Sr. Lorena Jenal mit einer Überlebenden eines Hexenprozesses
Schwester Lorena Jenal setzt sich für gefolterte Frauen ein

Wie eine Ordensfrau gegen Hexenverfolgung kämpft

Seit einigen Jahren herrscht in Papua-Neuguinea ein regelrechter "Hexenwahn": Frauen werden der Zauberei bezichtigt und brutal gefoltert. Die Schweizer Ordensschwester Lorena Jenal setzt sich intensiv für die Opfer ein. Im Interview erklärt sie, wie sie gegen die Hexenverfolgungen kämpft.

Von Roland Müller |  Bonn/Aachen - 12.01.2020

Die Schweizer Ordensschwester Lorena Jenal lebt seit mehreren Jahrzehnten in Papua-Neuguinea. Dort setzt sie sich für die Versöhnung zwischen verfeindeten Familienclans ein. Doch seit einigen Jahren kümmert sich Sr. Lorena zunehmend um Frauen, die Opfer von Hexenprozessen geworden sind. Wie ihr Einsatz für die misshandelten Frauen aussieht, erzählt sie im Interview.

Frage: Sr. Lorena, Sie versuchen in Papua-Neuguinea dem dort vorherrschenden Hexenglauben entgegenzuwirken. Warum glauben die Menschen dort an Zauberei?

Sr. Lorena: Ich bin bereits seit 1979 in Papua-Neuguinea tätig. Ich habe mich von Anfang an für die Menschen eingesetzt, die unter der Gewalt der zahlreichen Kämpfe zwischen den Familienclans gelitten haben, die es besonders nach der Unabhängigkeit des Landes 1975 gab. Das traurige Schicksal der Frauen hat mich sehr berührt, weil es bedeutet, dass meistens auch Kinder leiden. Die ganze Familie wurde auf diese Weise in die Gewalt hineingezogen. Aber ich hätte mir vor 30 Jahren nicht vorstellen können, dass es in Papua-Neuguinea – obwohl es ein patriarchalisches Land ist – Hexenprozesse gegen Frauen geben könnte. Erst 2012 bin ich zum ersten Mal mit dem Hexenglauben in Berührung gekommen.

Frage: Ist der Hexenglaube in der Kultur Papua-Neuguineas verankert?

Sr. Lorena: Nein, er ist ein neues Phänomen. Ich persönlich nenne es Hexenwahn, denn dieser Glaube ist irrational. Die Kultur Papua-Neuguineas kennt jedoch Sippenkämpfe aufgrund von Rache und Vergeltung, bei denen hin und wieder auch Zauber eine Rolle spielt. Die Menschen nehmen einen unerwarteten Todesfall oder einen anderen Schicksalsschlag nicht so leicht hin und suchen nach einem tieferen Grund. Dass sie dabei aber an den Zauber von Hexen als Grund ihres Unglücks denken, ist neu. Übrigens können auch Männer als Hexer bezichtigt werden, obwohl die meisten Frauen sind.

Frage: Aber die meisten Menschen in Papua-Neuguinea sind doch Christen, oder?

Sr. Lorena: Als ich vor 40 Jahren dorthin kam, hatte ich viel mit einem starken Ahnenglauben zu tun. In der Vorstellung der Bevölkerung leben die Ahnen als Geister weiter und wirken auf diese Weise in der Gegenwart. Doch das Land ist gleichzeitig sehr christlich geprägt. Der erste Premierminister etwa erklärte das Land 1975 offiziell für christlich. Es gibt viele Katholiken und Protestanten, aber auch einige Freikirchen. Eigentlich passt das Hexenphänomen nicht in dieses christliche Land.

Sr. Lorena Jenal bei Friedensverhandlungen zwischen zwei Dörfern

Sr. Lorena Jenal ist auch als Vermittlerin bei Friedensverhandlungen zwischen Dörfern tätig.

Frage: Wie sieht die Koexistenz von traditionellem Glauben der Ureinwohner und Christentum aus?

Sr. Lorena: Das hängt natürlich davon ab, wie man den jeweiligen Glauben lebt. Ein Beispiel: Ich habe den Häuptling einer Sippe auf seine Taufe vorbereitet. Das dauerte sieben Jahre lang. Dieser Mann hat so überzeugt geglaubt, dass er für mich zu einem großen Beispiel wurde. Er hat mir in diesen Jahren der Vorbereitung immer wieder gezeigt, wie man auch als Christ den traditionellen Glauben nicht einfach totschweigt oder zerstört, sondern verwandelt. Er verstand es, im Glauben immer wieder eine frohe Botschaft aufscheinen zu lassen, die Lebensqualität und Freude widerspiegelt. Bei ihm konnte ich erleben, wie sich traditioneller und christlicher Glaube gegenseitig umarmen. All das mündet als Verbindung in die eine große Liebe zu Jesus Christus.

Frage: Können Sie ein konkretes Beispiel dafür nennen, wie sich das im Alltag ausdrückt?

