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Hilfe in Lebensgefahr ist Pflicht – auch für Flüchtlinge!

Bereits seit mehreren Jahren fliehen afrikanische Migranten nach Europa. Dabei begeben sie sich auf dem Mittelmeer in Lebensgefahr. Thomas Winkel erinnert daran, dass auch Flüchtlinge ein Recht auf Hilfe in Not haben.

Von Thomas Winkel |  Bonn - 30.08.2019

Hilfe für Menschen in Lebensgefahr ist Pflicht, ohne Wenn und Aber. Das gilt auch, wenn jemand sich oder andere fahrlässig (oder sogar bewusst) in eine Notlage gebracht hat: also trotz Lawinenwarnung im Tiefschnee, mit Flipflops auf der Gipfeltour, sprungbereit auf der Brücke. Und auch wer im überfüllten, seeuntauglichen Plastikboot in Seenot kommt, hat ein Recht auf Not-Hilfe. Schlimm, dass das nicht mehr überall selbstverständlich zu sein scheint – in einer Woche wie dieser mit neuen toten Migranten im Mittelmeer.

So weit, so schlecht. Notrettung ist ähnlich wie Erste Hilfe nur der erste Schritt. Das sagt schon der Name. Wenn sich nicht eine ewige Wiederkehr des Gleichen abspielen soll, müssen weitere Schritte folgen: Versorgung und Vorbeugung, Information und Aufklärung. Dazu können auch konkrete Maßnahmen zählen, etwa damit man eben nicht mehr ohne Weiteres auf ein Brückengeländer klettern kann. Und beim Thema Seenotrettung zählt dazu auch, skrupellosen Schleusern ihr lukratives Handwerk zu legen.

In politischen Statements taucht diese Forderung fast regelmäßig auf. Geschehen aber ist in den Transitländern, die keineswegs alle lupenreine Demokratien sind, bisher nicht viel. Und mancher Seenotretter wäre noch glaubwürdiger, wenn er auch die Rolle der Schlepper hinterfragte – ganz unabhängig von der Frage, ob die bereitstehenden Helfer auf dem Meer einen letzten Anreiz bieten für waghalsige Überfahrten. Zur Sicherheit an dieser Stelle nochmal: Hilfe in Lebensgefahr ist Pflicht.

Doch die beiden Themen Notrettung und Schleuserbanden, die hierzulande meist im Fokus stehen, ergeben noch nicht das ganze Bild. Das Drama beginnt früher. Daher gehört die Lage der Flüchtlinge in ihren Herkunftsländern stärker in den Blick – eigentlich der zentrale Punkt: Warum gehen die Menschen dort weg? Sie fliehen vor Krieg, Verfolgung, Armut. Weil sie kaum etwas (zu verlieren) haben und sie in der Heimat keine Zukunft sehen.

Deshalb muss dort der Hebel ansetzen: wirklich fairer Handel (nicht nur etwas Kaffee oder Tee), gute Ausbildung für alle, nachhaltige Entwicklung vor Ort statt Raubbau für den Export – um nur ein paar Stichworte zu nennen. Viele Entwicklungs-Experten haben da übrigens ziemlich fundierte Konzepte, allen voran die kirchlichen Hilfswerke. Jetzt sollten sie erneut auf die Tagesordnung. Zwar ist nach der gestrigen Entscheidung der DFB-Ethiker eine Verbandsklage gegen Schalke-Chef Tönnies wegen seiner dumm-dreisten Afrikasprüche vom Tisch. Aber die wirklichen Probleme warten weiter auf Lösungen – und viele Menschen erst recht.

Von Thomas Winkel

Der Autor

Thomas Winkel ist Chef vom Dienst der Katholischen Nachrichten-Agentur in Bonn.

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