Katholischer Vorposten im Herzen Berlins
20 Jahre "Katholische Höfe" in der Hauptstadt

Katholischer Vorposten im Herzen Berlins

Vor 20 Jahren wurden in Berlin die "Katholischen Höfe" eingeweiht. Das Gebäudeensemble beherbergt eine Reihe kirchlicher Einrichtungen, darunter als "Platzhirsch" die Katholische Akademie. Und sogar ein Papst war hier schon zu Besuch.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 05.12.2019

Unter Maklern gilt die Oranienburger Vorstadt in Berlin als "Bestlage" und "Trendviertel". Zahlreiche Neubauprojekte rund um die neue Zentrale des Bundesnachrichtendienstes haben den Stadtteil in den vergangenen Jahren zu einem begehrten Wohnviertel werden lassen. Und auch touristisch ist das Gebiet nördlich der Friedrichstraße ein Hotspot der Hauptstadt. Mit der Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße, dem Museum für Naturkunde und sehenswerten Begräbnisstätten wie dem Dorotheenstädtischen Friedhof und dem Invalidenfriedhof zieht die Oranienburger Vorstadt Besucher aus aller Welt an.

Mittendrin in diesem Quartier ist seit 20 Jahren auch die katholische Kirche präsent. Am 5. Dezember 1999 eröffnete sie an der Ecke Chausseestraße/Hannoversche Straße ihre "Katholischen Höfe". Der imposante Gebäudekomplex, der sich unmittelbar neben dem Dorotheenstädtischen Friedhof um drei Innenhöfe gruppiert, galt damals – kurz nachdem Bundestag und Bundesregierung ihren Sitz nach Berlin verlegt hatten – als katholischer Vorposten in der neuen Hauptstadt. Und angesichts der immer noch überschaubaren Präsenz katholischer Einrichtungen in der Stadt ist er das wohl bis heute.

Sitz mehrerer kirchlicher Institutionen

Die "Katholischen Höfe" beherbergen mehrere kirchliche Institutionen, darunter etwa die Berliner Dependancen der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands, der Pax Bank und von Misereor. Die "Platzhirsche" des Quartiers sind aber das Katholische Büro und die Katholische Akademie mit dem ihr angeschlossenen Hotel "Aquino". Die drei Einrichtungen besetzen in den Höfen jeweils eigene Gebäude.

Der Innenraum der Kirche St. Thomas von Aquin auf dem Gelände der "Katholischen Höfe" in Berlin.

Architektonisches und geistliches Zentrum des Ensembles ist allerdings die Kirche St. Thomas von Aquin – und das, obwohl sie von außen gar nicht sofort zu erkennen ist. Besucher, die die Höfe von der Hannoverschen Straße aus betreten, sehen zunächst nur einen rechteckigen Kubus aus hellen Granitsteinen, der sich deutlich von der weiteren Bebauung der Höfe unterscheidet und als eigener Baukörper zwischen der Akademie und dem Hotel steht. Wer jedoch in das Gebäude hineingeht, gelangt in einen eindrucksvollen Kirchenraum, der auch 20 Jahre nach seiner Fertigstellung außerordentlich modern wirkt.

Das wichtigste Gestaltungsmerkmal bilden auch im Inneren der Kirche helle Granitsteine. Sie wurden von den Architekten Thomas Höger und Sarah Hare als Verkleidung für die neun Meter hohen, fensterlosen Wände ausgewählt. Durchbrochen werden die Wände nur durch 2.000 Glasbausteine, die unregelmäßig und nach oben hin zunehmend in das Mauerwerk integriert sind und Tageslicht in das Gotteshaus durchscheinen lassen. Dadurch entsteht tagsüber ein abstraktes Lichtmuster auf der Kirchenwand – ein Effekt, der sich nach Einbruch der Dunkelheit umdreht, denn dann leuchtet die Kirche von innen heraus. Bemerkenswert ist zudem die Dachkonstruktion des Gotteshauses: Vor den Wänden steht ein Baldachin aus hellem Sichtbeton, der auf vier Eckstützen in den Kirchenraum gestellt wurde.  Der dadurch entstandene Spalt zwischen Wänden und Dach wurde mit Fenstern verschlossen, durch die von oben zusätzliches Licht ins Innere fällt.

