Marco Benini
Liturgiewissenschaftler ist diesjähriger Träger des Pius-Parsch-Preises

Marco Benini: "Die Liturgie ist eine Interpretin der Schrift"

Die Feier des Gottesdienstes eröffnet einen ganz besonderen Zugang zur Heiligen Schrift. Welchen, erklärt Liturgiewissenschaftler Marco Benini im Interview mit katholisch.de. Der diesjährige Träger des Pius-Parsch-Preises macht dabei auch deutlich, wie sich Bibel und Liturgie gegenseitig bedingen.

Von Matthias Altmann |  Bonn/Washington - 19.12.2019

Wie versteht die Liturgie die Bibel? Und wie kann man durch die Liturgie die Bibel besser verstehen? Diesen Fragen ist Marco Benini (37) in seiner Habilitation nachgegangen. Sie trägt den Titel "Liturgische Bibelhermeneutik. Die Heilige Schrift im Horizont des Gottesdienstes". Kürzlich hat er dafür den Pius-Parsch-Preis erhalten – eine renommierte Auszeichnung für Nachwuchs-Liturgiewissenschaftler. Momentan lehrt der Eichstätter Diözesanpriester als Gastprofessor an der Catholic University of America in der US-Hauptstadt Washington.

Frage: Die kirchliche Leseordnung ist eigentlich fest vorgegeben. Lohnt es sich da überhaupt noch, über die Verbindung von Bibel und Liturgie zu forschen, Herr Benini?

Benini: Natürlich, weil es da ganz entscheidende Zusammenhänge gibt. Die Liturgie ist eine bedeutende Interpretin der Schrift. Schauen Sie nur mal auf das Kirchenjahr: Jetzt im Advent kommt in den Lesungstexten die prophetische Dimension besonders zum Tragen. Das Kirchenjahr hilft uns auch, das Leben Jesu nach- und mitzuvollziehen. Wenn wir beispielsweise 40 Tage nach Weihnachten die Darstellung Jesu im Tempel feiern, ist das dem zeitlichen Rahmen geschuldet, den das Evangelium vorgibt. Hier bedingt quasi die Bibel die Feier der Liturgie. Umgekehrt hatte die Liturgie historisch gesehen auch Einfluss auf die Kanonbildung der Bibel: In diesen wurden jene Schriften aufgenommen, die auch in der frühkirchlichen Liturgie verwendet wurden.

Frage: Sie haben sich intensiv mit dem liturgischen Zugang zur Bibel beschäftigt. Was macht diesen so besonders?

Benini: Die Feier der Liturgie selbst eröffnet diesen Zugang. Es macht einen Unterschied, ob man selber über einen biblischen Text meditiert, einen exegetischen Kommentar nimmt – oder ihm in der Liturgie begegnet. Denn dort wird die Heilige Schrift den Gläubigen als lebendiges, aktuelles Wort Gottes verkündet, das ihnen neu zugesprochen wird. Das gilt für jede liturgische Feier. Insofern versteht die Liturgie die Bibel nicht in erster Linie als ein Dokument der Vergangenheit.

Frage: Die Liturgie transportiert also das in der Heiligen Schrift festgehaltene Wort Gottes in die Gegenwart?

Benini: Das zeigt sich schon an der Inszenierung der Texte. Wenn es vor der Lesung etwa heißt, "Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus", bedeutet das zunächst einmal: Hier wird nun ein Text vorgetragen, der vor 2.000 Jahren von einem Menschen aufgeschrieben wurde. Nach der Lesung aber spricht der Lektor vom "Wort des lebendigen Gottes". Das richtet sich exakt in diesem Moment an uns. Es ist also ein Dialog, ein Begegnungsgeschehen. Die Gläubigen sprechen Christus vor beziehungsweise nach dem Evangelium ja auch direkt an: "Ehre sei dir, o Herr" und "Lob sei dir, Christus". Insofern zeigt uns die Liturgie in besonderer Weise, dass die Bibel ein Medium der Gottesbegegnung ist. Gott spricht in der Schrift selber zu uns und ist damit gegenwärtig. Dadurch wirkt er auch an uns. Das bedeutet, das Wort hat auch eine sakramentale Dimension.

In der Feier der Liturgie wird das biblisch bezeugte Wort Gottes "ins Heute gebracht", sagt Marco Benini.

Frage: Die liturgischen Texte aktualisieren das Wort Gottes. Liegt hier das gleiche Verständnis wie bei der Eucharistie zugrunde, die den Tod Jesu vergegenwärtigt?

Benini: Hier kommt der anamnetische, also der vergegenwärtigende Charakter der Liturgie ins Spiel, der natürlich auch das Wort betrifft. Gott setzt die in der biblischen Zeit begonnene Heilsgeschichte durch die heutige Verkündigung seines Wortes in der Heiligen Schrift fort. Die Liturgie ist keine Geschichtsstunde oder eine Zeitreise in die Vergangenheit, sondern genau im Gegenteil: Das biblisch Bezeugte wird ins Heute gebracht. So werden die Menschen heutzutage zu Zeitgenossen des Heils. Dasselbe gilt auch für die Eucharistie, bei deren Feier wir jedes Mal aufs Neue Anteil an Christi Tod und Auferstehung erhalten. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) spricht in der Liturgiekonstitution "Sacrosanctum concilium" vom "Tisch des Wortes Gottes". Dadurch kommt die Parallelität zur Eucharistie als dem "Tisch des Herrenleibes" ganz besonders zum Ausdruck.