Sr. Lorena: Dieser Häuptling damals hatte acht Frauen, er lebte in der Polygamie. Seine Frauen wurden mit ihm getauft. Die Dorfgemeinschaft hat gemeinsam mit ihm als Oberhaupt entschieden, welche der acht Frauen nach der Taufe seine Ehefrau sein wird. Für alle anderen Frauen und deren Kinder sorgt er weiterhin und veranstaltet auch mehrmals im Jahr ein Fest als Großfamilie. Alles funktioniert sehr friedlich und harmonisch. Das ist nur ein Beispiel, wie der alte und der neue Glaube miteinander verbunden werden können, ohne einen Menschen zu zerstören.

Frage: Mit dieser Einschätzung stehen Sie im Einklang mit Papst Franziskus und seiner Wertschätzung für die traditionellen Kulturen, die jüngst bei der Amazonas-Synode sichtbar geworden ist…

Sr. Lorena: Selbstverständlich, ganz klar! 2002 habe ich Kardinal Jorge Mario Bergoglio im Vatikan kennengelernt. Er war damals schon meine Wahl für einen neuen Papst, denn Johannes Paul II. war bereits sehr krank. Franziskus hat mich fasziniert: Er war so offen und ganz menschlich, so weit- und freidenkend. Er wollte die ganze Welt umarmen.

Frage: Zurück nach Papua-Neuguinea: Gibt es auch Konflikte zwischen indigenem und christlichem Glauben?

Sr. Lorena: Das passiert kaum, denn es gibt ein harmonisches Miteinander beider Glaubensvorstellungen. Die gesellschaftlichen Probleme in Papua-Neuguinea sind eher in der Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte zu finden. Dieses paradiesisch schöne Land wurde praktisch über Nacht in die modernste technische Welt hineinkatapultiert. Man muss sich das so vorstellen: Ein Volk lebt im buchstäblichen Sinn in der Steinzeit, mit Lendenschurz und Grasrock und muss dann in kürzester Zeit eine Entwicklung von 1.000 Jahren durchleben. Das ist einfach eine zu große Spannung. Außerdem werden die Menschen in Filmen oder im Internet mit Gewalt und harter Pornografie überflutet. Das können die meisten nur schwer verarbeiten und es kommt zu Aggressionen.

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Eine Schweizer Ordensfrau hilft Opfern von Hexenverfolgung.

Frage: Wie hat der Hexenwahn angefangen?

Sr. Lorena: Als die erste Frau als angebliche Hexe gefoltert wurde, war ich sehr darüber schockiert, dass so etwas überhaupt möglich ist. Ich habe viele Sippenkämpfe erlebt und in vier von ihnen auch verhandelt. Ich habe erlebt, wie Menschen gestorben sind, und auch, wie sehr die Menschen unter dem Schrecken und der Trauer gelitten haben. Aber selbst während der Kämpfe zwischen den Großfamilien, die ich hautnah mit der Bevölkerung mitgemacht habe, konnte mir der Häuptling jeden Tag versichern, dass keine Frauen und Kinder in Gefahr sind. Sie wurden unter allen Umständen geschützt. Vergewaltigungen hat es fast nicht gegeben.

Frage: Doch der Hexenwahn richtet sich hauptsächlich gegen Frauen…

Sr. Lorena: Den Menschen fehlt die Harmonie, die es vor einigen Jahrzehnten noch gegeben hatte. Der Zusammenhalt unter den Sippenmitgliedern zerfällt immer mehr. Da gibt es keine friedliche Balance und keinen Respekt vor den Frauen mehr. Auch Alkohol und harte Drogen sind ein Problem, besonders in Verbindung mit Gewalt. Hinzu kommt, dass Frauen in Papua-Neuguinea bis zum heutigen Tag nicht gleichberechtigt sind – auch wenn es schon große Fortschritte gegeben hat. Zum Hexenwahn ist es letztlich gekommen, weil die Menschen einen Sündenbock gesucht haben. Ich weiß vom Fall eines jungen Mannes, der ganz unerwartet gestorben ist. Die Familie hatte große Hoffnungen in ihn gesetzt und konnte nicht fassen, dass er tot ist. Die Angehörigen haben eine Erklärung in der Annahme gefunden, dass der junge Mann verzaubert worden war. Eine Hexe war schuld.

Frage: Das ist also ein klassischer Fall von Hexenwahn?

Sr. Lorena: Jeder Fall ist anders, aber das Sündenbockphänomen ist sehr wichtig, um den Hexenglauben zu verstehen. Das alles erinnert mich an die ersten Fälle von Aids in Papua-Neuguinea. Damals hat man die Aids-Kranken, hauptsächlich Frauen, stark gemieden und sie nicht mehr ins Haus gelassen, weil man Angst vor Ansteckung hatte. Heute weiß man, dass sich Aids nicht einfach durch eine Umarmung überträgt und die Menschen gehen besser mit den Kranken um. Damals hat besonders die Kirche dabei geholfen, dass sich die Situation änderte. In verhältnismäßig kurzer Zeit sind wir da sehr weit gekommen. Ich hoffe, der Hexenwahn kann mit Hilfe der Kirche ebenfalls eingedämmt werden.

