Welche Zukunft hat die Kirche in Ostdeutschland?
"Kleiner Katholikentag" der ostdeutschen Bistümer in Magdeburg

Welche Zukunft hat die Kirche in Ostdeutschland?

Welche Möglichkeiten hat die Kirche in Ostdeutschland, als Minderheit in einem weitgehend säkularen Umfeld den Weg der Nachfolge Jesu Christi zu gehen? Mit Zukunftsfragen dieser Art beschäftigt sich ab Donnerstag in Magdeburg "die pastorale!", ein viertägiger Kongress der ostdeutschen Bistümer.

Von Steffen Zimmermann |  Magdeburg - 18.09.2019

Wenn der Magdeburger Bischof Gerhard Feige darüber spricht, welche Rolle die kleine Gruppe der Katholiken in der Diaspora Ostdeutschlands einnehmen kann, verwendet er gern den Begriff der "schöpferischen Minderheit". Als solche, so hat es Feige unter anderem in seinem jüngst erschienenen Buch "Anders katholisch" erklärt, sollten sich die Katholiken aktiv in die säkulare Gesellschaft zwischen Ostsee und Erzgebirge einbringen und in ökumenischem Geist "vielfältig und lebendig das Evangelium" bezeugen.

Doch wie kann dieses aktive Einbringen konkret aussehen? Oder anders gefragt: Welche Möglichkeiten hat eine Kirche, die als Minderheit in einem weitgehend säkularen und konfessionslosen Umfeld den Weg der Nachfolge Jesu Christi geht? In welchen Formen gestaltet sich christliches Leben und Zeugnis im Osten Deutschlands? Und wie kann sich Kirche im Wissen um ihre eigenen Möglichkeiten und Begrenzungen ihrer Sendung vergewissern und diese mit Leben füllen?

Mischung aus Fachmesse, Ideenbörse, Workshop und Tagung

Um diese und weitere große Fragen soll es ab Donnerstag bei der "pastorale!" in Magdeburg gehen. Die viertägige Veranstaltung ist so etwas wie ein "kleiner Katholikentag" der ostdeutschen Bistümer und weiterer katholischer Einrichtungen. Aufbauend auf zwei Vorgängerveranstaltungen in den Jahren 2006 und 2009 will die "pastorale!" laut den Organisatoren als "Mischung aus Fachmesse, Ideenbörse, Workshop und Tagung" die Vielfalt des kirchlichen Lebens im Osten der Bundesrepublik präsentieren. Und gleichzeitig soll sich das Treffen eben mit der Herausforderung der mehrheitlich säkularen Gesellschaft für den christlichen Glauben auseinandersetzen.

Gerhard Feige im Porträt
Bild: © KNA

Gerhard Feige ist Bischof von Magdeburg und Gastgeber der "pastorale!"

"Wir leben in einer Region, in der es für die Mehrheit der Menschen 'normal' ist, sich als areligiös zu verstehen", beschreibt Feige als Gastgeber der "pastorale!" die Lebenswirklichkeit in den ostdeutschen Bistümern. Seit der Wiedervereinigung sei es noch normaler geworden, keiner Kirche anzugehören. "Man muss das nicht rechtfertigen. Es ist gesellschaftlich legitimiert", so der Oberhirte. Gleichwohl hält Feige die extreme Diasporasituation nicht für einen Unglücksfall der Kirchengeschichte. Die Christen im Osten könnten trotzdem "durchaus segensreich wirken", ist er überzeugt. In diesem Sinne erhoffe sich von der „pastorale!“ eine Bestärkung, "dass wir als Christinnen und Christen auch auf Zukunft hin gute Formen finden, um Gott und den Menschen auf ihren Wegen in einer für unsere Region passenden und angemessenen Weise zu dienen".