Frage: Wie kann man Schrift und Eucharistie zusammendenken?

Benini: Die Verbindung von Wort und Eucharistie zeigt sich besonders schön in der Emmaus-Erzählung: Den Jüngern, die mit Jesus unterwegs waren, brannte das Herz, als er ihnen die Bedeutung der Heiligen Schrift erschloss. Aber erkannt haben sie ihn erst beim Brechen des Brotes. Tatsächlich liegt in der Messfeier eine Dynamik vom Wort zur Eucharistie vor. Darüber hinaus sind die Hochgebete ganz stark biblisch durchdrungen. Das gilt nicht nur die Einsetzungsworte Jesu, die der Priester direkt zitiert. Beim Dritten Hochgebet heißt es etwa: "damit deinem Namen das reine Opfer dargebracht werde vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang". Das ist eine Anspielung auf Maleachi 1,11, das Christen schon sehr früh eucharistisch gedeutet haben. Für die Eucharistie gilt das, was für alle anderen liturgischen Handlungen gilt: Sie erhält ihren Sinn aus der Heiligen Schrift.

Frage: Sie haben es bereits angesprochen: Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Bedeutung des Wortes Gottes in der Liturgie besonders herausgestellt. Wird dem in der aktuellen Praxis auch genügend Rechnung getragen?

Benini: Gerade im deutschsprachigen Raum ist es zur Gewohnheit geworden, eine der zwei vorgeschriebenen Lesungen wegzulassen und den Antwortpsalm durch ein Lied zu ersetzen. Das sieht das Messbuch aber nur für den absoluten Notfall vor. Gleichzeitig gehört zu einer wirkungsvollen Glaubensverkündigung auch eine gewisse Ästhetik. Denken Sie dabei nur an die Prozession mit dem Evangeliar zum Ambo, begleitet von Weihrauch und Leuchtern. Solche liturgische Zeichen machen deutlich, dass da nicht irgendein netter Text vorgelesen wird, sondern Gottes Wort. Daher sollte man sie nicht vernachlässigen.

Hintergrund: Pius-Parsch-Preis

Der Pius-Parsch-Preis ist die bedeutendste liturgiewissenschaftliche Auszeichnung im deutschen Sprachraum. Seit 2009 wird er verliehen. Namensgeber ist der Augustinerchorherr Pius Parsch (1884-1954), der durch seine publizistische Arbeit einen wesentlichen Beitrag zur liturgischen Bewegung leistete. Gestiftet wird der Preis vom Pius-Parsch-Institut für Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie und der Liturgiewissenschaftlichen Gesellschaft Klosterneuburg (Österreich).

Frage: Wenn es auch auf eine angemessene Präsentation der biblischen Texte im Gottesdienst ankommt: Sind dann nicht auch die besonders gefordert, die sie vortragen?

Benini: Selbstverständlich. Aus diesem Grund halte ich auch Lektorenschulungen für enorm wichtig. Dort lernt man nicht nur, wie man einen Text angemessen vorliest, sondern auch seine theologische und liturgische Bedeutung. Ich bin überzeugt: Ein Lektor, der sich als Sprachrohr Gottes versteht, wird anders lesen als einer, der sich nur als "Vorleser" begreift.

Frage: Selbst, wenn man vom besten Fall ausgeht: Wird der Bibel Ihrer Meinung nach im Gottesdienst genug Platz eingeräumt? Oder gäbe es noch mehr Möglichkeiten?

Benini: Ich glaube, wenn wir das tun würden, was eigentlich vorgesehen ist, wäre schon sehr viel gewonnen. Aber es geht nicht nur darum, die Bibel im Gottesdienst zu präsentieren, sondern durch die Feier des Wortes in der Liturgie so etwas wie eine liturgisch-biblische Spiritualität zu entwickeln, in der die Bibel durch die Feier des Gottesdienstes unsere christliche Identität prägt und damit auch in den Alltag hineinragt.

Frage: Braucht es dazu nicht auch eine zeitgemäße Sprache bei den liturgischen Texten und im Gottesdienst?

Benini: Die Frage der Übersetzung ist natürlich wichtig, aber nicht ganz so einfach. Auf der einen Seite soll das, was die Texte aussagen, glaubwürdig und dem Originaltext angemessen rüberkommen. Andererseits muss es jedoch eine Sprache sein, die wir heute verstehen. Ein Kriterium für gute liturgische Sprache ist die Wiederholbarkeit: dass die Bibel uns nicht beim ersten Hören schon alles offenbart, sondern bei jedem weiteren Mal etwas Neues aufscheinen lässt. Sie darf also nicht banal sein, aber auch nicht unverständlich. Das ist ein Qualitätsmerkmal.

Von Matthias Altmann