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Der Fall Tönnies: Gegen die Banalisierung von Rassismus

Diese Woche will sich die Ethik-Kommission des DFB mit den umstrittenen Äußerungen von Clemens Tönnies befassen. Michael Böhnke befürchtet, dass auch dieses Gremium keine Stellung beziehen wird. Dabei wäre ein klares Zeichen dringend geboten.

Von Michael Böhnke |  Bonn - 12.08.2019

Am 15. August wird sich die vierköpfige Ethik-Kommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) unter dem Vorsitz des ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider mit dem Fall Tönnies befassen. Aufgabe der Ethik-Kommission des DFB ist die Überwachung des Ethik-Kodex des Fußball-Bundes. Dort heißt es: "Rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen sowie gewalttätigen, diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen treten wir entschieden entgegen."

Bereits in der letzten Woche hat der Ehrenrat des FC Schalke 04 den Fall beraten. "Das Gremium ist nach mehrstündiger Sitzung zu dem Ergebnis gelangt, dass der gegen den Aufsichtsratsvorsitzenden des S04, Clemens Tönnies, erhobene Vorwurf des Rassismus unbegründet ist", teilte der Verein im Anschluss mit. Allerdings habe Clemens Tönnies gegen das Diskriminierungsverbot verstoßen. Medienberichten zufolge hat Tönnies, der sich für seine rassistischen und diskriminierenden Aussagen vom 1. August bereits am Tag darauf entschuldigt hat, von sich aus erklärt, sein Amt als Aufsichtsrat für drei Monaten ruhen zu lassen. Danach werde er seine Tätigkeit wiederaufnehmen.

Heilt die Zeit die aufgerissenen Wunden? Nein! Nicht in diesem Fall! Denn aktiver Einsatz gegen Rassismus und gegen Diskriminierung sieht anders aus. Es geht nicht nur um den Verstoß gegen Verbote. Es geht um das Unterlassen des Gebotenen. Der Ehrenrat hätte das entschiedener formulieren müssen.

Es ist zu befürchten, dass sich die Ethik-Kommission des DFB ähnlich verhält; sich für nicht zuständig erklärt und damit ebenso wie der Ehrenrat von Schalke zur Banalisierung von rassistischen und diskriminierenden Aussagen beiträgt. Formalrechtlich mag das nicht anders gehen. Die Wirkung jedoch, sie wäre verheerend. Die Ethik-Kommission sollte sich entschieden zugunsten des Gebotenen positionieren. Sie sollte das Präsidium des DFB auffordern, sich eindeutig von den Aussagen des Schalkers zu distanzieren. Das wäre das Mindeste, um eine weitere Banalisierung von rassistischen und diskriminierenden Aussagen zu verhindern. Und das scheint mir angesichts der Grenzverschiebungen in diesem Bereich mehr als notwendig zu sein.

Von Michael Böhnke

Der Autor

Michael Böhnke ist Professor für systematische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Außerdem ist er Ethik-Beauftragter des Deutschen Leichtathletikverbands.

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