Diesen Ball nimmt gleich zum Auftakt der "pastorale!" am Donnerstagvormittag der emeritierte Erfurter Philosophieprofessor Eberhard Tiefensee auf. Bei seinem Eröffnungsvortrag spricht der 66-jährige Priester zum Thema "Umänderung der Denkart – Mission angesichts forcierter Säkularität". Ostdeutschland, so heißt es im Programmheft der Tagung, sei bis heute durch die kulturelle westeuropäische Säkularisierung und durch politische Entwicklungen zwischen 1933 und 1989 geprägt. Angesichts der eher dürftigen Erfolge missionarischer Bemühungen in Ost und West müsse darüber nachgedacht werden, ob nicht der Heilige Geist eine Umänderung der Denkart verlange. Tiefensee, der den Umgang mit Religionslosen schon als "Ökumene der dritten Art" bezeichnet hat, will in seinem Vortrag untersuchen, wie diese Umkehr aussehen könnte.

Wie kann man so von Gott sprechen, dass Nicht-Religiöse es begrüßen?

In eine ähnliche Richtung zielt der Bochumer Pastoraltheologe Matthias Sellmann. Bei seinem Vortrag am Donnerstagnachmittag fragt er: "Wie kann man so von Gott sprechen, dass Nicht-Religiöse es begrüßen?" Die Verlegenheit, den christlichen Glauben in die richtige Sprache zu bringen, sei groß, heißt es erläuternd im Programmheft. Für viele Beobachter sei die Überwindung dieser Sprachnot sogar die wichtigste Bedingung dafür, dass die Kirchen weiterhin eine wichtige Rolle für modernes Zusammenleben spielen könnten. Sellmann stellt vor diesem Hintergrund die Frage, wie die Kirche sprachlich "auf der Höhe der Pluralität der modernen Gesellschaft" sein und bleiben kann.

Anders Arborelius im Porträt
Bild: © KNA

Nimmt auch an der "pastorale!" teil: Der schweische Kardinal Anders Arborelius.

Neben den großen Vorträgen bietet die "pastorale!" den Teilnehmern eine Fülle von rund 100 weiteren Veranstaltungen. Das Spektrum reicht dabei von Best-practice-Beispielen aus dem pastoralen Alltag Ostdeutschlands über Workshops zu Themen wie "Schulseelsorge auf neuen Wegen", "Erstkommunion – was nun?" oder "Trauerbegleitung mit konfessionslosen Menschen" bis hin zu Podiumsdiskussionen zu aktuellen Debatten wie der Rolle der Frau in der Kirche. Daneben bietet die "pastorale!" auch ein Kulturprogramm mit Konzerten und Stadtführungen sowie Gottesdienste, Anbetungen, Morgenimpulse und Nachtgebete. Die beiden wichtigsten Gottesdienste des Treffens sind am Donnerstagabend ein Pontifikalamt mit allen Bischöfen der ostdeutschen Diözesen sowie zum Abschluss am Sonntagmorgen eine Eucharistiefeier, bei der der Stockholmer Kardinal Anders Arborelius predigen wird.

Die Veranstalter erhoffen sich von dem Treffen, an dem überwiegend kirchliche Haupt- und Ehrenamtliche aus den beteiligten Bistümern teilnehmen, einen "großen Erfahrungsaustausch rund um kirchliches Leben in den ostdeutschen Bistümern". Die Resonanz auf die "pastorale!" habe schon im Vorfeld die Erwartungen übertroffen; die ersten beiden Tage sind nach Angaben der Organisatoren mit jeweils rund 500 Teilnehmern ausverkauft. Die "schöpferische Minderheit" scheint also – wenn man das Interesse an der Veranstaltung so deuten kann – entschlossen, sich für ihr Hineinwirken in die säkulare Gesellschaft rüsten zu wollen.

Von Steffen Zimmermann

Linktipp

Weitere Informationen zur "pastorale", unter anderem auch das Programm mit allen Veranstaltungen, finden Sie auf der Internetseite der Tagung.