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Standpunkt

Missbrauch: Wer Priester pauschal verdächtigt, hat nichts verstanden

Wer nach der MHG-Studie mit Pauschalverdächtigungen gegen Priester agiert, hat von Missbrauch nichts verstanden, kommentiert Pater Klaus Mertes. Er empfiehlt Priestern eine Selbstvergewisserung.

Von Pater Klaus Mertes |  Bonn - 03.09.2019

pater klaus mertes

In letzter Zeit ist häufig die Klage zu hören, Priester unterlägen spätestens seit der Veröffentlichung der MHG-Missbrauchsstudie einem Pauschalverdacht. Ich bin etwas vorsichtiger mit dieser Behauptung. Zwar habe auch ich erlebt, wie es ist, auf der Straße oder in E-Mails wegen des Missbrauchs unflätig beschimpft, persönlich verdächtigt oder gar verleumdet zu werden; und zweifellos gibt es einen trittbrettfahrenden Teil in der Öffentlichkeit, der Missbrauch durch Kleriker nutzt, um eigene antiklerikale Affekte auszuleben. Aber den Teil kriegt man nicht durch Gegenpropaganda oder Klagen in den Griff. Im Gegenteil: Man gibt ihm durch Gegenpropaganda Futter. Er labt sich an den Schmerzen, die er verursacht – und missbraucht den Missbrauch, um weitere Wunden zu schlagen, die zugleich den Klerus in die Versuchung führen, sich mehr mit den eigenen Schmerzen als mit den Schmerzen der Opfer zu befassen.

Was hilft, ist Selbstvergewisserung. Erstens: Pauschalverdächtigungen sind Ausdruck eines allgemeinen Vertrauensverlustes – mehr nicht. Ich brauche mich deswegen nicht selbst gleich mit unter Verdacht stellen. Zweitens: Eine Kultur größerer Achtsamkeit und Wachsamkeit bei der Ausübung von Leitungsämtern und pastoralen Diensten ist ein Gewinn der Missbrauchsdebatte und hat nichts mit Pauschalverdächtigung zu tun. Drittens: Leute, die andere Berufsgruppen pauschal verdächtigen (Priester, Pädagogen, Eltern, Ärzte, Psychologen, Regisseure), haben nichts von Missbrauch verstanden und beteiligen sich, ohne zu begreifen, was sie tun (was die Sache noch schlimmer macht) durch Pauschalverdächtigung an einer negativen Kultur der Unachtsamkeit und Unaufmerksamkeit.

Vor einigen Monaten fand in einer Redaktionssitzung eines größeren Fernsehsenders eine Debatte über einen Starregisseur statt, der als übler Täter an abhängigen Frauen und Mädchen aufgeflogen war. Eine mit mir befreundete Journalistin erzählte mir im Vertrauen – sie hat mir jetzt erlaubt, die Geschichte anonymisiert weiter zu erzählen –, sie habe bei der Sitzung die Kollegen gefragt: "Hört mal! Ihr habt den Typ doch alle jahrelang gekannt und eng mit ihm zusammengearbeitet. Habt ihr nichts bemerkt, nichts gewusst?" Antwort: Schweigen, Abwehr, Verharmlosung, Unschuldsbeteuerungen. Nach der Sitzung rief sie bei mir an und sagte: "Meine Redaktion - die übrigens viel und sehr kritisch über Missbrauch in der Kirche berichtet hat – ist in der Aufarbeitung von Missbrauch bei sich selbst ungefähr so weit wie die katholische Kirche 2010." Meine Lehre daraus: Wenn ihr über Missbrauch sprecht, dann nehmt euch immer selbst mit in den Blick. Wer mit Pauschalverdächtigungen agiert, hat nichts von Missbrauch verstanden, und je aggressiver die Pauschalverdächtigungen daherkommen, um so mehr läuten bei mir die Alarmglocken: Was wird da verborgen?

Von Pater Klaus Mertes

Der Autor

Der Jesuit Klaus Mertes ist Direktor des katholischen Kolleg St. Blasien im Schwarzwald.

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