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Ein Plädoyer für die "deutsche Kirche"

Der Begriff der "deutschen Kirche" sorgt bei Konservativen regelmäßig für Schnappatmung. Doch fernab kirchenpolitischer Verschwörungstheorien bietet er durchaus Chancen – etwa mit Blick auf die Seelsorge, meint Björn Odendahl.

Von Björn Odendahl |  Bonn - 10.10.2019

Immer mal wieder sorgt der Begriff der "deutschen Kirche" bei Konservativen für Schnappatmung. Wer ihn benutzt, tut das zwar meist nur, um das doch recht sperrige Konstrukt "Katholische Kirche in Deutschland" zu vermeiden. So mancher Mahner und Wortklauber weist allerdings schnell mit dem erhobenen, theologischen Zeigefinger darauf hin, dass es ja nur die eine römisch-katholische Kirche gibt. Der Begriff "deutsche Kirche" ist für sie lediglich ein Indiz, dass man in Deutschland heimlich an einer Abspaltung von Rom arbeitet.

Lässt man diese kirchenpolitische Verschwörungstheorie aber einmal beiseite, ist der Begriff "deutsche Kirche" für die "Markenbildung" durchaus interessant. Denn die kirchenrechtlich korrekten Termini wie Teil- und Weltkirche, Kirchenprovinzen und Diözesen, Dekanate und Pfarreien sind für die meisten Menschen außerhalb der katholischen Filterblase nur noch böhmische Dörfer. Kein Wunder, dass Evangelisierung nicht mehr gelingt, wenn nicht einmal der Absender der Frohen Botschaft noch klar ist. Da hilft auch kein Klagen über die fehlende kirchliche Sozialisation der Menschen von heute.

Warum also nicht den Spieß umdrehen? Warum nicht die theologischen Ausreden beiseite wischen und daran arbeiten, ein klarer Absender mit einer klaren Botschaft für die Menschen in Deutschland zu werden? Zwar wissen "Fernstehende" nicht mehr, zu welcher Pfarrei oder welchem Bistum sie gehören. Fragen an "die Kirche" haben sie dennoch: Wer kann Taufpate werden? Kann ich meine evangelische Frau in einer katholischen Kirche heiraten? Und wohin fließen eigentlich meine Kirchensteuern? Hier fängt Seelsorge im Kleinen an – und vielleicht ein Prozess, um Menschen wieder mit dem Glauben in Berührung zu bringen.

Doch die Bereitschaft der Bistümer dazu fehlt. Stattdessen beschäftigen sich Gremien, Experten und Referate in den einzelnen Diözesen parallel mit den gleichen Fragen und Herausforderungen. Beim überdiözesanen Engagement wird dagegen seit Jahren eingespart: Dabei wäre eine bessere Zusammenarbeit nicht nur bei immer komplexeren Themen wie Datenschutz und Arbeitsrecht durchaus sinnvoll. Auch eine gemeinsame Marketing- und Seelsorgestrategie, um Menschen außerhalb der altbekannten Strukturen zu erreichen, ist unabdingbar. Nur wenn die Bistümer mehr statt weniger "deutsche Kirche" wagen, haben sie eine Chance.

Von Björn Odendahl

Der Autor

Björn Odendahl ist Chef vom Dienst bei katholisch.de.

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