Hanke: So wollen die Bischöfe gemeinsam in die Zukunft gehen
Das Geld wird weniger, die Aufgaben vielfältiger

Hanke: So wollen die Bischöfe gemeinsam in die Zukunft gehen

Der Dachverband der deutschen Diözesen hat sich eine neue Struktur gegeben. Doch die sorgt für Kritik. Wie viele Aufgaben können und sollen die Bistümer zusammen bearbeiten? Das wird ein schwieriger Prozess, sagt Verbandschef Bischof Gregor Maria Hanke im Interview mit katholisch.de.

Von Björn Odendahl und Christoph Paul Hartmann |  Fulda - 14.10.2019

Im Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) haben sich die deutschen Bistümer zusammengeschlossen, um gemeinsame Aufgaben zu erledigen. In einer jüngsten Reform verschlankte der Verband unter anderem seine Gremienstruktur und will dadurch effizienter werden. Gleichzeitig muss gespart werden. Über die Herausforderungen und die Zukunftsperspektive hat katholisch.de mit dem Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke gesprochen, der bislang den beiden Hauptgremien des VDD vorsitzt.

Frage: Herr Bischof, der VDD ist für überdiözesane Aufgaben zuständig, will künftig aber sparen. Wie passt das zu einer Zeit, in der immer mehr Menschen nur noch "die" Kirche wahrnehmen und nicht mehr einzelne Bistümer?

Hanke: Unser Ziel ist es, gemeinsame Aufgaben zu definieren, zu priorisieren und je nach Möglichkeiten der Bistümer zu finanzieren. Dieser Prozess läuft aber nicht einfach von oben nach unten, indem die Bischofkonferenz den Bistümern etwas vorgibt. Da ist eine breitere Partizipation an Verantwortlichkeiten nötig. Wir sind bei einem ersten Sparversuch vor ein paar Jahren kläglich gescheitert, weil auf einmal jeder Fachbereich davon überzeugt war, der wichtigste und unverzichtbarste zu sein. Wir müssen also anders vorgehen und haben die konkreten Aufgaben in den Blick genommen. Was wollen wir gemeinsam tun, was können wir gemeinsam tun? Dementsprechend muss die Finanzkraft des VDD aufgestellt werden. Es ist ganz klar, dass wir in Zukunft noch mehr zusammenarbeiten, weil die einzelnen Bistümer nicht mehr die Ressourcen dazu haben.

Frage: Das heißt, mit der Reform ist auch eine inhaltliche Neuausrichtung verbunden?

Hanke: Diese Reform bietet ein Instrumentarium dafür, dass man künftig Aufgaben priorisieren kann und die Mittel für die Finanzierung hat. Es ging also nicht in erster Linie um Inhalte. Wir haben aber jetzt ein Instrument, das mit pastoralem Sachverstand in die Hände genommen werden muss, um den nächsten Schritt zu tun. Der besteht darin, die gemeinsamen Schnittmengen bei der Lösung von Aufgaben voranzutreiben.

Frage: Was sind denn Ihrer Meinung nach Themen, die verstärkt angegangen werden müssen?

Hanke: Unter anderem die Themen Arbeitsrecht und Datenschutz, aber auch die überdiözesane Medienarbeit der Kirche. Jedes Bistum hat da momentan eine eigene Abteilung und viele Dinge werden doppelt und parallel gemacht. Wird das auch in Zukunft gehen oder wird man sich vielmehr gemeinsam vernetzen und operieren müssen? Hinzu kommen pastorale Fragen – da sind dann aber auch die Kommissionen der Deutschen Bischofskonferenz gefragt. Zu guter Letzt geht es auch um finanzielle Hilfeleistungen der Bistümer untereinander. Es existiert bereits jetzt bei der Finanzkraft der Bistümer ein sehr großes Ungleichgewicht. Damit diese Form der Solidarität gelingen kann, braucht es aber auch Vergleichbarkeit und Transparenz von Zahlen. Da sind wir aber auf einem guten Weg.

Die finanzielle Ausstattung der Bistümer ist sehr unterschiedlich. Das Erzbistum Paderborn etwa zählt zu den wohlhabenden Diözesen.

Frage: Im Hinblick auf den Finanzausgleich der Bistümer werden im Moment neue Regeln verhandelt. Gibt es da schon Ideen?

Hanke: Beim Ausgleich stellt sich die Frage nicht mehr wie früher nur zwischen Ost- und West-Bistümern. Es gibt auch im Westen Diözesen mit einer schwierigen Finanzlage. Solidarität kann in Zukunft also nicht mehr nur in Himmelsrichtungen gedacht werden, sondern zwischen wohlhabenderen und ärmeren Bistümern. Der Weg dorthin ist aber noch weit. Das ist nicht nur eine Frage von Zahlen, es geht um gegenseitiges Vertrauen.

