Zwei Menschen halten ein Plakat mit der Aufschrit deutschchristliche Gottesdienstfeier
Ausstellung in Eisenacher Lutherhaus

Als das Neue Testament "entjudet" wurde

Das "Entjudungsinstitut", gegründet 1939 von elf Landeskirchen, zählt zu den unrühmlichsten Kapiteln evangelischer Kirchengeschichte. Eine neue Ausstellung im Eisenacher Lutherhaus warnt auch vor neuem Antisemitismus.

Von Karin Wollschläger (KNA) |  Eisenach - 29.09.2019

Der antisemitische Irrwitz ist leicht zu fassen: 200.000 gedruckte Exemplare einer "entjudeten" Ausgabe des Neuen Testaments, ein Katechismus mit Jesus als "Arier" und eine Gesangbuch-Ausgabe, in der Worte wie Jerusalem oder Zion getilgt und hebräische Formeln wie Amen oder Halleluja durchgängig durch "Das walte Gott" oder "Lobe den Herrn" ersetzt sind. Das von elf evangelischen Landeskirchen am 6. Mai 1939 auf der Wartburg gegründete "Entjudungsinstitut" setzte mit seinen Publikationen eindeutig auf Breitenwirkung.

Auch Kirchen vor radikalen Ideologien nicht gefeit

Eine neue Sonderausstellung "Erforschung und Beseitigung. Das kirchliche 'Entjudungsinstitut' 1939-1945" im Eisenacher Lutherhaus will einerseits zur Aufarbeitung beitragen, andererseits einen Bogen in die Gegenwart schlagen: Sie falle in einer Zeit, "in der Pseudowissenschaften und Rassenhass wieder auf dem Vormarsch sind", erklärt Lutherhaus-Leiter Jochen Birkenmeier. "Gerade deshalb ist es heute wichtig, daran zu erinnern, dass die giftige Mischung aus Verschwörungstheorien, Antisemitismus und Nationalismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schon einmal furchtbare Folgen hatte." Dass auch die Kirchen vor den Lockungen radikaler Ideologien nicht gefeit seien, zeige sich am Beispiel des Instituts "in eindringlicher Weise". Der Schau gehe es deshalb auch um Einsichten für Gegenwart und Zukunft.

Die kompakte Ausstellung gliedert sich in vier Teile. Zunächst werden die Vorgeschichte und ideologischen Wurzeln aufgezeigt. So ist der Begriff "Entjudung" keine Erfindung der Nationalsozialisten. Er lässt sich im Deutschen erstmals 1784 nachweisen und meinte zunächst die Anpassung und Assimilation der jüdischen Minderheit, erklärt die Ausstellung. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte er sich zum politischen, antisemitischen Kampfbegriff, der Juden als Angehörige einer "minderwertigen Rasse" einstufte, die aus der Gesellschaft entfernt werden sollte.

Das Lutherhaus in Eisenbach.

Das Lutherhaus in Eisenbach.

Die Strömung der "Deutschen Christen" verstand sich als treue Nationalsozialisten. Sie versuchten den christlichen Glauben so umzudeuten, dass er mit völkischem Denken vereinbar war. Ihr radikaler Antisemitismus bildete die geistliche Grundlage für die spätere Institutsgründung. So zeigt der zweite Ausstellungsteil den kirchlichen und gesellschaftspolitischen Kontext, in dem das Institut entstand. Exponate veranschaulichen, wie in den 1930er Jahren protestantische Gemeinden begannen, jüdische Symbole aus den Kirchen zu entfernen und teils durch NS-Sybole zu ersetzen. Erst in jüngster Vergangenheit sorgten die so genannten Nazi-Glocken mit völkischen oder antisemitischen Inschriften für öffentliches Aufsehen, weil sie teils immer noch in Kirchtürmen hängen. Eine davon ist in der Ausstellung zu sehen. Daneben ein Kirchenfenster, das ein Kreuz mit einer "Dornenkrone" aus Hakenkreuzen zeigt.

Die Arbeit des Instituts selbst ist Thema des dritten Ausstellungsteils. Neben den erwähnten Publikationen organisierte das "Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben", so der vollständige Titel, reichsweit Vorträge. Unter den rund 200 Mitarbeitern waren den Kuratoren zufolge auch "eine Hand voll" Katholiken. Sie waren unter Leitung eines ehemaligen Priesters maßgeblich im Instituts-Arbeitskreis "Politischer Katholizismus" aktiv. "Hintergrund war, dass die 'Deutschen Christen' eine überkonfessionelle Nationalkirche gründen wollten", erläutert Kurator Michael Weise.

Aufarbeitung als Tabu-Thema

Der letzte Ausstellungsteil widmet sich der Auflösung des Instituts 1945. Lange war die Aufarbeitung ein Tabu-Thema. "In der DDR gab es sie faktisch nicht, weil sich die Kirche zum einen nicht die Blöße vor dem SED-Staat geben wollte, zum anderen weil ehemalige Mitarbeiter später weiter Karriere machten", sagt Birkenmeier. So unterrichtete Instituts-Direktor Walter Grundmann auch nach 1945 evangelische Theologen. Inzwischen sieht Birkenmeier jedoch einen Bewusstseinswandel: "Die evangelische Kirche stellt sich selbstkritisch diesem Teil ihrer Geschichte und unterstützt die Forschung auch - unsere Erfahrungen sind da sehr positiv."

Von Karin Wollschläger (KNA)