Bonifatiuswerk: 170 Jahre Hilfe für Katholiken in der Diaspora
Von BONI-Bussen, Propsteikirchen und neuen Formen von Minderheit

Bonifatiuswerk: 170 Jahre Hilfe für Katholiken in der Diaspora

Westdevisen und geschmuggelte Videorekorder: Ohne das Bonifatiuswerk wäre katholisches Gemeindeleben in der DDR schwer möglich gewesen. Das Werk setzt sich bis heute für Diasporakatholiken in Deutschland, Skandinavien und dem Baltikum ein. Doch sinkende Gläubigenzahlen stellen die spendenfinanzierte Glaubenshilfe vor Herausforderungen.

Von Cornelius Stiegemann |  Bonn/Paderborn - 04.10.2019

Fast vierzig Jahre lang hatte sich die Leipziger Propsteigemeinde St. Trinitatis mehr oder weniger behelfen müssen. Die Ruine der eigenen Kirche war 1954 abgerissen worden. Weil die Behörden der DDR die Baugenehmigung für einen Wiederaufbau immer wieder verschleppten und hinterher ganz verweigerten, war man für die Gottesdienste auf verschiedene evangelische Kirchen der Stadt ausgewichen. Doch das war keine dauerhafte Lösung für die durch Heimatvertriebene stark gewachsene Gemeinde. Am 21. November 1982 konnte dann endlich die neue Kirche, ein schlichter Hallenbau aus Sichtbeton, geweiht werden. Das Einlenken der Behörden war durch die Intervention des Dresden-Meißener Bischofs möglich gemacht worden – und durch den Erhalt von Westdevisen.

Das Paderborner Bonifatiuswerk hatte jahrelang Spenden gesammelt und das Geld über den Devisenhandel der DDR an die Trinitatisgemeinde gesandt. In den Jahren bis zum Fall der Mauer flossen für dieses und viele weitere Projekte insgesamt 743 Millionen Mark in den Osten. Doch unterstützte man die katholischen Christen im atheistischen Nachbarstaat nicht nur in Form von Geld.

Videorekorder im Waschmittel geschmuggelt

"Ich war damals Theologiestudent", erinnert sich Georg Austen, der heutige Generalsekretär des Bonifatiuswerks. "Wir hatten alle eine Kontaktperson in der DDR. Und dann wurden Pakete gepackt, mit theologischer Literatur, aber auch mit Kaffee und anderen Lebensmitteln." Organisiert wurden diese Aktionen in den 1970er Jahren vom Bonifatiuswerk. Am Zoll vorbei versuchte man den Theologiestudenten, jungen Priestern oder Seelsorgehelferinnen im Osten Unterstützung zukommen zu lassen. Und weil die DDR-Bürger nicht in die BRD reisen durften, fuhren die westdeutschen Studenten kurzerhand in die DDR. "Manche Dinge haben wir auch geschmuggelt. Wir haben sogar einmal Videorekorder in Waschmittelboxen versteckt und dann gehofft, damit unentdeckt über die Grenze zu kommen", sagt Austen. So sollte auch in der offiziell atheistischen DDR eine zeitgemäße Gemeindearbeit möglich sein.

Als katholische Laien zusammen mit einigen Priestern noch über ein Jahrhundert zuvor den "Bonifatius-Verein" in Regensburg gründeten, war man von einer Mauer quer durch Deutschland weit entfernt. Fast so weit entfernt wie von einem deutschen Einheitsstaat. Trotzdem hob man am 4. Oktober 1849 ein Hilfswerk aus der Taufe, das über Bistums- und Landesgrenzen hinweg deutsche Katholiken in Minderheitensituationen – vor allem im protestantisch geprägten Norden und Osten – mit Spendengeldern unterstützen sollte. Sie stellten ihr Werk unter den Schutz des heiligen Bonifatius (672/675-754), der als Apostel aller Deutschen in dieser Zeit große Verehrung erfuhr. Drei Jahre später wurde es päpstlich anerkannt.

Georg Austen.

