Der frühere Erzbischof von Washington, Kardinal Theodore McCarrick.
Nachrichtenagentur veröffentlicht Briefe des Ex-Kardinals an Opfer

Expertinnen: McCarrick bahnte sexuelle Kontakte gezielt an

Wegen sexuellen Missbrauchs wurde der US-amerikanische Ex-Kardinal Theodore McCarrick aus dem Klerikerstand entlassen. Zwei Präventionsexpertinnen haben nun Briefe an drei seiner Opfer untersucht – und dabei ein ganz bestimmtes Verhaltensmuster festgestellt.

New York - 07.08.2019

Die Nachrichtenagentur AP hat Briefe des wegen Missbrauchs aus dem Klerikerstand entlassenen Ex-Kardinals Theodore McCarrick an drei seiner Opfer veröffentlicht und sie von zwei Präventionsexpertinnen analysieren lassen. Diese haben darin Anzeichen des sogenannten Grooming festgestellt, heißt es in dem am Dienstag veröffentlichten Bericht. Das bedeutet, McCarrick habe gezielt versucht, sexuelle Kontakte anzubahnen. Die Korrespondenz sei "voller Schmeichelei, Vertrautheit und Prahlerei wegen seiner Macht". Sie sei ein Zeugnis dafür, "wie ein Bischof, der um die Welt reist, junge, verletzliche Männer dazu brachte, sich besonders zu fühlen – und sie dann mutmaßlich ausnutzte".

Das erste Schreiben, das AP zitiert, ist eine Postkarte aus dem Jahr 1970. "Es wird Zeit, dass du mich mal wieder besuchst", schrieb McCarrick damals an den Jugendlichen James Grein, den er seit dessen elftem Lebensjahr bei verschiedenen Anlässen, unter anderem während der Beichte, missbrauchte. "Ich werde demnächst bei dir zu Hause anrufen, um das in die Wege zu leiten", heißt es weiter in der Postkarte. Diese legte McCarrick einem Brief an die Familie bei, mit der er eng befreundet war. "Das in einer Postkarte zu schreiben soll heißen: 'Ich habe nichts zu verstecken'", sagt Monica Applewhite, eine der Präventionsexpertinnen.

Erinnerung an besondere Privilegien

In einem weiteren zitierten Brief aus dem Jahr 1987 berichtete McCarrick einem Seminaristen aus seiner ehemaligen Diözese Metuchen (New Jersey) von seinen Reisen nach Polen und Russland. Kurz zuvor war er zum Erzbischof Newark ernannt worden. Später in jenem Jahr berichtete McCarrick dem jungen Mann, wie er Johannes Paul II. bei seiner Amerika-Reise begleitete. "Das sollte ihn an McCarricks Machtposition und dessen Zugang zu allen besonderen Privilegien erinnern", sagt Elizabeth Jeglic, die andere im Bericht genannte Expertin. "Wenn du bei mir bleibst, bekommst auch du diesen Zugang", laute der Subtext dieser Nachricht.

Der Seminarist, der im Bericht anonym bleibt, soll später an einen anderen Bischof geschrieben haben. Dabei habe er erzählt, dass er gesehen habe, wie sich McCarrick und einige angehende Priester bei einem Angelausflug "sexuell betätigten". Zudem habe er geschildert, wie McCarrick ihn bei einer Übernachtung in seinem Apartment in Manhattan unsittlich berührte. Kurz nach diesem Vorfall schrieb ihm McCarrick: "Ich möchte mich nur für dein Kommen am Freitagabend bedanken. Ich habe unser Treffen wirklich genossen." In acht folgenden Briefen drängte er den Seminaristen zu weiteren privaten Besuchen.

Die US-Opfervereinigung SNAP (Survivors Network of those Abused by Priests) hat die Veröffentlichung der Briefe begrüßt. Man hoffe, dass sie "sowohl zur Heilung der Opfer als auch zu neuen Möglichkeiten für Eltern und die Öffentlichkeit führt, sich über das Thema Grooming zu informieren", heißt es in einer Stellungnahme.

McCarrick soll zwischen 1970 und 1990 Priesteramtskandidaten zum Sex verführt und mindestens zwei Minderjährige missbraucht haben. 2018 wurde er wegen der Vorwürfe vom priesterlichen Dienst suspendiert und trat aus dem Kardinalskollegium zurück. Im Februar gab der Heilige Stuhl McCarricks Entlassung aus dem Klerikerstand bekannt. Er lebt inzwischen zurückgezogen in einem Franziskanerkloster in Kansas. Der Vatikan gab im Oktober 2018 bekannt, dass Papst Franziskus eine Überprüfung aller Akten des Heiligen Stuhls bezüglich der Vorwürfe gegen McCarrick angeordnet. Die Ergebnisse wurden bislang noch nicht veröffentlicht. (mal)

7. August 2019, 15.33 Uhr: ergänzt um die Stellungnahme der Opfervereinigung SNAP. (mal)