Kardinal Marx steht neben Bischof Feige
Bonifatiuswerk unterstützte geheime Zusammenkünfte von Seminaristen

Als Kardinal Marx und Bischof Feige an "Ossi-Wessi-Treffen" teilnahmen

"Ossi-Wessi-Freundschaften" trotz Mauer: Als Theologiestudenten nahmen Kardinal Reinhard Marx und Bischof Gerhard Feige an einem geheimen deutsch-deutschen Austausch teil. Zeitzeugen erzählen davon – fast 30 Jahre nach dem Mauerfall.

Von Nina Schmedding (KNA) |  Magdeburg - 07.11.2019

Nach seiner Stasi-Akte hat Martin Klöckener nie gefragt. "Ich vermute, dass es so etwas gibt", sagt der 64-Jährige, heute Liturgieprofessor im schweizerischen Fribourg. "Man musste vorsichtig sein, wir wurden beobachtet." Damals, in den 70ern, war er Theologiestudent in Paderborn und reiste häufig in die DDR - zu seinem Freund Gerhard Feige, Theologiestudent in Erfurt. Deklariert war er als "entfernter West-Verwandter" - so entfernt, dass sich der Verwandtschaftsgrad für eventuelle Spitzel nicht so einfach nachverfolgen ließ.

Die beiden Männer waren heimliche "Theologie-Austausch-Partner", diesseits und jenseits der Mauer. Da der östliche Teil des Erzbistums Paderborn - das heutige Bistum Magdeburg - durch den Eisernen Vorhang von der Bundesrepublik abgeschnitten wurde, war zwischen den rund 30 Theologie-Studenten im Osten und Westen ein freier Austausch nur unter konspirativen Bedingungen möglich.

"Wessis" sollten "Ossis" unterstützen - mental und materiell

Klöckener erinnert sich: "Wir wurden als Studierende in Paderborn angehalten, uns im Ostteil der Diözese einen Partner zu suchen." Die "Wessis" sollten die "Ossis" mental und auch materiell unterstützen, die als Theologiestudenten in der DDR als Exoten galten und gegen Widerstände kämpften. Man traf sich zunächst in einer Kneipe in Ost-Berlin und lernte sich kennen. Feige und Klöckener fanden schnell zueinander. "Daraus entwickelte sich eine Freundschaft, die bis heute fortbesteht", versichern beide. Sie besuchen sich immer noch regelmäßig. Der eine ist verheiratet und lebt in der Schweiz, der andere ist Bischof von Magdeburg.

Das Bonifatiuswerk mit Sitz in Paderborn, das auch heute Initiativen in der Diaspora fördert, stellte jedem Studenten im Ostteil des Erzbistums eine Geldsumme zur Verfügung, die der Partner im Westen im Sinne des östlichen Partners einsetzen sollte, weil eine direkte Überweisung nicht möglich war. Klöckener schickte seinem Freund Gerhard vor allem theologische Bücher - versteckt zwischen Spekulatius in Keksdosen. Eine Stola, die er ihm per Post zukommen lassen wollte, kam nie an. "Vermutlich wurde sie gestohlen und dann verkauft", meint Klöckener.

Bild: © Privat

Martin Klöckener ist Professor auf dem zweisprachigen Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft und Direktor des Instituts für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg in der Schweiz.

Ein Anzug dagegen, den Klöckener an der Grenze als seinen eigenen ausgab, um ihn nicht deklarieren zu müssen, erreichte Feige - allerdings nicht ohne Probleme, erzählt der Theologe und schmunzelt vergnügt bei der Erinnerung. Die DDR-Grenzbeamten guckten schräg und hielten ihm den Anzug probeweise an den Bauch. "Das ist ja wohl nicht ihrer", sagte einer. "Da ich über 1,90 groß bin und Gerhard eher klein, fiel der Schmuggel sofort auf." Klöckener musste Strafe zahlen, durfte den Anzug aber schließlich mitnehmen.

Auch Michael Gambke, heute Pfarrer im sachsen-anhaltischen Tangermünde und Richter am Erfurter Offizialat, nahm vor mehr als 40 Jahren an den geheimen Ost-West-Treffen zwischen Magdeburg und Paderborn teil - zusammen mit Reinhard Marx, damals Theologiestudent in Paderborn, heute Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und Erzbischof von München und Freising. Nach dem ersten Kennenlernen in der Ost-Berliner Kneipe reiste der spätere Kardinal regelmäßig in die DDR zu Gambke. "Zuerst sind wir zusammen auf die Huysburg gegangen, der Reinhard und ich", erzählt Gambke. "Und Dresden haben wir uns angeguckt. Reinhard wollte das Leben hier kennenlernen."

"Habe gehofft, dass Marx Erzbischof von Berlin wird"

Auch als Gambke 1978 zum Priester geweiht wurde, war Marx dabei. "Umgekehrt war das ja leider nicht möglich", bedauert der Pfarrer - eine Priesterweihe war kein erlaubter Reisegrund für einen "Ossi". Dafür gelang Gambke 1988 ein verbotener Abstecher zu Marx in Dortmund, wo dieser damals Geistlicher Rektor eines katholischen Sozialinstituts war. "Offiziell war ich auf Verwandtschaftsbesuch im Westen, eine Tante hatte runden Geburtstag."

Nach der Wende besuchten sich beide weiterhin, wenn sich die Gelegenheit bot. Dass sein Freund Reinhard mal Kardinal würde - "nein, das hätte ich nicht gedacht", sagt Gambke. "Heimlich habe ich gehofft, dass er Erzbischof von Berlin wird", so der 67-Jährige. "Denn dann wäre er ja um die Ecke gewesen. Ich hätte ihn gern mal wieder zum Kaffee eingeladen."

Von Nina Schmedding (KNA)