Konnte man Mitte des 19. Jahrhunderts noch relativ klar eine konfessionelle Grenze durch die deutschen Lande ziehen, wurde das mit der einsetzenden Industrialisierung schwieriger: Katholische Arbeiter siedelten in protestantische Industriegebiete über. Dort fanden sie Arbeit, doch katholische Infrastruktur suchten sie vergebens. Der Bonifatius-Verein sammelte deshalb Geld für neue Gotteshäuser: "Sie finden in Ost- und Norddeutschland kaum eine Kirche aus dieser Zeit, die nicht vom Bonifatius-Verein mit ermöglicht wurde", sagt Austen. Doch man finanzierte auch den Bau von Schulen und katholischen Jugendeinrichtungen. 1885 hatten Paderborner Kaufleute den "Schutzengelverein" gegründet, aus dem die heutige Kinder- und Jugendhilfe des Bonifatiuswerkes hervorging.

Nachdem die Arbeit des Hilfswerks in der Zeit des Nationalsozialismus erzwungenermaßen zum Erliegen gekommen war, kam ihm nach dem Krieg eine neue Rolle zu. "Es hatte in dieser Zeit eine wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste Scharnierfunktion für Katholiken in Ost und West", sagt Austen. Zu großen Kirchenbauten und kleinen, geschmuggelten Videorekordern kam nun auch die Finanzierung von Kleinbussen oder Autos. Zudem werden seit dieser Zeit die sogenannten "RKW", die "Religiösen Kinderwochen" unterstützt, um den Glauben auch den nachfolgenden Generationen näherzubringen und die Erfahrung einer Glaubensgemeinschaft zu ermöglichen.

Hilfswerk nicht mehr nur für Deutschland

Gleichzeitig ging der Blick nach Norden. Der Vatikan und die Deutsche Bischofskonferenz hatten das Hilfswerk gebeten, Skandinavien als Förderregion aufzunehmen. "Das waren ja Gebiete, in denen der Status der katholischen Kirche sehr schwierig war", erklärt der Generalsekretär. Bis heute erfahren die katholischen Christen, die dort zwischen 0,3 und drei Prozent der Bevölkerung ausmachen, kaum Unterstützung. "In Finnland bekommt eine Gemeinde heute für jeden registrierten Katholiken neun Euro staatliche Unterstützung." Doch seien viele Katholiken eben nicht gemeldet. Nach der Öffnung des Ostblocks nahm man 1995 auch Estland und Lettland in das Förderprogramm auf. Nach jahrzehntelanger Sowjetherrschaft war das katholische Leben insbesondere in Estland fast vollständig erloschen. Bis heute zählen diese Staaten zu den säkularisiertesten der Welt.

An den zwei Grundpfeilern der Arbeit des Bonifatiuswerks hat sich in 170 Jahren nichts geändert: zum einen das Evangelium in die Gesellschaft tragen und den Menschen den katholischen Glauben näherbringen; zum anderen den in der Minderheit lebenden Glaubensbrüdern und -schwestern solidarisch zur Seite stehen. Das umfasst nach wie vor finanzielle Hilfen für den Bau von Kirchen und katholischen Bildungseinrichtungen, für die religiöse Kinder- und Jugendarbeit und für die Verkehrshilfe, die vielen Menschen in Form der maisgelben BONI-Busse ein Begriff sein dürfte. "Wir erleben hier in Deutschland eine große Ungleichzeitigkeit von Abbrüchen, Umbrüchen und Aufbrüchen. Gleichzeitig haben wir eine sehr stark wachsende Kirche in Nordeuropa und eine Wiedergeburt der Kirche im Baltikum", bilanziert Austen. Die finanziellen aber auch inhaltlichen Hilfen müssen daher auf die verschiedenen Situationen angepasst werden.

Boni-Busse

Bereit zur Abfahrt: Fünf "Boni"-Busse vor der Dresdener Kathedrale, der sogenannten Hofkirche.

