Franziskus spricht von drohender Auflösung des Kontinents

Papst warnt vor Krieg in Europa – Lob für Wahl von der Leyens

Aktualisiert am 09.08.2019  –  Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Papst Franziskus ist in großer Sorge: Das Kirchenoberhaupt spricht über neue Kriege in Europa und sogar die "Auflösung" des alten Kontinents. Immer öfter fühle er sich an die Nazizeit erinnert.

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Papst Franziskus hat eindringlich vor einer Auflösung Europas und neuen Kriegen gewarnt. "Europa kann und darf sich nicht auflösen", sagte das katholische Kirchenoberhaupt in einem Interview mit der Turiner Zeitung "La Stampa" (Freitag). Die Vision der Gründerväter habe Bestand gehabt, weil sie eine Verwirklichung der Einheit des Kontinents sei.

Zufrieden äußerte sich Franziskus über die Wahl Ursula von der Leyens zur neuen EU-Kommissionspräsidentin. "Eine Frau kann geeignet sein, die Kräfte der Gründerväter wiederzubeleben", so der Papst, "Frauen haben die Fähigkeit zu verbinden, zu einen."

"Man hört Reden, die denen von Hitler 1934 ähneln"

Kritisch äußerte sich das Kirchenoberhaupt über neu aufkommende souveräne Alleingänge. "Ich bin in Sorge, weil man Reden hört, die denen von Hitler 1934 ähneln: 'Zuerst wir. Wir ..., wir ...' - das ist ein Denken, das Angst macht", sagte Franziskus. Natürlich müsse ein Land souverän sein, es dürfe sich aber nicht isolieren. "Der Souveränismus ist eine Übertreibung, die immer schlecht endet: Sie führt zum Krieg."

Zu den großen Aufgaben Europas gehöre jetzt der ernsthafte Dialog. Dabei müsse der Leitgedanke sein: "Zuerst Europa, dann jeder von uns." Letzteres sei keineswegs unwichtig, aber Vorrang habe Europa. Derzeit seien aber nur Monologe über Kompromisse zu hören, es fehle die Kunst einander zuzuhören.

Zur Rolle nationaler und kultureller Identitäten in Europa verwies der Papst auf den ökumenischen Dialog. Auch dieser müsse immer erst von der eigenen konfessionellen Identität ausgehen. Identität dürfe nicht verhandelbar, müsse aber integrierbar sein. Das Problem sei, dass man sich in der eigenen Identität verschließe und sich nicht öffne. "Identität ist ein Reichtum - kulturell, national, geschichtlich, künstlerisch - jedes Land hat seine eigene", so Franziskus. All das aber müsse im Dialog eingebracht und integriert werden.

Der Papst äußerte sich zudem zur für Oktober geplanten Amazonas-Synode. Diese hat nach Aussage von Franziskus weltweit große Bedeutung und Dringlichkeit. Das Amazonas-Gebiet sei eine entscheidende Region, nicht nur weil von dort ein Großteil des weltweiten Sauerstoffs stamme. Die Frage, ob die im Vorfeld oft genannten "viri probati" - ältere verheiratete Männer, die zu Priestern geweiht würden - ein wichtiges Thema seien, verneinte der Papst: "Absolut nicht." Dies sei "nur eine Nummer" im Arbeitsdokument der Synode. "Wichtig werden die Dienste der Evangelisierung sein und die verschiedenen Arten zu evangelisieren", also die christliche Botschaft zu verkünden und zu leben, betonte Franziskus. (tmg/KNA)

9.8., 12:05 Uhr: Ergänzt um Absatz 6.