Priestersegen während des Laubenhüttenfestes
Mehr als Erntedank

Das jüdische Laubhüttenfest: Die Zeit der Freude

Nach den Neujahrsfest Rosch Haschana und dem Fasten zu Jom Kippur neigt sich die Feiertagssaison im Judentum noch lange nicht dem Ende zu. Fünf Tage nach Jom Kippur beginnt das Laubhüttenfest. Katholisch.de stellt die jüdischen Freudentage vor.

Von Valerie Mitwali |  Bonn - 13.10.2019

Der jüdische Festkalender orientiert sich am Mond. Dieses Jahr beginnt das jüdische Laubhüttenfest, auch Sukkot genannt, am Abend des 13. Oktober und dauert bis zum 20. Oktober. An den ersten beiden Tagen (in Israel und in reformierten Diasporagemeinden nur am ersten Tag) soll alle Arbeit ruhen. Als einziger Feiertag ist das Laubhüttenfest mit einem ausdrücklichen Gebot zur Freude verbunden – und aufgrund seiner wechselvollen Geschichte bietet dieser Feiertag gleich mehrere Anlässe dazu.

Ursprünglich stand das Fest in einem landwirtschaftlichen Kontext: Der älteste Beleg findet sich im alttestamentlichen Buch Exodus (hebräisch "Schemot"), wo es als Erntedankfest beschrieben wird (vgl. Ex 23,16). In der jüdischen Tradition gilt allein Gott als der eigentliche Herr des Landes. Darum sollen ausdrücklich auch jene dieses Erntefest feiern, die keine eigenen Felder besitzen – "die Fremden, Waisen und Witwen" (Dtn 16,14). Alle Menschen sollen sich als Beschenkte Gottes begreifen.

In der Zeit des Jerusalemer Tempels war Sukkot auch ein Wallfahrtsfest. Gläubige pilgerten zum Tempel, um ihre Erstlingsgaben abzugeben und Gott für die reiche Ernte zu danken. Die Feierlichkeiten wurden von besonderen Tempelopfern, Prozessionen und Straßenfesten begleitet. Den Abschluss bildete die Bitte um Niederschlag. Im Nahen Osten fällt häufig am Laubhüttenfest der erste Regen nach dem trockenen Sommer.

Die Klagemauer in der Jerusalemer Altstadt ist das "Überbleibsel" vom Tempel.

Im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich Sukkot von einem reinen Erntefest zu einem Fest, das auch die Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk erzählt. Das alttestamentliche Buch Levitikus (hebräisch "Wayiqra") nennt erstmals die 40-jährige Wüstenwanderung der Israeliten als Begründung für das Fest: "Sieben Tage sollt ihr in Hütten wohnen, damit eure kommenden Generationen wissen, dass ich die Israeliten in Hütten wohnen ließ, als ich sie aus Ägypten herausführte" (Lev 23,42f).

Wer heute an jüdischen Häusern vorbeigeht, kann diese Hütten immer noch finden. Gleich nach Ende des Bußtages Jom Kippur beginnen viele Familien mit dem Aufbau ihrer Hütte, die auf Hebräisch "Sukkah" (Plural Sukkot) genannt wird. Sie kann etwa im Garten oder auf dem Flachdach errichtet werden und besteht aus drei Wänden. Das leichte Dach aus Baumästen oder Palmwedeln spendet Schatten, ohne den Blick auf die Sterne ganz zu verdecken.

Essen, beten und lesen in der Sukkah

Gläubige Juden verbringen so viel Zeit wie möglich in ihrer Sukkah – hier essen, beten und lesen sie. Manche schlafen sogar darin. Weil Sukkot ein fröhlicher Anlass sein soll, laden Juden ihre Freunde und Verwandten zu besonderen Festessen in ihre Laubhütte ein. Es sind Tage der Dankbarkeit und der Gemeinschaft.

Zu Sukkot gehört aber auch die Besinnung: Sieben Tage lang verlassen gläubige Juden den Komfort ihrer Wohnung und betrachten ihre Laubhütte als ihr eigentliches Zuhause. Der freiwillige Verzicht soll die Augen für Gottes Gaben öffnen und die Vergänglichkeit materieller Güter in Erinnerung rufen: Denn so provisorisch die Sukkah ist, so schnell kann auch das irdische Leben vorbei sein. "Windhauch" heißt es in dem alttestamentlichen Buch Kohelet, das traditionell am Laubhüttenfest gelesen wird.

Linktipp: Rosch Haschana: Das jüdische Neujahrsfest

Rosch Haschana steht vor der Tür! Noch nie davon gehört? Dabei leitet sich unser Neujahrsgruß "Guten Rutsch" davon ab – vielleicht jedenfalls. Katholisch.de stellt das jüdische Neujahrsfest vor.

Ein besonderes Gebot für das Fest sind die "vier Arten" (hebräisch Arba Minim): eine Zitrusfrucht (Etrog), ein Palmzweig (Lulaw), drei Myrthenzweige (Hadassim) und zwei Weidenzweige (Arawot). Gläubige Juden halten sie eng beieinander, sprechen einen Segen über sie und schütteln sie in alle vier Himmelsrichtungen sowie nach unten und nach oben. Die "vier Arten" repräsentieren die abgeschlossene Ernte. Gleichzeitig sieht die jüdische Tradition in ihnen aber auch ein Symbol für die verschiedenen Persönlichkeiten innerhalb der Gemeinschaft.

Viele jüdische Gemeinden und Organisationen errichten auch besondere Laubhütten, die unter einem eigenen Thema stehen. Besucher werden so eingeladen, spezifische Aspekte des Festes mit aktuellen Fragen der Gegenwart zu verbinden: Das können etwa Themen wie Nachhaltigkeit, interreligiöser Dialog oder soziale Gerechtigkeit sein. Viele nehmen die Erinnerung an die Wüstenwanderung der Israeliten auch als Anlass, um Flucht und Migration zu thematisieren.

Von Valerie Mitwali