Wie die Amazonas-Synode die Kirche ein gutes Stück vorangebracht hat
Blog: Aus der Aula der Amazonas-Synode – Teil 8

Wie die Amazonas-Synode die Kirche ein gutes Stück vorangebracht hat

Drei Wochen Amazonas-Synode neigen sich dem Ende zu. Wie hat sie die Kirche und ihre Zukunft schon jetzt verändert? Misereor-Geschäftsführer Pirmin Spiegel berichtet über ein intensives Ringen über den "richtigen" Weg – und dass vor allem die Frauen dem Papst beim "Rudern des Synodenbootes" beistehen wollen.

Von Pirmin Spiegel |  Vatikanstadt - 25.10.2019

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Dass es um sehr viel auf der Amazonas-Synode in Rom gehen wird, haben neue Wege der mehr als zwanzigmonatigen Vorbereitung auf diese Synode gezeigt: ein breiter und engagierter Prozess der Teilnahme indigener Völker und Bewohner in den Regionen Amazoniens selbst, Vorbereitungstreffen in Städten Lateinamerikas, in Rom und Washington. Herausforderungen einer integralen Ökologie, die durch die Gewalt an der Natur durch die Art und Weise der Rohstoffausbeutung, durch Monokulturen, Landkonflikte, Vertreibungen, Menschenrechtsverletzungen immer greifbarer werden.

Die Brände der letzten Monate im Amazonasgebiet haben die Aufmerksamkeit weiter gesteigert, ebenso die "Fridays for Future"-Initiativen in Europa und weltweit. In Gesprächen und Erfahrungsberichten, wie adäquat Seelsorge in diesen riesigen Gebieten und Weiten ganzheitlich möglich ist, in der eine Besuchspastoral durch eine Pastoral der Präsenz abgelöst wird, in der bereits bestehende Dienste besonders von Frauen anerkannt und gewürdigt werden - all das war bereits Bestandteil des Gepäcks, das nach Rom mitgebracht worden war.

Dem Papst beim Rudern des Synodenbootes beistehen

Nun steht die Synode kurz vor ihrem Abschluss. Und wie es bei weitreichenden Entscheidungsprozessen üblich ist, wird auch bei dieser Sonderversammlung, die ein Territorium und nicht zuerst ein Thema in den Mittelpunkt stellt, intensiv um den Weg gerungen. Das ist für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht einfach. Mal gibt es Optimismus, mal Enttäuschung über Debatten, Vorlagen und Texte. Knapp 40 Frauen nehmen an der Synode teil und gerade sie sind es, die hinweisen auf Matthäus 25 ("Was ihr dem Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan"), die darauf hinweisen, dem Papst beim Rudern des Synodenbootes beizustehen.

Schwester Agnes lebt seit fast 20 Jahren mit den Yanomami in Brasilien an der Grenze zu Venezuela. Sie sagt, dass es unerlässlich sei, in der Mission gegenwärtig zu sein, den Völkern zuzuhören - ihren Freuden zuzuhören, ihren Liedern, die ihre Beziehung zur Natur, zum Transzendenten zum Ausdruck bringen. "Das ist kein Besuch, es ist kein einwöchiger Aufenthalt, es ist eine Option der Präsenz, eine Option des Zusammenseins mit den Menschen." Sie kommt zu dem Schluss, dass die Völker des Amazonas das Evangelium verkünden, weil sie überzeugt seien und glauben, dass "alles miteinander verbunden ist"; sie sehe deren Fürsorge und die Verbindung zur Natur. So werde der Welt die "Synode durch die indigenen Völker verkündet".

Schwester Maria Irene Lopes, Generalsekretärin des kirchlichen Amazonas-Netzwerks REPAM in Brasilien.

Die Vorbereitungen und die Amazonas-Synode selbst haben unsere Kirche ein gutes Stück vorangebracht, wobei der Gesamtprozess nach der Synode weitergeht. Drei Wörter bleiben mir im Sinn: "Conversion" / Umkehr - in der Beziehung zur Mitwelt, die Verletzlichen ins Zentrum stellen, kulturelle Vielfalt und Anderssein anerkennen. "Convicción" / Überzeugung - autochthonen Völkern zuhören und lernbereit zu sein; die Würde, Weisheit und Fähigkeiten von Frauen institutionell anerkennen. "Compromisso" / Engagement - für das Gemeinsame Haus; der Katakombenpakt wird da konkret.

