden Jobs bei der schnell wachsenden Organisation selbst.

Der us-amerikanische Kardinal Raymond Leo Burke.
Bild: © KNA

Im Werbematerial des OBS finden sich auch Bilder prominenter Kirchenführer, wie dem US-amerikanischen Kardinal Raymond Leo Burke.

Unbeobachtet von der Öffentlichkeit bauten Maher und Ferrara ein Netzwerk auf, das unscheinbare Dörfer in Michigan mit einzelnen Kirchenführern in den USA und Prälaten im Vatikan verband, ohne eine formale Beziehung herzustellen. In Werbematerial des "Opus Bono" heißt es, die Organisation habe über die Jahre 8.000 Priestern geholfen. Darin sind auch Bilder prominenter Kirchenführer, wie dem konservativen US-Kardinal Raymond Burke, dem 2014 gestorbenen Kardinal Edmund Szoka und dem früheren Erzbischof von Baltimore Edwin O'Brien zu sehen. Letzterer half dem "Opus" mit Spenden.

Einer der ersten Unterstützer war der Priester John Neuhaus, eine der profiliertesten Stimmen der konservativen US-Katholiken. "Mehr Macht für euch", feuerte Neuhaus in einem Schreiben von 2002 an. "Die Forderung, dass eine Person 'bestraft werden muss', egal wie lange der Übergriff oder Reue und Wandel des Täters zurückliegen, ist nicht mehr als eine Form der Rache."

Mary Rose Maher, die mittlerweile erwachsene Tochter des OBS-Mitbegründers Joe Maher, hält diese Sichtweise heute für unerträglich. 2017 erstattete sie Strafanzeige gegen die Organisation ihres Vaters, wegen Veruntreuung von Spendengeldern. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen mündeten in einem Vergleich, der die gesamte Führung des "Opus Bono Sacerdotii" zum Rücktritt zwang.

Unabhängig davon bat das Erzbistum Detroit den Vatikan zu prüfen, was an Vorwürfen dran sei, dass Pfarrer Perrone, der Maher zur Gründung der Organisation motiviert hatte, sich selbst an einem Minderjährigen vergriffen haben soll. Mary Rose Maher leistet unterdessen "Wiedergutmachung" für die Arbeit ihres Vaters. Sie startete ihrerseits eine eigene gemeinnützige Organisation, die Betroffenen von Missbrauch und sexuellen Übergriffen durch Kleriker helfen will.

Von Thomas Spang (KNA)

Linktipp: Missbrauch

2010 wurde erstmals eine größere Zahl von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche in Deutschland bekannt. Seitdem bemüht sich die Kirche um eine Aufarbeitung der Geschehnisse. Bei ihrer Vollversammlung veröffentlichen die deutschen Bischöfe am 25. September 2018 eine Studie, die die Missbrauchsfälle im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz zwischen 1946 und 2014 dokumentiert.