Schachfigur
Standpunkt

Prekariat statt Zölibat

Die Diskussionen um den Zölibat zeigen, dass sein prophetisches "Salz" schal geworden ist, findet Pater Nikodemus Schnabel. Doch er hat einen Vorschlag, wie man der priesterlichen Existenz wieder Würze verleihen könnte: Es geht um die Bezahlung.

Von Pater Nikodemus Schnabel |  Bonn - 16.10.2019

Roland Müller, katholisch.de

Der verpflichtende Zölibat als Lebensform für die Diözesanpriester in der katholischen Westkirche steht bei der Amazonas-Synode erneut zur Diskussion. Es scheint, diese Diskussion ist jedoch nichts Amazonas-Spezifisches. Ganz im Gegenteil: In vielen Ländern des Westens werden Diözesanpriester für ihre Lebensform entweder bedauert, belächelt oder verdächtigt. Seit den vielen Missbrauchsfällen beäugen immer mehr diese Lebensform mit größter Skepsis und stellen die Frage, ob der Priesterberuf unter diesen Umständen nicht gerade höchst ungeeignete Personen anziehen könnte. Auf der anderen Seite leiden viele Priester, die sich redlich um diese Lebensform bemühen unter diesem Generalverdacht und spüren, dass ihre Lebensform nicht als das wahrgenommen wird, was sie eigentlich sein will: ein prophetisches Zeichen in dieser Welt, das eschatologisch auf unsere Hoffnung nach diesem irdischen Leben verweist und damit Ausdruck des Ernstfall des Gottvertrauens ist. Anders ausgedrückt: Das prophetische Salz des weltpriesterlichen Zölibats hat offensichtlich in weiten Teilen seine prophetische Würzkraft verloren. 

Ich möchte aber eine große Sorge formulieren, falls die zölibatäre Lebensform der Diözesanpriester im Westen einfach ersatzlos gestrichen würde: Priestersein bedeutet in meinen Augen auch eine disruptive Existenz zum verbürgerlichten Anstandsideal. Die Mönche, von denen die Priester ja den Zölibat übernommen haben, waren die Outdropper und disruptive Avantgarde der Antike. Wenn der Zölibat nicht mehr prophetisch salzt, sollte man vielleicht wieder beim Mönchtum nach einem neuen Salz Ausschau halten?

Die größte Gefahr der Verbürgerlichung droht dem Priester, zumindest im deutschen Sprachraum auch schon heute, sicher durch seine sehr bürgerliche Besoldung. Wie wäre es, wenn Diözesanpriester sich auf ein Gehalt einlassen würden, dass sich an Hartz IV orientiert? Ein Akademiker, der um seines Glaubens und um des Glaubenszeugnisses willen sich ins finanzielle Prekariat einreihen würde, wäre ein prophetisches Salz, dessen Geschmack in unserer westlichen Gesellschaft eine ordentliche Würze hätte!

Von Pater Nikodemus Schnabel

Der Autor

Pater Nikodemus Schnabel OSB ist Benediktinermönch der Dormitio-Abtei in Jerusalem.

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