Was mich hier in Rom immer wieder freut und bewegt, ist die große Kraft und Energie, die von den zahlreich in der Stadt vertretenen Engagierten aus vielen Teilen der Welt ausgeht. Die Amazonas-Synode ist nicht auf ein Treffen in der Aula reduzierbar. Rund um den Vatikan greifen hunderte Menschen, darunter eine große Gruppe aus Lateinamerika, die Themen dieser Synode auf, diskutieren und bringen frische Impulse in die Debatte ein. "Neue Wege", die die Synode für Kirche und Mitwelt weisen soll, werden konkret und greifbar - etwa in einem Workshop zur Agrarökologie. Er zeigt, wie reich indigene Gemeinschaften in Lateinamerika an traditionellem Wissen über nachhaltige Landwirtschaft sind und mit ihren Erfahrungen beste Perspektiven haben für eine die Schöpfung schützende und respektierende Wirtschaftsweise.

Themen entfalten weit über Lateinamerika hinaus Wirkung

Die Synoden-Themen entfalten weit über Lateinamerika hinaus Wirkung. Bischöfe aus Kamerun, Kongo-Brazzaville und der Demokratischen Republik Kongo berichten von der Arbeit ihres Netzwerkes für den Schutz des Waldes im Kongo-Becken (REBAC). In seinem Bestand ist er gefährdet wie der Regenwald in der Amazonien-Region oder Urwälder in Indonesien. Auch auf dem afrikanischen Kontinent werden die Probleme längst angepackt und benannt: "Die Natur verhält sich nicht schlecht, der Mensch tut dies", sagt etwa der kamerunische Bischof Abraham Kome. "Auch viele Menschen in Afrika sind Teil des Tanzes um den Profit geworden." Gerade die jüngere Generation messe traditionellen Strukturen weniger Bedeutung bei. REBAC will daher neue Impulse und Aktivitäten hin zu einer anderen Logik von Leben und Wirtschaften entwickeln.

"Es braucht eine neue Zukunftsvision hin zu einer Partnerschaft mit der Erde", ergänzt Louis Portella, Bischof aus der Republik Kongo-Brazzaville. "Wir müssen den Umweltschutz als Chance begreifen." Und er bekräftigt: "Die Amazonas-Synode betrifft die ganze Welt", und entsprechend müsse die Kirche ihrer Verantwortung gerecht werden, sich den neuen Herausforderungen stellen, ihre eigenen Strukturen anpassen, sodass konsequent und überall neue Wege für eine nachhaltige Zukunft eingeschlagen würden.

Schon jetzt habe die Synode vieles verändert, lobt Schwester Maria Irene Lopes, Generalsekretärin des kirchlichen Amazonas-Netzwerks REPAM in Brasilien. Sie nimmt an der Amazonas-Synode teil und zieht ein sehr positives Zwischenfazit: "Niemals hätte ich gedacht, dass der Papst den indigenen Völkern des Amazonasraums in so großartiger Weise die Tür öffnet und wir rund um die Synode teilhaben können an all den Zeremonien im Vatikan. Das sind ganz besondere Momente, die zeigen: Kirche ist unterwegs, Kirche ist Teil vieler Völker, die etwas ändern wollen. Der Papst will uns zuhören, er fordert uns auf, genau das auszusprechen, was wir wirklich denken. Das hat uns sehr ermutigt." Schwester Maria Irene glaubt fest an substanzielle Fortschritte - auch wenn viele neue Schritte zweifellos Zeit bräuchten. Zugleich lasse sich auf manches bereits Erreichte aufbauen. Auch die Bevölkerung Europas wird sich bewegen müssen. Europa will den Regenwald retten, aber seinen Lebensstil nicht ändern. Das geht nicht zusammen.

Von Pirmin Spiegel

Der Autor

Pirmin Spiegel ist Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des Bischöflichen Hilfswerks Misereor in Aachen.