Die "schönste Kirche von Berlin"

Passend zu ihrem modernen Antlitz ist die Kirche nur behutsam mit Kunstwerken und liturgischen Gegenständen bestückt. Ein ebenfalls aus hellen Steinen gemauerter Altar, ein Ambo aus filigranem Eisen, ein vergoldeter Tabernakel, ein Kreuz aus Elfenbein, eine spätgotische Marienfigur und ein paar Kerzen auf schlichten Kerzenständern – die Ausstattung ist auf das Wesentliche reduziert. Wohl auch deshalb bezeichnete der damalige Berliner Erzbischof Kardinal Georg Sterzinsky das Gotteshaus bei seiner Weihe als "schönste Kirche von Berlin".

Einer der Geistlichen, die regelmäßig in der Kirche Gottesdienste feiern, ist Prälat Karl Jüsten. Für die Messe muss er meist nur über den Hof gehen, denn im Hauptberuf ist er seit mittlerweile 19 Jahren Leiter des Katholischen Büros in Berlin. Das Kommissariat der deutschen Bischöfe, wie es offiziell heißt, ist die Verbindungsstelle der Deutschen Bischofskonferenz zu den Institutionen der Bundespolitik. Die Präsenz des Büros in Berlin ist umso wichtiger, als sich die Bischofskonferenz selbst im Jahr 2000 in geheimer Abstimmung gegen einen Umzug ihres Sekretariats von Bonn nach Berlin entschieden hatte.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (l.) und Papst Benedikt XVI. am 22. September 2011 bei einem Treffen im Katholischen Büro in Berlin.

Jüsten und sein Team haben die Aufgabe, den Kontakt zu den Organen des Bundes und den Parteien zu pflegen sowie katholische Positionen in den politischen Diskurs einzubringen. Dazu beobachtet das Katholische Büro die Gesetzgebungsvorhaben des Bundes, begleitet die Vorbereitung von Gesetzen und gibt Stellungnahmen zu laufenden Gesetzgebungsverfahren ab. Jüngste Beispiele dafür sind etwa die Statements zum Klimaschutzpaket der Bundesregierung, zu den unterschiedlichen Gesetzentwürfen zur Organspende und zur Änderung des Strafrechtsparagrafen 219a, der das Werbeverbot für Abtreibungen regelt.

Ein besonderer Höhepunkt in der jüngeren Geschichte des Büros war im September 2011 der Besuch von Papst Benedikt XVI. (2005-2013). Am 22. September trafen der Papst und Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Bibliothek des Hauses zu einem Gespräch zusammen. Im Anschluss hielt der Pontifex seine viel beachtete Rede vor dem Bundestag und feierte am selben Abend mit mehr als 60.000 Gläubigen eine Heilige Messe im Berliner Olympiastadion.

"Wir versuchen, Geistiges und Geistliches zu verbinden"

Die auf der anderen Hofseite gelegene Katholische Akademie wiederum gilt als wichtigste katholische Denkfabrik in der Hauptstadt. Hier diskutieren Politiker mit Intellektuellen, hier kommen Theologen und Vertreter verschiedener Religionen mit Künstlern und Gelehrten zusammen, hier sprechen Wissenschaftler mit Experten aus Wirtschaft und Gesellschaft. Die Akademie will ein Forum der öffentlichen Auseinandersetzung sein und zugleich einen geschützten Raum für Gespräche im kleinen Kreis bieten – oder, wie es auf der Internetseite heißt: "Wir versuchen, Geistiges und Geistliches zu verbinden."

Für ihre Arbeit stehen der Akademie verschiedene Räume zur Verfügung, darunter das große "Auditorium" mit Platz für bis zu 350 Personen. In diesem Saal findet alljährlich im Oktober auch der St.-Michael-Empfang der Bischofskonferenz statt, zu dem dann regelmäßig auch Politprominenz bis hin zu Bundespräsident und Bundeskanzlerin den Weg in die "Katholischen Höfe" findet.

Von Steffen Zimmermann