Frage: Haben Sie Hoffnung, dass es am Ende eine Lösung gibt, mit der alle leben können?

Hanke: Die Hoffnung habe ich, aber da muss dran gearbeitet werden und die Bistümer müssen bereit sein, ihre Karten auf den Tisch zu legen. Die Diözesen müssen untereinander verbindlich erklären, welche Aufgaben und Akzentsetzungen wichtig sind. Es kann nicht sein, dass ein Bistum große Summen an Geld ausgibt und am Ende einen Solidarausgleich haben will. Die Bistümer müssen sich also auch inhaltlich stärker transparent und vergleichbarer machen.

Frage: Geht es dann auch um eine inhaltliche Einflussnahme der finanzstarken Bistümer auf ärmere?

Hanke: Vertrauen heißt zu verstehen, was der andere tut. Um dieses Vertrauen herzustellen, gibt es keine Regeln. Das wird ein Prozess und ein Ringen sein, vor allem bei schwindenden Mitteln. Ich gebe da keine Prognose ab, wie das ausgeht. Aber ich bin überzeugt, dass die Strukturreform des VDD zumindest ein Instrumentarium anbietet, dass man solche Horizonte einmal wird angehen können.

Frage: Müsste die Kirche in Deutschland denn auch in pastoralen Fragen häufiger geschlossen auftreten?

Hanke: Auch da muss man schauen, was gemeinsam bewerkstelligt werden kann. Es gibt in den Bistümern ja funktionierende Verantwortungsebenen und Gremien, die nicht einfach entmündigt werden können. Das muss von unten nach oben gehen. Es ist aber die Einsicht gewachsen, in verschiedenen Bereichen enger zusammenzurücken. Ich bin skeptisch, ob wir alles zentral regeln müssen. Aber in Kirchenprovinzen oder Regionen könnten wir mehr gemeinsam machen.

Linktipp

Die Deutsche Bischofskonferenz hat die Zahlen ihrer jährlichen Statistik veröffentlicht. Die alarmierende Nachricht: 2018 verließen mehr als 200.000 Gläubige die Kirche. Es war das Jahr mit den zweitmeisten Kirchenaustritten seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Frage: Im Moment fließen die Kirchensteuermittel noch. Das wird aber irgendwann vorbei sein, wenn man sich die Prognosen anschaut. Was ist dann die Strategie?

Hanke: Unsere Aufgabe müssen Priorisierungen sein. Wir ziehen aktuell sicherlich manches mit, das weniger wichtig geworden ist oder sich erübrigt hat.

Frage: Die Kirchensteuer ist immer wieder mal umstritten. Glauben Sie, dass sie vielleicht in zehn Jahren fällt?

Hanke: Das glaube ich weniger. Aber aufgrund des Rückgangs der Gläubigen durch Kirchenaustritte und die allgemeine demografische Entwicklung wird sie nicht mehr ausreichen, um die vorhandene Infrastruktur zu unterhalten. Da müssen wir uns neu aufstellen oder andere Formen der Kirchenfinanzierung entwickeln – beispielsweise durch einen freiwilligen Beitrag. In Ländern wie den USA spielt Sponsoring eine ganz andere Rolle. Aus steuerrechtlichen Gründen lässt sich das auf Deutschland allerdings nicht übertragen. Es ist also Kreativität gefragt. Wenn ich an den Immobilienbestand meines eigenen Bistums denke, werden wir da ganz nüchtern über eine Senkung nachdenken müssen.

Frage: Sehen Sie die sinkenden Finanzmittel auch als Chance?

Hanke: Ja. Als Bischof werde ich aus Staatsleistungen bezahlt und habe ein festes Einkommen. Mein Bruder hingegen ist Missionar und lebt sehr einfach. Da frage ich mich schon, ob das alles so sein muss oder wir schlicht den Mut und das Vertrauen für einen Weg mit weniger Sicherheiten brauchen.

Frage: Wären die Staatsleistungen da ein erster Schritt, bei dem sich die Kirche für deren Ablösung stark machen sollte?

Hanke: Wir sagen als Kirche, dass wir grundsätzlich zu diesen Ablösegesprächen bereit sind. Der Staat muss auf uns zukommen. Und natürlich ist das intern bei uns ein Thema.

Frage: Sollte die Kirche mehr Druck ausüben?

Hanke: Das ist schwer zu beantworten. Ein Bischof erzählte mir von einer Landesregierung, die die Ablösungsverhandlungen ihrerseits eingestellt hat, weil sie diese Frage als nicht lösbar empfunden hat.

Von Björn Odendahl und Christoph Paul Hartmann