Doch gibt es heute noch andere Minderheitensituationen als zur Zeit der Gründung des Hilfswerkes oder in der DDR: Es geht nicht mehr nur um eine zahlenmäßige Diaspora (dt.: Zerstreuung). "Auch in Paderborn und Köln leben Menschen, die sich in einer Diasporasituation fühlen, weil viele andere Katholiken nicht mehr am Gemeindeleben oder am Gottesdienst teilnehmen." Austen spricht von einer "Glaubensdiaspora": "Wo erleben die Menschen bei all den Neustrukturierungen, den riesigen Pfarreien, den fehlenden Priestern noch Glaubensgemeinschaft? Wo erfahren sie Gott?"

Mittlerweile gebe es sogar eine doppelte Diasporasituation. Wo nämlich nicht nur Katholiken, sondern Christen generell in der Minderheit seien, sagt Austen. Und fragt: "Welche Formen der Glaubensbildung braucht es, damit wir auskunftsfähig darüber mit anderen in Dialog treten können?" Man könne von Andersdenkenden und Andersglaubenden lernen, müsse jedoch das eigene religiöse Profil bewahren und auch deutlich werden lassen. Der Säkularisierung der Gesellschaft begegnet das Bonifatiuswerk unter anderem mit seiner Glaubenshilfe, die im Jahr 2013 zu den drei bestehenden Hilfsarten hinzugekommen ist. Gefördert werden "innovative missionarische Projekte und Personalstellen" in ganz Deutschland und damit erstmals auch in katholischen Regionen. So will das Werk auch Menschen ansprechen, denen der Glaube fremd ist, um ihnen einen Zugang zu den Inhalten des Glaubens zu ermöglichen.

Unterstützung von Diasporakatholiken – auch in Zukunft?

Seit seiner Gründung finanziert das Hilfswerk solche Projekte in Deutschland durch Spenden, Erbschaften und Kollekten. Dabei stellen die Sammlungen zur Erstkommunion, zur Firmung und am Diaspora-Sonntag den Großteil der Einnahmen dar. Teile der Finanzierung hängen also von der Zahl der Gottesdienstbesucher und Kommunionkinder ab. Wie ist es da in Zeiten zurückgehender Mitgliederzahlen um die Zukunft des Diaspora-Hilfswerkes bestellt? "In den Einnahmen sind wir bisher stabil geblieben", sagt Austen. Doch mache er sich nichts vor. "Die Spendenmittel und Kollekten werden zurückgehen. Wir können nur mit den Mitteln helfen, die uns zur Verfügung gestellt werden. Da gilt es sorgsam mit dem Geld umzugehen." Gleichzeitig müssten neue Wege gefunden werden, über die man Menschen auf die eigene Arbeit aufmerksam machen kann, um sie zur Unterstützung des Hilfswerks zu bewegen. "Die Bindung der Kirchgänger zu einem 'Hilfswerk für den Glauben' wird schwächer. Andererseits – das hat eine Spenderbefragung ergeben – sind Menschen dazu bereit, Geld für karitativ-soziale Projekte zu spenden." Schon heute machten deshalb die Glaubenshilfe und die Kinder- und Jugendhilfe die zwei größten Blöcke in der Förderung aus.

Nichtsdestotrotz verbinden die meisten Menschen wohl die neugebauten Kirchen mit der Arbeit des Bonifatiuswerkes. Und auch für Georg Austen waren die Weihen des neuen Doms von Trondheim oder des (zweiten) Neubaus der Trinitatiskirche in Leipzig sehr emotionale Momente. Das Gotteshaus von 1982 hatte schon zehn Jahre nach Fertigstellung große bauliche Mängel aufgewiesen. Dazu kam eine von der DDR-Regierung bewusst zugewiesene Lage am Rande der Stadt. In den 2000er Jahren fasste die Gemeinde den Entschluss, wieder mehr ins Zentrum der Stadt zu rücken. Sie erwarb ein Grundstück in Sichtweite des Ortes, an der die erste Trinitatiskirche gestanden hatte. Der am 9. Mai 2015 geweihte Neubau mit seinem dreieckigen Grundriss und weithin sichtbaren Glockenturm wurde wieder vom Bonifatiuswerk mitfinanziert.

Von Cornelius Stiegemann