Frage: Wie helfen Sie den Opfern von Hexenverfolgungen?

Sr. Lorena: Seit 2016 konnte ich 55 Opfer des Hexenwahns retten; weitere vier sind gestorben. Es läuft meistens so ab, dass ich oder einer meiner Mitarbeiter von einem Hexenprozess hören, der irgendwo passiert ist. Die Leute wissen, dass wir gegen den Hexenwahn kämpfen und sagen uns Bescheid. Wer große Angst hat, schiebt mir manchmal nur einen Zettel unter der Tür durch. Dann fahre ich in das Dorf, wo das Verbrechen passiert ist und hole als erstes die Opfer dort heraus. Sie müssen gut versorgt und in Sicherheit gebracht werden. Denn die Folterung ist meistens schon vorbei, wenn ich dort ankomme.

Hexenprozesse in Papua-Neuguinea

In vielen Dörfern Papua-Neuguineas werden Frauen gefoltert, die als Hexen diffamiert worden sind. Ihnen wird oftmals die Schuld an einem schweren Schicksalsschlag gegeben.

Frage: Warum werden die angeblichen Hexen gefoltert?

Sr. Lorena: Durch die Folterung – meist durch Schnittverletzungen oder Verbrennungen mit heißen Metallstangen – soll die Frau zu einem Geständnis gezwungen werden, dass sie eine Hexe ist und jemanden verzaubert hat. Wenn sie das zugibt, wird sie freigelassen. Das bedeutet aber auch, dass sie für den Rest ihres Lebens aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wird – eine grausame Strafe in der von Großfamilien geprägten Gesellschaft in den ländlichen Regionen. Nachdem wir die Opfer versorgt haben, gehen wir zurück in die Siedlung, wo gefoltert wurde. Wir hören zu, was die Menschen dort über ihre Tat und die Gründe dafür erzählen. Wir bleiben manchmal auch einige Tage dort. Danach folgt der allerschwerste Schritt: ein Prozess von oft sehr langer Eingliederung, Versöhnung und Wiedergutmachung. Die andere Seite unserer Arbeit ist, dass wir ein Bildungsprogramm gegen den Hexenwahn konzipiert haben. Damit fangen wir schon in der Grundschule an. Wir möchten eine neue Generation heranbilden, die das Phänomen des Hexenglaubens kennt, es aber ablehnt.

Frage: Wie schwierig ist Ihr Einsatz für die Versöhnung in den Dörfern?

Sr. Lorena: Das ist wirklich eine große Herausforderung. Erst bekomme ich das große Leid der Opfer unmittelbar mit, danach muss ich zu den Tätern gehen, denn ich will auch für sie da sein. Diese Menschen haben ihre ganz eigene Geschichte und Prägung. Ich will verstehen, wie es möglich ist, dass ganz normale Leute unschuldige Mitmenschen so quälen und leiden lassen. Oft sind sie felsenfest davon überzeugt, dass diese Frauen Hexen sind. Aber manchmal habe ich auch Erfolgserlebnisse: Neulich kam ein Mann zu mir und war ganz verzweifelt. Er hatte große Schuldgefühle, weil er Frauen gefoltert hatte; er wollte Hilfe. Aber ein Großteil der Bevölkerung ist bis heute nicht einsichtig.

Frage: Wie können Sie die Täter davon überzeugen, dass sie falsch liegen?

Sr. Lorena: Ich kann sie nicht überzeugen, sie müssen selber zur Einsicht kommen. Aber was ich für sie tun kann ist, sie spüren zu lassen, dass ich ihnen helfen möchte. Es ist ganz wichtig, sie zu verstehen und nicht zu verurteilen. Ich versuche an ihre Vernunft zu appellieren, dass es keine Zauberei und keine Hexen gibt. Der ganze Irrsinn des Hexenwahns basiert auf Verleumdungen und Gerüchten, die völlig aus der Luft gegriffen sind. So wurde eine Frau gefoltert, weil sie als angebliche Hexe einem jungen Mann das Herz aus der Brust gerissen haben soll. Das hatte man sich so erzählt. Der Mann studierte in einer anderen Stadt und hatte sich länger nicht gemeldet. Es hatte schließlich das Gerücht gegeben, dass er tot sei und die Menschen hatten eine Frau dafür verantwortlich gemacht. Bei jedem Fall fühle ich mich wieder neu hilflos und ohnmächtig. Ich habe mir vorgenommen, nicht abzustumpfen und zu versuchen, auch die Täter zu verstehen. Oder frei nach Ruth Pfau: "Mein letztes Wort soll Liebe sein."

Von Roland Müller

Über Schwester Lorena Jenal

Schwester Lorena Jenal stammt aus der Schweiz und gehört der Gemeinschaft der Baldegger Franziskanerinnen an. Seit 1979 lebt und wirkt sie in Papua-Neuguinea. Die 69-Jährige erhielt im vergangenen Jahr den Menschenrechtspreis der Stadt Weimar. Sie ist Projektpartnerin des Katholischen Hilfswerks missio in Aachen.